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"Durch die Krise": In der Urlaubsbranche herrscht Stillstand

Über Reisebuchungen hat die Treuchtlinger Firma Engeler 2020 kaum Umsatz erzielt - 18.01.2021 06:01 Uhr

Am 27.Mai beteiligten sich Edwin und Birgit Engeler an einer Aktion der Deutschen Busunternehmerverbände in Mainz. Sie demonstrierten für das Überleben der Busreise – die aktuell erneut verboten ist.

15.01.2021 © Foto: Engeler Reisen


Den Kopf nicht in den Sand zu stecken, das sei die wichtigste Lektion aus dem Corona-Jahr 2020. So fasst Birgit Engeler die Gemütslage des Ehepaars zusammen, das in Treuchtlingen das gleichnamige Reisebüro und Busunternehmen leitet. Um die Zukunft des Reisens mache sie sich indes keine Sorgen, sagt die 52-Jährige. Sie ist hauptsächlich für die Buchungen zuständig.

„Die Leute warten ja darauf, dass es wieder losgeht“, weiß sie. Die Reisekataloge, die Engeler für 2021 gedruckt hat, wurden trotz des schlechten Zeitpunkts im zweiten Lockdown zu Hauf bestellt und vor den vier Reisebüros mitgenommen. Die zwei Anlaufstellen für Reisewillige in Weißenburg, der Hauptstandort in Treuchtlingen und eine weitere Filiale in Eichstätt sind seit Wochen wie so vieles andere geschlossen. Die Mitarbeiterinnen sind zu 90 Prozent in Kurzarbeit.

Linienverkehr rettete die Bilanz

Auch im Busbereich herrscht aktuell Stillstand, es gibt nun schon länger ein Busreiseverbot. Insgesamt, bilanziert Edwin Engeler, habe dieser Zweig aber das gesamte Unternehmen gerettet. Nicht einmal fünf Prozent des üblichen Buchungsumsatzes wurden 2020 im Reisebereich erzielt, von normalerweise rund 300 eigenen Reisen pro Jahr konnte das Unternehmen erschreckend wenige durchführen: Fünf- bis sechsmal fuhren Gruppen im Herbst an die Mosel, nach Erfurt sowie nach Hamburg und Südtirol. Allerdings waren die Veranstaltungen aufgrund der wenigen Buchungen nicht rentabel für Engeler Reisen. „Einmal ging es mit nur neun Leuten nach Kroatien“, erinnert sich Edwin Engeler.


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Dieses Draufzahlgeschäft konnte der Linienverkehr zumindest teilweise abfedern. So setzte Engeler seine Busse ab dem 8. September als Verstärkerbusse im Landkreis Eichstätt ein, um insbesondere das Verkehrsaufkommen im Schulbetrieb zu entzerren. Als vierter und letzter Unternehmensbereich ist noch das Anmieten von Bussen zu nennen. „Aber kaum ein Verein und keine einzige Schulklasse haben seit März einen Bus gemietet“, sagt Engeler sofort.

Ein finanzielles Polster

Dass Engeler Reisen trotz dieser negativen Entwicklungen noch nicht mit dem Rücken zur Wand steht, ist vor allem dem finanziellen Polster zu verdanken, dass sich das Unternehmen in den vergangenen 50 Jahren aufgebaut hat, erklärt der Inhaber.

Gerade zu Beginn der Pandemie sei es außerdem wichtig gewesen, sich in alle Richtungen auszustrecken. Seien es die Soforthilfe oder Kurzarbeitergeld, eine Überbrückungshilfe und andere Fördergelder – das Ehepaar hat in zahlreichen Stunden Anträge für die staatlichen Zuschüsse vorbereitet und gestellt, um die Verluste so gering wie möglich zu halten. Bei dieser aufwendigen und nicht immer sehr transparenten Prozedur stand ihnen der bayerische Omnibusverband beratend zur Seite.


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Indessen war man auch darum bemüht, die 55 Mitarbeiter des Unternehmens wieder in Lohn und Brot zu bringen. Das Unternehmerehepaar bot daher im ersten Halbjahr eine Mithilfe der Engeler-Belegschaft bei der Kontaktverfolgung im Gesundheitsamt an. Dort habe es allerdings geheißen, man habe keinen Bedarf.

Derzeit, rechnen die Inhaber vor, würden die Fixkosten ihres Betriebs zu etwa 80 Prozent gedeckt. Ein Gehalt bleibt für die beiden Unternehmer zwar nicht übrig, aber die finanzielle Lage sei solide genug, um durchzuhalten. Sie und ihr Mann wollten unbedingt ihre Mitarbeiter halten und weiterhin motivieren, betont Birgit Engeler.

Sie alle seien durch die Krise näher zusammengerückt – „eine Perspektive braucht man aber trotzdem irgendwann.“ Über die mittlerweile mehr als zehn Monate, die es in den Reisebüros schon kriselt, sei es deshalb schwierig für alle gewesen, die Motivation nicht zu verlieren. Aber man wolle gemeinsam mit dem Personal, das teilweise seit über 40 der 50 Jahre Unternehmensgeschichte mit dabei ist, weiterhin nach vorn blicken.

Jahresanfang ist wichtigste Zeit

Birgit Engeler hofft nun, dass sich die Menschen auf die im Frühjahr bei den Absagen geleistete Unterstützung des Reiseunternehmens besinnen, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden. Man stehe in der Branche vor derselben Situation wie der Einzelhandel: Die Sorge, dass die Verbraucher sich in dieser isolierten häuslichen Zeit in die Onlinedienste verlieben, ist groß. „Der Unterschied ist, dass wir nicht mit Reisen ,To Go‘ eine abgespeckte Alternative bieten und weiterhin auf uns aufmerksam machen können“, erklärt die Reisebüroleiterin.

Januar und Februar sind normalerweise die stärksten Monate im Jahresgeschäft. Dann finden die meisten Buchungen für Reisen ab Pfingsten statt. Dieses Jahr werde es aber wahrscheinlich auf viele Last-Minute-Buchungen hinauslaufen, ist Engeler überzeugt. Viele Kunden hätten ihre Buchungen aus dem Vorjahr bereits auf das Jahr 2021 verschoben und seien „versorgt“.


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Momentan sind die vier Engeler-Reisebüros nur telefonisch und per E-Mail erreichbar, es scheint aber kaum jemand an die Planung einer Sommerreise zu denken. Sehr wenige Kunden holen Informationen ein, obwohl es gute Angebote mit großzügigen Storno-Bedingungen gibt.

„Wir versuchen trotzdem, präsent zu sein und unsere Energie positiv zu nutzen“, erklärt das Ehepaar Engeler übereinstimmend. In den vergangenen Monaten haben die beiden ihren Social-Media-Auftritt ausgebaut und ihre interne Technik verbessert. Sie hoffen nun, dass Reisen unter Auflagen bald wieder möglich sein werden. Aktuell prüfen die Inhaber, ob sie Corona-Schnelltests erhalten und anbieten können, wenn in der warmen Jahreszeit Kunden ihre Reiseunterlagen bei ihnen abholen.

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