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Corona im Altmühltal: Tourismus-Branche im Überlebenskampf

Im Treuchtlinger Umland stemmen sich Betriebe gegen die drohende Insolvenz. - 17.04.2020 06:00 Uhr

Hier wird es im Laufe des Frühjahrs eigentlich immer voller. Doch der Wohnmobilstellplatz am Kurpark hat momentan krisenbedingt seine Tore geschlossen. Wann er wieder öffnen wird, ist derzeit noch völlig offen. © Foto: Rudi Beringer


Eigentlich würde es jetzt losgehen. Im April, wenn die warme Frühlingssonne die Region erstmals im Jahr spürbar erwärmt. Das Wetter verführt zum Aufenthalt im Freien. Touristen aus ganz Bayern, Baden-Württemberg und Hessen würden jetzt in Treuchtlingen und Umland einkehren, vielleicht übernachten. Und aufmerksame Beobachter könnten sporadisch auch schon erste Autos mit Kennzeichen aus Österreich, der Schweiz oder den Niederlanden auf den Straßen der Region erspähen. Normalerweise.

Das Jahr 2020 zeichnet sich bislang aber vor allem dadurch aus, dass es alles Gewohnte zunichtemacht. Wie so vieles hat das Coronavirus auch den Tourismus zum Stillstand gebracht. Der Wohnmobilstellplatz am Kurpark ist seltsam leer, die Hotelzimmer verwaisen, aus den Gaststätten dringt schon seit Wochen kein verführerischer Duft mehr. "Erstmal waren alle etwas panisch und haben den Ruin befürchtet", berichtet Stefanie Grucza über die Reaktionen der Treuchtlinger Hoteliers und Gastwirte auf die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus.

Monteure als Einnahmequelle

Grucza ist Tourismuschefin der Stadt, die vergangenes Jahr noch 104.000 Besucher angezogen hat. Vom ersten Schock hat sich die Branche inzwischen etwas erholt – auch weil nicht alle Übernachtungsgäste weggebrochen sind. "Unsere Hoteliers haben den Vorteil, dass auch viele Monteure bei ihnen übernachten", sagt Grucza. Die meisten kommen noch, vorerst. Charaktereistisch für den Tourismus-Standort Treuchtlingen ist auch, dass gerade die Vermieter von Ferienwohnungen oft nicht vollständig auf die Zahlungen der Gäste angewiesen sind. Viele haben noch ein zweites Standbein in einer anderen Branche, etwa durch einen Halbtagsjob.



Auch die Stadt selbst verzichtet derzeit auf die Planung von Veranstaltungen. "Man weiß ja leider überhaupt nicht, wann was in welcher Weise stattfinden kann", klagt die Tourismuschefin. Großveranstaltungen, das ist inzwischen entschieden, wird es bundesweit bis zum 31. August nicht geben.

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Die Branche muss trotzdem hoffen, dass zumindest Kurzurlaube im eigenen Land schon vorher wieder möglich werden. "Wenn wir die Situation bis August so halten müssen wie jetzt, dann wird es auch für unsere Hotels eng", befürchtet Grucza. Ganz zu schweigen von der Gastronomie, die schon jetzt verzweifelt kämpft. In normalen Jahren fließen rund 19 Millionen Euro aus den Geldbeuteln der Tages- und Feriengäste in den Treuchtlinger Einzelhandel, die Gastronomie und die Hotellerie.

Söder: Tourismus muss warten

Der Bedeutung des Tourismus ist sich auch Ministerpräsident Markus Söder bewusst – Hoffnungen auf eine baldige Wiederkehr zum regulären Betrieb kann er dennoch nicht machen. "Auf absehbare Zeit wird es keine Veränderung geben", betonte er am Donnerstag. Man habe, etwa beim Starkbierfest im Landkreis Tirschenreuth erlebt, wie schnell gemütliches Beisammensein zur explosionsartigen Verbreitung des Virus führen kann. Immerhin: "Es gibt die leise Hoffnung, dass sich die Lage bis Pfingsten wieder etwas entspannen könnte", meint der Ministerpräsident. Verlassen kann sich darauf derzeit aber freilich niemand.

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Wie sehr die Branche leidet, weiß auch Christoph Würflein. Er ist Geschäftsführer des Tourismusverbandes Naturpark Altmühltal. "Wir haben zum Glück viele Familienbetriebe. Die sind oft etwas krisenfester, weil ihnen alles gehört und sie keine Pacht zahlen müssen", sagt er. Trotzdem ist die Situation vieler Gastronomiebetriebe im gesamten Altmühltal prekär. Wer Pacht zahlen muss, ist auf einen kulanten Eigentümer angewiesen, sonst droht schnell das Aus. "Eine ganz brutale Durststrecke", sieht Würflein auf Restaurants, Hotels und Ferienwohnungen zukommen.

Laufen die Angestellten weg?

Auch Kredite und Kurzarbeitergeld helfen nur bedingt. "Besonders Servicekräfte verdienen ja nicht so viel, die leben auch vom Trinkgeld. Und das fällt ja weg", so der Verbandschef. Mit dem Kurzarbeitergeld in Höhe von maximal 67 Prozent ihres Netto-Basislohns können Angestellte sich und die Familie nur schwer über Wasser halten. Viele könnten sich beruflich umorientieren, Kellner aus dem Ausland vielleicht eine Stelle in ihrem Heimatland antreten, fürchtet Würflein. Er ruft die Bevölkerung daher auf, die heimische Gastronomie in der Krise zu unterstützen und die Liefer- oder Abholangebote, die viele Lokale anbieten, auch zu nutzen.

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Sechs Millionen Tagesbesucher und zwei Millionen Übernachtungen zählt man jedes Jahr im Altmühltal. "Ein enormer Wirtschaftsfaktor", betont er. 163 Millionen Euro spülten die Touristen 2019 in die Region. Heuer wird es nur ein Bruchteil sein. Würflein richtet den Blick dennoch wieder nach vorne. "Vielleicht kann man mit den Ferienwohnungen irgendwann wieder anfangen. Da sind die Familien ja klar getrennt", entwirft er ein Zukunftsszenario. Außerdem hofft er, dass dieses Jahr – sobald das erlaubt ist – besonders viele Menschen im eigenen (Bundes-)land Urlaub machen werden. Vielleicht dürfen sich die heimischen Tourismusbetriebe also auf einen goldenen Spätsommer freuen.

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