-0°

Mittwoch, 03.03.2021

|

zum Thema

"Durch die Krise": Seit zehn Monaten ohne Einkommen

Der Treuchtlinger Musiker Holger Maurer erzählt in unserer Serie, wie er die Corona-Zeit erlebt - 11.01.2021 06:04 Uhr

Bessere Zeiten: Holger Maurer bei einer „Open Stage“ (offenen Bühne) im Café Lebenskunst. Derzeit ist seine einzige Bühne die heimische Küche.

10.01.2021 © TK-Archiv, privat


Seine derzeitige Bühne ist keine zehn Quadratmeter klein. Holger Maurer, genannt Holm, gestaltet seine Konzerte zwischen Kochen und Kinderbetreuung, Spielzeug Aufräumen und Bankterminen. Wenn die Zwillinge in der Kita sind und seine Frau arbeitet, dann nimmt er Platz auf einem Barhocker in der Küche. Dann schnappt er sich seine Gitarre und übt ein wenig. Geld verdient er nicht damit, aber für die Seele ist es wichtig.

Musik mit Maske: Im vergangenen Sommer konnte Holger Maurer (links) immerhin noch im Freien bei den „Biergartenkonzerten“ an der Stadthalle auftreten.

10.01.2021 © TK-Archiv, Holger Maurer


"Ich war von heute auf morgen geschäftlich auf null und familiär auf 100 Prozent", erinnert sich der beliebte Treuchtlinger Unterhaltungsmusiker. Am 14. März, dem Wochenende vor dem ersten Lockdown und dem Tag vor den Schulschließungen, hat er sein letztes Konzert gegeben. Insgesamt, so rechnet er vor, habe er dieses Jahr an Fasching gespielt, im September auf zwei Hochzeiten sowie bei zwei Konzerten. Er habe durch Corona 90 Prozent seiner Einnahmen verloren. In einem normalen Jahr tritt Holm an die 100 Mal auf.

Seit 2005 ist der für sein Gitarren- und Mundharmonikaspiel bekannte 43-Jährige untrennbar mit der altmühlfränkischen Veranstaltungsszene verbunden. Viele würden in Anbetracht der aktuellen Pandemie nicht erkennen, dass da ganze Berufsfelder stillliegen, bedauert er. "Da geht es nicht darum, Leute zu bespaßen oder zwanghaft im Rampenlicht stehen zu wollen", betont er. Stattdessen gebe es unglaublich viele Selbstständige, die von ihrer Kunst leben und mit dem Geld eine Familie ernähren.

Keine Zeit für Proteste

So ist es auch bei Holger Maurer, der in den vergangenen Monaten überhaupt nicht die Zeit gefunden hätte, an einer der Demonstrationen für mehr Unterstützung für die Veranstaltungsbranche teilzunehmen. "Die Jungs sind gerade zwei geworden", erklärt der Familienvater. Da habe er genug zu tun.

Als Mahnung, die Probleme der Veranstaltungsbranche in der Corona-Krise nicht zu vergessen, illuminierten der Treuchtlinger Burgverein und dessen Vorstandsmitglied Jan Sehrig in der "Night of Light" den Bergfried der Oberen Veste in tiefem Rot.

25.06.2020 © Jan Sehrig


Normalerweise ist er der Hauptverdiener der vierköpfigen Familie. Doch das hat sich nun radikal geändert. Während seine Frau in einem "systemrelevanten" Beruf tätig ist und weiterarbeitet, steht bei Holm gewissermaßen die Zeit still. Im Frühjahr beantragte er Corona-Soforthilfe, die bis zum Sommer jedoch aufgebraucht war. Im August ergatterte er einen Teilzeitjob im Fahrradgeschäft in der Treuchtlinger Kirchenstraße, wo er bis heute arbeitet. Das feste, wenn auch kleine Einkommen sei wichtig, betont er.

In der Schuld der Freunde

Aus dem Bekannten- und Freundeskreis hat Holm in den vergangenen Monaten viel Unterstützung erfahren – sogar finanziell. Er sei unheimlich dankbar dafür, fühle sich aber auch machtlos und in fremder Schuld. Eine Zeit lang habe er versucht, auf der Welle der Online-Konzerte mit zu schwimmen, es aber schließlich sein gelassen: "Die Leute haben schon etwas gespendet, aber gerechnet hat es sich nicht wirklich", erklärt er. "Und wie oft hätten sie mir denn Geld überweisen sollen? Jede Woche?" Für den Treuchtlinger ist klar, dass diese Wohnzimmer-Konzerte auf Dauer kein Ersatz für reale Veranstaltungen sind. Zudem komme dabei einfach nicht das "Feeling" auf, das er so vermisse.

Holms Meinung nach fehlt vielen Bürgern der differenzierte Blick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie. Als Beispiel nennt er die Vehemenz, mit der die Schließung des Einzelhandels kurz vor Weihnachten angeprangert worden sei. "Denen sind Einnahmen im Zeitraum von einer Woche flöten gegangen. Das steht in keinem Verhältnis dazu, dass wir Künstler seit beinahe zehn Monaten praktisch ohne Einnahmen leben", vergleicht er.

Hoffen auf die Impfung

Für den Veranstaltungsprofi, der als geselliger Mensch am liebsten auf Bühnen, in Wirtschaften und auf Festen unterwegs ist, fühlt sich das Leben auf kleinsten Raum und mit Kontaktbeschränkungen zuweilen wie Folter an. "Der kleine Smalltalk am Tresen, das regelmäßige Gwaaf, das fehlt doch. Das fehlt ganz vielen Leuten", ist er sich sicher.

Zum Alltagsgeschäft als Musiker wird Holger Maurer so schnell nicht zurückkehren können. Aber ein Hoffnungsschimmer ist der Impfstoff. Das Impfen, glaubt er, könnte flankiert von großen Veranstaltungsräumen und guten Hygienekonzepten in der Zukunft ein gangbarer Weg sein, um Konzerte und größere Veranstaltungen wieder zu ermöglichen: "Wir brauchen wieder ein halbwegs normales Auftragsverhältnis."

Bilderstrecke zum Thema

Treuchtlingen feiert die elfte Auflage der Kulttour

Am Samstagabend fand in Treuchtlingen die elfte Auflage der "Kulttour" statt. Bei dem Kneipenfest konnten die Besucher 13 Bands an zwölf Orten hören.


Beispielhaft war für Holm eine Reihe von Konzerten, die er im vergangenen Sommer im Biergarten an der Treuchtlinger Stadthalle gemeinsam mit deren Wirt Janni Avgoustis ausgerichtet hat. Zwar stand er selbst bei den zwölf Terminen nur ein einziges Mal auf der Bühne, und die Organisation, die ihn viele Stunden Arbeit gekostet habe, sei "ein Nullsummenspiel" gewesen. Sein Ziel war es aber, seinen Kollegen eine Plattform zu geben. "Das sind alles Berufsmusiker wie ich, die die Kohle brauchen, weil sie zu 80 bis 90 Prozent davon leben."

Holger Maurers Einschätzung nach ist bei den Biergarten-Konzerten auf Spendenbasis deutlich mehr Geld zusammengekommen, als bei Online-Konzerten je möglich wäre. Denn das Gefühl, mit anderen Menschen gemeinsam Musik zu hören, sei einfach ein anderes, als daheim den Laptop aufzuklappen.

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Treuchtlingen, Treuchtlingen