Sonntag, 08.12.2019

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Dietfurter half im schwimmenden Krankenhaus

Der Krankenpfleger Guido Nüßlein war für zwei Monate in Kamerun auf der „Africa Mercy“ - 25.08.2018 06:05 Uhr

Der Dietfurter Guido Nüßlein (Mitte) auf dem Kranken­hausschiff „Africa Mercy“ im Hafen von Douala in Kamerun. Für zwei Monate kümmerte sich der Krankenpfleger um die Patienten vor Ort. © Mercy Ships


Wie kamen Sie auf die Idee, auf einem Krankenhausschiff zu arbeiten?

Guido Nüßlein: Meine Frau und ich unterstützen den Verein Mercy Ships schon länger, und so habe ich im August 2016 einen Aufruf zur ehrenamtlichen Mitarbeit entdeckt, auf den ich mich beworben habe. Denn ich wollte mein gelerntes Wissen einmal auf einer anderen Ebene zum Einsatz bringen. Dazu musste ich jedoch ein Formular auf Englisch ausfüllen, was mir doch einiges an Schwierigkeiten bereitet hat. Nach einigem Hin und Her habe ich dann aber die Zusage bekommen.

Ab wann lief Ihr Einsatz?

Nüßlein: Anfang 2017 habe ich die Zusage bekommen, dass ich 2018 aufs Schiff kann. Davor war einiges an Vorbereitung nötig: Ich musste einen Gesundheitscheck bestehen und mich impfen lassen. Außerdem gab es detaillierte Informationen über das Schiff und dessen Stationen, in die ich mich einlesen musste. Am 11. März bin ich am Einsatzort Douala im westafrikanischen Kamerun angekommen.

Wie konnten Sie das mit Ihrem Beruf in Gunzenhausen vereinbaren?

Nüßlein: Ich habe rechtzeitig mit meiner Chefin gesprochen und konnte so Überstunden ansammeln. Zusammen mit ein paar Urlaubstagen und Minusstunden kam ich auf die zwei Monate. Um den Einsatz zu finanzieren, habe ich mir vergangenes Jahr zu meinem 50. Geburtstag Geld gewünscht, so kam dann alles zusammen.

Wie sah Ihr Einsatz vor Ort aus?

Nüßlein: Zunächst konnten wir uns auf verschiedenen Stationen bewerben, ich habe mich für die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie entschieden und dort dann auch gearbeitet. Es gibt immer mehrere Hauptansprechpartner, die dauerhaft auf der Station arbeiten. Manche Freiwillige bleiben nur vier Wochen, ich war fast zwei Monate dort. Es ist alles gut strukturiert, und dank eines Leitfadens findet man sich schnell in die Arbeit ein.

Wie viele Menschen haben sich um die Patienten gekümmert?

Nüßlein: Pro Schicht und Station waren das etwa vier Freiwillige. Wichtig war die Arbeit der sogenannten Dayworker: Das waren Einheimische, die nicht auf dem Schiff übernachtet haben, sondern jeden Tag zur Arbeit vorbeikamen. Ihre Hilfe war sehr wertvoll, etwa beim Übersetzen, denn in Kamerun ist die Amtssprache Französisch, außerdem gibt es viele kleine Stammessprachen.

Welche besonderen Verhältnisse gab es auf dem Schiff?

Nüßlein: Das Schiffskrankenhaus ist technisch wie bei uns ausgestattet. Doch viele Kameruner waren zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Krankenhaus. Während die Menschen in Deutschland zumindest eine grobe Ahnung haben, was in einem Krankenhaus passiert, war es für die meis­ten Kameruner komplett neu. Dazu war viel Erklärungsarbeit notwendig, die Patienten sollten ja wissen, was mit ihnen passiert. Viele haben sich auch zum ersten Mal mit fließendem Wasser geduscht, das war für die Hygiene wichtig. Auf meiner Station gab es 15 Betten für die Patienten. Was total ungewohnt war: Meistens hat ein Familienangehöriger einen Patienten begleitet und dann unter dem Krankenbett auf einer Matratze geschlafen.

Wie erfahren die Menschen im Einsatzland denn davon, dass das Krankenhausschiff gerade im Hafen liegt?

Nüßlein: Das Schiff ist meist für zehn Monate fest an einem Ort, immer in einem anderen Land. Etwa ein Vierteljahr davor sind Mitarbeiter der Hilfsorganisation in der Region unterwegs, um sich potenzielle Patienten anzuschauen und eine Vorauswahl zu treffen. Denn es können leider nur Menschen behandelt werden, die eine schnelle Aussicht auf Genesung haben. Wer etwa eine langwierige Chemotherapie braucht, muss abgewiesen werden, da das Schiff nach der Abfahrt nicht mehr für den Menschen sorgen kann.

Welche Krankheiten mussten oft behandelt werden?

Nüßlein: Die Besatzung hat etwa gutartige Tumore oder Lippenspalten entfernt und außerhalb des Schiffes Klumpfüße behandelt, damit die Menschen wieder ein unbeschwerteres Leben führen können. Leider werden manche Frauen immer noch bei Inkontinenz nach Geburtskomplikationen aus der Dorfgemeinschaft ausgestoßen – Mercy Ship kann diese relativ problemlos behandeln. Außerdem haben Süßigkeiten inzwischen Einzug in die Gesellschaft gehalten, viele Menschen mit schlechten Zähnen müssen behandelt werden. Sie kamen auch zur Vorabuntersuchung und haben außerhalb des Schiffes einen Termin bekommen.

Was bleibt übrig, wenn das Schiff wieder weg ist?

Nüßlein: Die Hilfsorganisation errichtet vor Ort sogenannte Hope-Center, Krankenstationen, in denen kleinere Krankheiten ambulant behandelt werden können. Außerdem bietet die Organisation auch an den vorhandenen Krankenhäusern Fortbildungen und Schulungen an, um den Standard zu heben. Denn eigentlich hätte Kamerun genug gut ausgebildete Arbeitskräfte, doch sie finden trotzdem keine Arbeit, weil die Strukturen fehlen.

Was haben Sie außerhalb der Arbeitszeit gemacht?

Nüßlein: Wir haben im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet, 16 Stunden am Tag inklusive Schlaf hat man also zur freien Verfügung. Ich war mit zwei anderen Mitarbeitern in einer Kabine mit Bett und Tisch untergebracht, die meiste Zeit habe ich aber auf dem Freideck verbracht, wo man mit den Einheimischen in Kontakt kam. Außerdem haben wir beispielsweise Waisenhäuser besucht und gemeinsam mit Kindern gebastelt und gesungen.

Was sind Ihre Eindrücke von dem Land?

Nüßlein: Die Stadt Douala hat über drei Millionen Einwohner und wirkt auf den ersten Blick chaotisch. Dennoch funktioniert das Leben hier auch. Aber das Land ist stellenweise schon sehr verschmutzt, überall liegt Plas­tikmüll herum.

Würden Sie nochmal auf dem Krankenhausschiff arbeiten?

Nüßlein: Auf jeden Fall. Allerdings muss ich davor meine Englisch-Kenntnisse verbessern. Mit 17 Jahren habe ich die Realschule verlassen, da ist eindeutig noch mehr drin. Vielleicht habe ich in zwei Jahren so viel Vokabeln dazugelernt, dass ich mich nochmal bewerbe. Denn es ist ein besonderes Gefühl, den Menschen zu helfen.

Das Gespräch führte Benjamin Huck

Zum Thema

Mercy Ships ist eine internationale, christlich orientierte Hilfsorganisation, die das Krankenhausschiff „African Mercy“ betreibt. Die Mitarbeiter setzen sich ehrenamtlich ein und kommen selbst für Unterkunft und Verpflegung auf. Sie leisten Hilfe in Form von Operationen, Zahnbehandlungen, Bau- und Landwirtschaftsprojekten sowie Ausbildungsprogrammen. Über seine Erfahrungen spricht Guido Nüßlein am Donnerstag, 27. September, um 20 Uhr im katholischen Pfarrzentrum Weißenburg (Auf der Wied 9). Mehr Informationen gibt es unter www.mercyships.de

Benjamin Huck Treuchtlinger Kurier E-Mail

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