Samstag, 28.11.2020

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Ein Museum kommt zu den Schülern

Besonderer Besuch an der „Sene“: Jüdisches Museum Berlin auf Tour durch Bayern – Deutsch-jüdische Geschichte über die NS-Zeit hinaus - 14.10.2011 09:34 Uhr

Ein Hingucker im Wortsinn sind die roten Würfel mit integrierten Exponaten, die als mobile „Museumsvitrine“ fungieren und vielfach einsetzbar sind.

13.10.2011 © JMB/Sieghard Hedwig


Die mobile Ausstellung fand in der Sitzmulde des Hauses ihren Platz: Sie besteht in der Hauptsache aus fünf knallroten, flexibel einsetzbaren Ausstellungswürfeln. Darin integriert sind 16 Vitrinen mit Gegenständen und Zeremonialobjekten aus dem jüdischen Alltag. Diese und leicht verständliche Texttafeln sollen den Schülern zunächst Einblicke in die jüdische Geschichte und Lebenswelt geben. Aufgeteilt ist das Ganze in die Themenkreise „Jüdischer Alltag“, „Leben und Überleben“, „Chancen und Diskriminierung“ sowie „Feste feiern“.

So verweisen z.B. koschere, also im jüdischen Sinne „reine“ Gummibärchen, die mit dem Stempel des Rabbinats versehen sind, auf die jüdischen Speisegesetze. Das Spannungsfeld im 19. Jahrhundert zwischen dem Wunsch der Juden nach Anerkennung und Chancengleichheit einerseits und Berufsverboten sowie Diskriminierungen andererseits wird beispielhaft an den Lebensgeschichten des Kondomfabrikanten Julius Fromm und des berühmten Physikers und Weltbürgers Albert Einstein aufgezeigt. Um die Thematik den Schülern entsprechend „schmackhaft“ zu machen, veranstaltete das Team um Johannes Schwarz zu den Würfeln und deren Inhalten unter anderem ein Quiz, bei dem es als Belohnung für richtige Antworten z.B. ebensolche koschere Gummibärchen gab.

Gegenstand des Workshops waren verschiedene Biografien gläubiger und weniger gläubiger Jüdinnen und Juden verschiedener Generationen – mit Namen Andrzej Bodek, Michael Brenner, Tsafrir Cohen, Wladimir Kaminer, Ekaterina Kaufmann, Minka Pradelski, Rachel Singer, Zwi Wasserstein und Daniel Wildmann. Ihre jeweils selbst erzählten Kindheits- und Jugendgeschichten konnten sich die Schüler der „Sene“ mit Hilfe eines iPods (tragbare digitale Medienabspielgeräte) anhören.

Eine neue Sichtweise

Zusammen mit authentischen Fotos der einst Befragten Juden sollten sich die Mädchen und Jungen der 6. Klassen zudem ein Bild von den Personen machen und sich nach Möglichkeit ein Stück weit mit deren Sichtweise identifizieren. „Es geht schließlich nicht nur darum, dass Juden oft von der Gesellschaft ausgegrenzt wurden, sondern auch um die Juden selbst, die oftmals ihre eigene Herkunft verdrängten oder verleugneten“, erläuterte Johannes Schwarz. Und: „Im Mittelpunkt steht die Identität.“

Johannes Schwarz bringt den Sechstklässlern die einst nach ihrer Kindheitsgeschichte befragten Jüdinnen und Juden unter anderem mit deren Bildern näher.

13.10.2011 © JMB/Sieghard Hedwig


Hieraus sollten die Schüler dann z.B. ein Plakat entwickeln oder gar ein kleines Theaterstück kreieren – kurzum: das Aufgenommene verarbeiten und kreativ reflektieren, worüber abschließend freilich noch intensiv diskutiert wurde.

Mit ihrer Initiative wollen die Verantwortlichen des Museums nicht nur neue Wege gehen, jungen Menschen das Leben von Juden in Deutschland anschaulich und nachvollziehbar zu vermitteln, sondern auch die Lehrer motivieren, sich im Unterricht mit deutsch-jüdischer Geschichte zu beschäftigen, und zwar weit über die pure Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hinaus.

Damit auch Jugendliche die Inhalte des Museums kennenlernen können, die nicht ohne Weiteres die Möglichkeit haben, nach Berlin zu reisen, gibt es seit Juni 2007 deutschlandweit das Programm „on.tour“. Für seine innovative pädagogische Arbeit wurde das Museum mit diesem Programm bereits 2009 von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ zum „Ausgewählten Ort“ erklärt. Über eine Million Kinder und Jugendliche haben das Jüdische Museum Berlin seit der Eröffnung im Jahr 2001 besichtigt, und nach dem Wunsch von Museumsdirektor W. Michael Blumenthal „sollen es freilich noch weit mehr werden“.

Heuer steuert der Tourbus insgesamt 95 weiterführende Schulen in 15 Bundesländern an, fünf davon in Bayern. Auf dem Schulhof und im Klassenzimmer kommen die Berliner Museumspädagogen mit Schülerinnen und Schülern auf mehrfache Weise über deutsch-jüdische Geschichte ins Gespräch und regen so zum Nachdenken über jüdische Identität an.

Vor der Altmühlstadt war das „fahrbare Museum“ für einen Tag an einer Schweinfurter Schule, und die nächste Etappe ist Günzburg.

 

Sieghard Hedwig

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