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Sonntag, 22.09.2019

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Awo-Wohnstätte Möhren wird 30 Jahre alt

Inklusion seit drei Jahrzehnten - Sommerfest am 15. September - 12.09.2019 11:47 Uhr

In der Schreinerei der Awo-Wohnstätte in Möhren legt einer der Betreuten die Seitenwand eines Schranks auf eine Maschine, die dann an vorgegebenen Stellen Löcher bohrt. Die Holzwerkstatt ist eine von vielen Arbeitsmöglichkeiten für die Bewohner. © Benjamin Huck


Idyllisch gelegen ist die Wohnstätte der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Möhren am Ortsausgang Richtung Gundelsheim schon. Von dort schweift der Blick über das Möhrenbachtal, in dem an diesem Septembermorgen der Nebel steht. "Früher wurden solche Einrichtungen bewusst auf den Dörfern gebaut – und dann auch noch am Ortsrand", sagt Thomas Hofbeck. Er ist Leiter der Awo-Wohnstätte Möhren mit therapeutischer Werkstatt für psychisch Kranke, die am Wochenende ihr 30-jähriges Bestehen feiert.

Bis in die 1980er Jahre haben sich die Bezirkskliniken um Menschen gekümmert, die aufgrund von psychischen Problemen keiner Arbeit nachgehen konnten. Das hat der Gesetzgeber dann geändert, aufgrund der Psychiatrie-Reform sind deshalb vor 30 Jahren viele Einrichtungen entstanden, in denen die Menschen betreut werden. In Möhren stand das Gebäude der ehemaligen Farbenfabrik Pröll zur Verfügung, das zunächst von einem privaten Träger als Wohnheim genutzt wurde und schließlich von der Arbeiterwohlfahrt übernommen wurde.

Damals war es mit Inklusion nicht weit her, die Menschen lebten in Schlafsälen oder großen Mehrbettzimmern. "Da waren die Zweibettzimmer, die wir in Möhren haben, ein großer Schritt nach vorne", meint Hofbeck. In der Arbeitstherapie sollen die Bewohner wieder an einen regulären Tagesablauf mit festgelegten Arbeitszeiten herangeführt werden.

Zunächst fangen alle neuen Bewohner in der Verpackungsabteilung an. Bunte Stifte und Textmarker eines regionalen Herstellers warten darauf, in eine Plastikhülle gesteckt zu werden. Außerdem werden Produkte eines schwäbischen Fotografie- und Elektronikzubehörherstellers hier verpackt. "In dieser Abteilung können wir sehen, welche Fähigkeiten die Menschen haben und wo wir sie einsetzen können", so Hofbeck. Denn während es in der Verpackungsabteilung eher ruhig zugeht, ist an anderen Orten mehr geboten.

Beispielsweise in der hauseigenen Schreinerei. Seit 1992 gibt es die Werkstatt zur Holzverarbeitung schon, seit gut sechs Jahren ist sie mit modernen, auch digital gesteuerten Maschinen ausgestattet. Gerade stehen zahlreiche Schränke herum, andere Einzelteile warten darauf, zusammengebaut zu werden. "Einen Großteil der hier gebauten Schränke kommt als Mobiliar in die anderen Einrichtungen des Awo-Kreisverbands", so Hofbeck.

Dienstleister für andere Heime

An die 50 mannshohe Schränke wurden etwa unlängst für das Haus in Auernheim gefertigt, auch die ambulant betreute Wohngemeinschaft für Senioren in Markt Berolzheim bekommt einen Teil seiner Möbel aus Möhren. Zuschüsse vom Bezirk, der die Betreuung der Bewohner bezahlt, gibt es für die Schreinerei oder die anderen Angebote nicht. "Da es absehbar war, dass wir in Zukunft neue Gebäude der Awo bestücken müssen, rentiert sich die Schreinerei für uns schon."

Ähnlich ist es mit der Wäscherei, die in einem anderen Haus des weitläufigen Geländes angesiedelt ist. Hier kommt die sogenannte Flachwäsche – also Handtücher, Tischdecken, Bettlaken – aus anderen Awo-Häusern sowie von externen Kunden an, die gewaschen, getrocknet und gemangelt wird. Die Energie dazu wird von einer hauseigenen Hackschnitzanlage erzeugt. Weitere Arbeitsbereiche sind die Küche, der technische Dienst und eine Werkstatt, in der elektronische Bauteile zusammengesetzt werden. Doch für die Freizeitgestaltung gibt es auch ein Angebot. So können die Bewohner in einem kleinen Garten mit Vogelkäfig zur Ruhe kommen – wenn nicht gerade ein Zug in unmittelbarer Nähe vorbeifährt. Außerdem gibt es einen Fitness-Raum sowie eine Kreativwerkstatt, in der sie unter Anleitung kleine Kunstwerke herstellen können.

Insgesamt betreut die Möhrener Awo-Einrichtung etwa 120 Menschen gleichzeitig, ein Teil ist auf gerichtliche Anordnung untergebracht. Vier bis fünf Jahre bleiben die Bewohner im Durchschnitt hier, bis sie in eine andere Einrichtung oder im besten Fall in die Selbstständigkeit wechseln können.

90 Mitarbeiter in Teil- und Vollzeit wie Heilerziehungspfleger, Sozialpädagogen oder Hilfskräfte sind hier angestellt, viele sind auch als Fahrer unterwegs. Und diese werden aufgrund der Lage von Möhren auch benötigt. "Wir haben zwar einen kleinen Kiosk vor Ort, doch die großen Einkäufe erledigen die Bewohner in Treuchtlingen", sagt Einrichtungsleiter Hofbeck. Zwar fährt auch ein Bus in die Altmühlstadt, oft müssten die Bewohner dann aber lange warten, weshalb es auch spezielle Einkaufsfahrten gibt. "Inzwischen rächt es sich ein bisschen, dass damals eine Randlage für unsere Häuser gesucht wurde", meint Hofbeck.

Denn der Förderansatz sieht heute ganz anders aus. Die Menschen sollen so selbstständig wie möglich leben können. Dazu gibt es in Möhren auch Wohngemeinschaften, in denen sich die Bewohner eigenständig ums Frühstück kümmern. Wer schon weiter ist, kann auch ins betreute Wohnen in die Ansbacher Straße nach Treuchtlingen ziehen. Dort gibt es Einzelzimmer mit Nasszelle, die Bewohner werden morgens zur Fahrt in die Arbeit abgeholt und abends wieder gebracht. Danach können sie ihren Tag selbst gestalten, eigenständig Einkaufen gehen oder auch alleine Arztbesuche wahrnehmen. "Das verstehen wir unter Inklusion", so Hofbeck.

In Möhren würde er gerne auch das Konzept verändern, dafür ist aber ein größerer Umbau nötig. Deshalb soll in Zukunft ein neues Haus in Treuchtlingen entstehen, in das ein Teil der Bewohner ziehen können und so Flächen in Möhren zur Umgestaltung frei werden.

Einrichtungsleiter Hofbeck findet es gut, wenn seine Klienten mit den Bewohnern der Orte in Kontakt kommen, auch wenn das nicht einfach ist, wie er gesteht, zeigen doch manche Klienten "originelle" Verhaltensweisen. "Da ist es klar, dass es Vorbehalte gibt", so Hofbeck. Doch viele sind auch in den Orten integriert oder im Sportverein aktiv. Zur gesellschaftlichen Teilhabe gehöre ein gegenseitiges Kennenlernen, dass auch beim Sommerfest gefördert werden soll.

Die Awo-Wohnstätte Möhren, Hermann-Pröll-Straße 6-8, veranstaltet am Sonntag, 15. September, ab 11 Uhr ein Jubiläums-Sommerfest zum 30-jährigen Bestehen. Dabei können die Werkstätten besichtigt werden, es findet ein Kreativ-Workshop statt, es gibt Spielmöglichkeiten für Kinder sowie Speisen und Getränke. Ab 13.30 Uhr gibt es Live-Musik von der Weißenburger Band "Chasing Pavements". 

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