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Digital und elektrisch: Alfmeier und das Auto von morgen

Beim Treuchtlinger Arbeitgeberempfang gab es Einblicke in die Lage der Automobilbranche - 09.11.2019 06:26 Uhr

Für Fortschritt mit Augenmaß: Alfmeier-Europapräsident Dr. Klaus Beetz, Landrat Gerhard Wägemann, k3works-Geschäftsführer Andreas Pöppl, Bürgermeister Werner Baum und Landtagsabgeordneter Manuel Westphal (v. links) im Treuchtlinger Alfmeier-Werk. © Patrick Shaw


In der Debatte um Klimaschutz oder Wachstum, Diesel oder Elektroauto sind die Fronten verhärtet wie selten, scheint es derzeit oft nur Schwarz oder Weiß zu geben. Der Impulsvortrag von Klaus Beetz bildete da eine Ausnahme. Gerade weil dem Chef des großen Treuchtlinger Automobilzulieferers seine Ablehnung einer allzu radikalen Energiewende und seine berufsbedingt verständlichen Sympathien für die Automobilbranche anzumerken waren, überzeugten sein pragmatischer Blick auf den Wandel und sein Eingeständnis der ideologischen Scheuklappen beider Seiten umso mehr.

Wie schwer es ist, zu einem Urteil über die Digitalisierung zu kommen, zeichnete zunächst Bürgermeister Werner Baum nach. Denn das Tempo ist rasant. Kaum jemand mache sich bewusst, dass es massentaugliche Computer erst seit etwa 30 Jahren gibt, der Beginn des "digitalen Zeitalters" (definiert als Zeitpunkt, zu dem erstmals mehr Daten digital als analog gespeichert waren) gerade einmal 17 Jahre zurückliegt und es vor zwölf Jahren noch keine Apps gab. "Wir alle sind hier gefragt, Schritt zu halten", so der Rathauschef, der als Beispiele den digitalen Bürgerservice der Stadtverwaltung und das geplante Online-Kaufhaus der Zukunftsinitiative Altmühlfranken nannte. Jede Zeit bringe Veränderungen, und die Digitalisierung öffne auch viele neue Wege, die zu gehen die Gesellschaft den Mut aufbringen sollte.

Die Alfmeier-Gruppe mit ihren weltweit gut 2000 Mitarbeitern, von denen neun von zehn im Automobilbereich tätig sind, bekommt das laut Klaus Beetz stark zu spüren. Erst im April kündigte der Konzern an, 130 Arbeitsplätze abzubauen und sein Werk in Gunzenhausen nach nur fünf Jahren wieder zu schließen. Mittels Kunststoffspritzguss stellt Alfmeier in erster Linie Sitzkomfortsysteme (gut die Hälfte des Umsatzes) und Tankventile (44 Prozent) her.

Bewährte Techniken werden obsolet

Und letztere brauchen Elektrofahrzeuge nun einmal nicht mehr. Trotz der Sorge um diesen Geschäftsbereich gibt Beetz aber "Entwarnung": Zum einen sei das Elektroauto "eine rein deutsche Debatte", die die weltweiten Absatzmärkte kaum betreffe. Zum anderen sei die Debatte nicht unbedingt falsch – nur Art und Tempo, in denen sie geführt werde.

Um die aktuellen Klimaziele zu erreichen, bräuchte es laut Beetz bis 2025 zwischen 30 und 40 Prozent reine Elektrofahrzeuge in Deutschland. Das wäre dem Alfmeier-Chef zufolge sogar machbar. Und auch die Reichweite der E-Autos werde schon bald bei 300 und mehr Kilometern liegen. Das Problem: "Wir haben dafür keine Lade-Infrastruktur." Diese Diskrepanz führe zu Unsicherheit und spürbarer Kaufzurückhaltung in der gesamten Branche. Dazu kämen überdies die Stagnation des Markts in China, die aggressive Wirtschaftspolitik der USA und der Brexit. Gerade für mehr Innovation brauche es aber finanzielle Stabilität.

Für die gesamte Automobilindustrie zählt Beetz vier Megatrends auf: Connectivity (Verkauf von Serviceleistungen statt Produkten), Autonomy (autonomes Fahren), Sharing (Fahrgemeinschaften) und Electrification (Elektrifizierung). Eine der größten Herausforderungen seien dabei "disruptive Technologien", also Entwicklungen, die bestehende Produkte binnen kurzer Zeit komplett überflüssig machen. Dazu zählen das Cloud Computing (Datenspeicherung außerhalb des Rechners), der 3D-Druck, das Internet of things (intelligente Vernetzung von Geräten) oder neue Energiespeichersysteme. Gerade die Diskussion über letztere – also etwa über die Batterien für Elektroautos – nimmt der Alfmeier-Präsident als "Scheindebatte" wahr, da deren Entwicklung so schnell gehe, dass aktuelle Gegenargumente sehr schnell obsolet seien.

Kein Morgen ohne Geld von heute

"Das ist ein grundlegender Wandel, der ganze Unternehmensfelder radikal verändern wird", so Beetz. Ob er an die Elektromobilität glaube? "Das ist eigentlich gar keine Entscheidung, denn dieser Trend wird nicht mehr rückgängig zu machen sein", so der Unternehmenschef. Das Problem: "Wir müssen in die Zukunft denken, aber das Geld dafür mit unseren heutigen Produkten verdienen." Und das werde immer schwieriger. Während sich aus einem Prototyp mit Computer-Akkus der Vorreiter der E-Mobilität entwickelt habe (die Firma Tesla), müsse die deutsche Autoindustrie nun "für das hohe Ross büßen, auf dem sie saß".

Deutliche Kritik übt Beetz indes an der deutschen Politik. "Die Verteufelung des Verbrennungsmotors ist eine Übertreibung, die uns nicht weiterbringt." Verbote, Abwrackprämien und Förderprogramme seien der falsche Weg, um Innovation zu ermöglichen, ebenso wie eine "Überdemokratisierung" durch Proteste und langwierige Prozesse gegen Infrastrukturprojekte. Damit meint der Alfmeier-Präsident nach eigenen Worten ausdrücklich nicht, dass Staat und Gesellschaft der Wirtschaft keine Grenzen aufzeigen dürfen: "Die Politik muss kluge Rahmenbedingungen setzen, aber nicht Technologien detailliert vorgeben." Dann biete der digitale Wandel durchaus große Chancen – auch für Alfmeier und die Tochter k3works in Treuchtlingen und Weißenburg.

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