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Bauen in Treuchtlingen: Individualistisch oder uniform?

Wie viel Freiheit sollten Bebauungspläne lassen? Diese Frage werfen die UFW auf - 23.06.2020 06:04 Uhr

Modernes Holzhaus neben fränkischem Satteldach neben Toskana-Haus neben Landhaus: In der Sommerhausstraße im Treuchtlinger Ortsteil Dietfurt herrscht ein bunter Stilmix auf engstem Raum. Um Bauwillige für Neubaugebiete zu gewinnen, ist eine solche Wahlfreiheit heute oft nötig, in gewachsenen Ortskernen kann sie aber den historischen Charakter zerstören. © Hubert Stanka


Wie die Stadt Treuchtlingen künftig mit diesem Spannungsfeld umgehen will, möchten die UFW wissen – und hatten deshalb beantragt, die Bebauungspläne für die Wohngebiete "Weitstein II" in Dietfurt und "Am Kohlerberg" in Gundelsheim zu überarbeiten. Außerdem solle sich der Stadtrat grundsätzlich mit dieser Frage beschäftigen. Für zwei bis drei neue Bauplätze in Möhren gab das Gremium noch in derselben Sitzung grünes Licht – allerdings gegen SPD/JGB und auch Teile der UFW.

Ein typisches Neubaugebiet mit einer bunten Mischung aus Bau- und Stilformen ist das Wohngebiet "Im Winkel" am Treuchtlinger Patrich. © Rudi Beringer / Limes-Luftbild


"In Gundelsheim scheiterte die Bebauung bislang unter anderem am Bebauungsplan", heißt es in der Begründung zum Antrag der UFW. Und in Dietfurt habe es schon vor der Freigabe des Baugebiets Anfragen nach "Bauformen mit zeitgemäßen, unter anderem auch ökologischen Ansprüchen gegeben, die die momentanen Bebauungspläne nicht erfüllen". Es gehe dabei "nicht um die individuellen Wünsche einzelner Bauwilliger", sondern um die Anpassung des kommunalen Baurechts "an die Herausforderungen der Zeit". Konkret führen die UFW an, dass es "die absurde Situation gibt, dass in Neubaugebieten zum Beispiel Toskana-Häuser oder Häuser im Bauhaus-Stil nicht zugelassen sind, diese aber in Baulücken in Ortslagen ohne Bebauungsplan gebaut werden können, möglicherweise sogar genehmigungsfrei".

"Wir sind der Meinung, dass die Bebauungspläne in vielen Bereichen zu eng gefasst sind", verdeutlichte Fraktionschef Hubert Stanka. "Richten wir uns nach den modernen Anforderungen, oder zwingen wir die Bürger in Normen, die sie nicht wollen?", heißt es dazu im Antrag der UFW. Eine großzügigere Fassung könne Befreiungen überflüssig und die Pläne rechtssicherer machen. Allerdings dürfe sie sich "nur auf neue Wohngebiete beziehen, die keinen oder wenig Einfluss auf historisch gewachsene Ortskerne ausüben". Dortige Bauformen sollten "schon dörflich bleiben und mit dem Ortsausschuss abgestimmt werden".

Für die geforderte Grundsatzdebatte bat Stanka um eine Sondersitzung des Gremiums, das sich deshalb zunächst nur mit den beiden konkreten Änderungswünschen für Dietfurt und Gundelsheim befasste. Diese könne die Stadt "in den beiden Fällen wagen", äußerte sich SPD-Fraktionsvorsitzende Kerstin Zischler. Für die weitere Diskussion solle die Verwaltung dann eine Liste der Bebauungspläne mit potenziellem Modernisierungsbedarf erstellen.

Stadt war bisher eher großzügig

Stefan Fischer (SPD) und Karl Heckl (CSU) betonten, dass der Stadtrat bisher "meist sehr großzügig und vernünftig entschieden hat". Allerdings lehne das Landratsamt Vorhaben dennoch ab, wenn sie dem aktuellen Plan widersprechen oder sich "nicht in die Umgebung einfügen". Für die Gebiete "Weitstein II" und "Am Kohlerberg" beauftragte der Rat die Verwaltung am Ende einstimmig, mit den Ortsausschüssen einen Änderungsantrag zu erarbeiten.

Weniger einig war sich das Gremium über den Antrag eines Bürgers, drei neue Baugrundstücke zwischen Bürgermeister-Biber-Straße und "An der Sägmühle" in Möhren zu schaffen. Das Problem: Die Bebauung des rund 2500 Quadratmeter großen Areals zwischen Bahnlinie und Möhrenbach, das bisher landwirtschaftlich genutzt wird, würde den Rand des ohnehin schon langgezogenen Dorfs weiter "ausfransen lassen" und müsste aus dem Landschaftsschutzgebiet genommen werden. Dazu bräuchte es an anderer Stelle einen gleichwertigen Ersatz. Außerdem liegt das Grundstück im Hochwassergebiet.

Das Wasserwirtschaftsamt sehe deshalb "keine Möglichkeit auf eine Umsetzung wie gewünscht", erklärte Bauamtsmitarbeiterin Silke Schebitz. Darüber hinaus sei der Eigentümer trotz mehrerer Gespräche nicht bereit, einen Teil des Areals an die Stadt zu verkaufen, um eben auch öffentlichen Baugrund zu schaffen.

Vom Ortsausschuss gab es dazu wegen der Kurzfristigkeit noch keine Stellungnahme. Ortssprecher Stefan Biber mahnte aber, dass es "in Möhren seit etwa 20 Jahren keine Bauplätze mehr gibt". Er würde sich freuen, "wenn alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, damit im Dorf wieder gebaut werden kann". CSU-Fraktionschef Uwe Linss will sich dem ebenso nicht verschließen, zumal es in einer Tallage wie in Möhren kaum Alternativen zur ungeliebten "bandwurmartigen Entwicklung" gebe. Allerdings müsse der Antragsteller "auch alle Kosten tragen, wenn keine Fläche für die Stadt abfällt".

Planungshoheit wahrnehmen

SPD-Sprecherin Kerstin Zischler hält die Pläne dagegen vor allem für "naturschützerisch kritisch". Sie verstehe den Wunsch der Möhrener, wolle aber lieber "eine grundsätzliche Initiative für ein zukunftsweisendes Baugebiet starten, als Bauwillige hierher zu locken".

Matthias Strauß (CSU) verwies auf den Flächennutzungsplan, den die Stadt gerade aktualisiert und der das Areal nicht als Bauland vorsieht. Der Stadtrat müsse "die Stadt insgesamt sehen". Die Planungshoheit liege in den Händen der Kommune, die "selbst Flächen festlegen, kaufen und entwickeln sollte, statt Grundstücke der Bürger extrem aufzuwerten und dann beim Verkauf keinen Einfluss auf die Kosten zu haben".

Bürgermeisterin Kristina Becker sieht das pragmatischer. Man sei in Möhren in Sachen Bauplätze "20 Jahre lang nicht vorangekommen", und es handle sich bei der beantragten Ausweisung nur um eine sehr kleine Fläche – "nach der Zurechtstutzung durch Naturschutz und Wasserwirtschaftsamt wahrscheinlich sogar nur um zwei Bauplätze". Letztlich votierte der Stadtrat mit 15:10 Stimmen für das Vorhaben des Bürgers.

Kommentar:

Ästhetik ist keine Geschmackssache

Auch wenn es Individualisten nicht hören wollen: Ästhetik ist keine Geschmackssache. Sie lässt sich an Kriterien festmachen, und ihre Wirkung lässt sich messen. Deshalb ist es für die Bauleitplanung nicht zielführend, getreu dem Motto "Leben und leben lassen" jedem Bauherrn jede auch noch so hervorstechende Stilverirrung durchgehen zu lassen.

Ja, jeder Bürger sollte im Großen und Ganzen wohnen dürfen, wie er es sich vorstellt. Zu strikte Vorgaben führen zu Uniformität und verschrecken gerade abseits der Ballungsräume die wenigen Bauwilligen, die den ländlichen Raum noch lebendig halten. Wer jedoch Neubaugebiete mit allzu lockeren Regeln kennt, weiß wie sie aussehen: wie seelenlose Musterhaussiedlungen. Das ist ebenso wenig attraktiv für Neubürger. Und in historisch gewachsenen Ortskernen hat plakativer Individualismus ohnehin nichts verloren.

Ein Stadtrat ist deshalb gut beraten, sich jedes Baugebiet genau anzuschauen und abzuwägen, wie frei die Regeln dort sein sollten. Und er sollte dabei Fachleute zu Rate ziehen, die etwas von Architektur und Ästhetik verstehen. Das kostet zwar Geld, zahlt sich aber langfristig in Form von Attraktivität und Lebensqualität aus.

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