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Elkan Naumburg: Treuchtlinger Mäzen und Mahnung

Zum Jahrestag der Judenpogrome von 1938 erinnert die Stadt an ihren jüdischen Ehrenbürger - 05.11.2019 06:04 Uhr

Die einstige „Kleinkinderbewahranstalt“ (links) stand an der Stelle des heutigen Treuchtlinger Gesundheitszentrums, wie diese alte Postkarte zeigt (rechts oben die Burgruine). © TK-Archiv


Seit vielen Jahren thematisiert der "Arbeitskreis 9. November" das ehemalige jüdische Leben der Altmühlstadt. Im Fokus der Aufarbeitung von Verfolgung und Massenmord stehen den Initiatoren zufolge "auch die derzeitigen judenfeindlichen Vorkommnisse in Deutschland", darunter erst jüngst der versuchte Anschlag auf die Synagoge in Halle. Der Blick in die Vergangenheit ruht unterdessen heuer auf Treuchtlingens weltbekanntem Ehrenbürger Elkan Naumburg: Seiner gedenkt der Arbeitskreis am Sonntag, 10. November, von 14 bis 16.30 Uhr mit Lesungen, Fotopräsentationen und Klezmer-Musik mit der Gunzenhausener Gruppe "Jokkel" in der Cafeteria des ehemaligen Krankenhauses.

Treuchtlingens Mäzen und Ehrenbürger Elkan Naumburg auf dem einzigen, der Redaktion vorliegenden Foto. © TK-Archiv


Die Ortswahl ist kein Zufall: Hier, am Hang des Schlossbergs zwischen Bahngleisen, Forsthaus und Burgruine, legte Elkan Naumburg im Jahr 1887 mit einer Spende von 500 Goldmark den Grundstein für den Bau der "Kleinkinderbewahranstalt" – nach heutigem Verständnis des ersten Treuchtlinger Kindergartens.

Im Zuge der Industrialisierung war die damalige Eisenbahnerstadt rapide gewachsen, oft mussten schon Kinder arbeiten, um ihre Familien mit zu ernähren. Bildung und Förderung? Fehlanzeige. Das erkannte Elkan Naumburg und engagierte sich für eine Betreuungseinrichtung. "Es war seine Bestimmung, sich um das Wohlergehen seiner weniger erfolgreichen Mitmenschen zu kümmern", so New Yorks Bürgermeister John Francis Hylan anlässlich Naumburgs Tod im Jahr 1924.

Schon mit 18 Jahren Unternehmer

Geboren wird Elkan Naumburg am 1. Januar 1835 als viertes Kind des Treuchtlinger Buchbinders, Kantors und Synagogen-Vorsängers Wolf Elkan Naumburg und seiner Frau Rifka Neuhaeuser. Da der Vater zu arm ist, um ihm eine Ausbildung zu bezahlen, bewilligt der Gemeinderat dem in der Schule herausragenden Jungen ein Stipendium, das ihm eine Banklehre in Fürth ermöglicht. Zurück in die Heimatstadt zieht es den Teenager jedoch nicht: 1850 wandert er mit der Familie seines älteren Bruders Louis in die USA aus.

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Im Herbst 1869 fuhr der erste Zug von Treuchtlingen über Weißenburg nach Pleinfeld. Bau und Eröffnung der Strecke waren insbesondere für das kleine Treuchtlingen ein Meilenstein, der die nächsten 100 Jahre Stadtgeschichte prägen sollte.


In Baltimore arbeitet Elkan Naumberg zunächst in der Textilfabrik seines Schwagers Simon Frank. Drei Jahre später gründet er als erst 18-Jähriger in New York seine erste Firma. Sie stellt Konfektions-‐Sonntagsanzüge her – damals eine Marktlücke – und wächst schnell zu einem der größten Bekleidungsunternehmen der USA heran. 1866 heiratet der Exil-Treuchtlinger Bertha Wehle und wird 1879 Direktor der New Yorker Citizen Central Bank.

1890 steigt sein Sohn Walter nach seinem Harvard-Abschluss in die väterliche Bekleidungsfirma ein. Nach deren Verkauf gründen Vater und Sohn drei Jahre später gemeinsam an der Wallstreet das auf Investmentpapiere spezialisierte Bankhaus E. Naumburg und Co., das mit heutigen Branchenriesen wie Goldman-Sachs konkurriert. 1898 tritt auch Sohn Georg in die Bank ein.

In New York große Spuren hinterlassen

Neben dem Beruf ist Elkan Naumburg seit seiner frühen Jugend Musikliebhaber. In seinen Salons treffen sich Anfang des 20. Jahrhunderts die bekanntesten Musiker der Zeit zu wöchentlichen Konzerten, der Gastgeber selbst verkehrt mit Komponisten von Weltrang wie Artur Rubinstein und Franz Liszt. Außerdem begründet er ein Musik-Stipendium in Harvard und einen Pensionsfonds für die New Yorker Philharmoniker.

Von Treuchtlingens Ehrenbürger Elkan Naumburg gestiftet: Die Konzertmuschel im New Yorker Central Park. © TK-Archiv


Ab 1905 finanziert der Mäzen die "Naumburg Concerts", kostenlose Freiluftkonzerte im New Yorker Central Park. Dafür lässt er 1923 nach Plänen seines Neffen William Tachau einen "Tempel der Musik" bauen – die sogenannte Konzertmuschel ("Naumburg Bandshell"). 1923 wird sie vor 10.000 Zuhörern eröffnet, in späteren Jahren werden dort Weltstars wie Duke Ellington spielen, Martin Luther King sprechen und John Lennon posthum geehrt werden. Das bekannte Big-Band-Stück "On the mall" ist deshalb Elkan Naumburg gewidmet. Die Tradition der Freiluftkonzerte führt die Walter-W.-Naumburg-Stiftung bis heute fort.

In seinem Geburtsort bleiben der Ruhm und die Wohltätigkeit des einstigen Mitbürgers nicht unbemerkt. Nach dem Startkapital von 500 Goldmark erkundigt sich Elkan Naumburg kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges erneut nach dem Schicksal der Treuchtlinger Kinder. In mehreren Tranchen schickt er bis 1922 rund 15.000 Mark zur Linderung des Hungers und weitere 20.000 Mark für die Kleinkinderbewahranstalt. Sein Neffe begleicht in seinem Auftrag später noch die restliche Bauschuld von gut 34.000 Mark. Sein Sohn Walter und sein Vetter spenden weitere 20.000 Mark für das Krankenhaus.

Ein Dorn im Auge der Nazis

1922 tauft die Stadt deshalb zu Ehren des Gönners die Straße nach Graben auf den Namen "Elkan-Naumburg-Straße" und verleiht dem Bankier die Ehrenbürgerschaft. Letzteres klappt aber nicht, da das bayerische Innenministerium aus kommunalrechtlichen Gründen sein Veto einlegt. Auch eine Intervention des Bürgermeisters scheitert, sodass Naumburg am Ende statt der Urkunde nur einen Ehrenbrief erhält.

Am 31. Juli 1924 stirbt Elkan Naumburg im Alter von 89 Jahren in New York. Rund 30.000 Menschen kommen zum Gedenkkonzert im Central Park. "Die kostenlose Musikunterhaltung und das menschenfreundliche Engagement werden in New York immer mit dem Namen Elkan Naumburg verbunden sein", so Bürgermeister Hylan zum Abschied. Auch der Treuchtlinger Stadtrat würdigt in einem Nachruf die Verdienste des berühmten Sohns der Stadt.

Das kehren die Nationalsozialisten neun Jahre später um. 1933 lassen sie das in der Kleinkinderbewahranstalt angebrachte Porträt des Juden Naumburg entfernen, die außen angebrachte Gedenktafel bleibt nur aus technischen Gründen erhalten. Die Elkan-Naumburg-Straße wird zynischerweise in "Adolf-Hitler-Straße" umbenannt. Seit Kriegsende trägt sie allerdings wieder ihren früheren Namen – und erinnert so an das einstige jüdische Leben in Treuchtlingen und dessen Strahlkraft bis nach New York und in alle Welt.

Die einstige Kleinkinderbewahranstalt:

Viel Geld für Treuchtlingens Kinder

Aus Dankbarkeit gegenüber seiner Heimatstadt, die ihm einst die Banklehre ermöglichte, spendet Elkan Naumburg 1887 die ersten 500 Goldmark für den Bau einer "Kleinkinderbewahranstalt" in Treuchtlingen. Durch die in Folge des Bahnbaus rasch steigende Einwohnerzahl bestehe "lebhaftes Interesse an solch einer Anstalt", so der Stifter. 1890 kommen bei Sammlungen in Gaststätten, Vereinen und bei Konzerten weitere 381 Mark zusammen, und nach Erlaubnis der "hohen königlichen Regierung" sammeln zwei Magistratsmitglieder nochmals 1160 Mark.

Dennoch lehnen die Gemeindebevollmächigten das Vorhaben ab. Erst 1898 forciert das Gemeindekollegium erneut den Bau der Bewahranstalt, den der Magistrat am 20. April nach Plänen des Bezirksbaumeisters Etschel genehmigt. Die Kosten werden auf 43.000 Mark geschätzt – 36.000 für den Bau und 7000 für eine moderne Dampfniederdruckheizung. Das Grundstück befindet sich "in einer außerordentlich günstigen und gesunden Lage der Stadt" neben dem im selben Jahr eröffneten Krankenhaus. Im Obergeschoss sollen zwei Lehrsäle für die Industrieschule entstehen. Im Oktober 1998 ist Richtfest und am 8. Januar 1899 Eröffnung. Die Leitung der Anstalt haben zunächst die Diakonissen aus Neuendettelsau, 1920 geht sie in städtische Hand über.

Ab 1905 steuert Elkan Naumburg beachtliche Beträge zur Schuldentilgung und zum Betrieb des Hauses bei – laut einer Aufstellung von 1922 insgesamt knapp 20.000 Mark. Sein Neffe begleicht in seinem Auftrag später noch die Restschuld in Höhe von gut 34.000 Mark. Öffentlich erwähnt werden will die Familie dafür nicht.

Im Zweiten Weltkrieg wird die Kleinkinderbewahranstalt bei Bombenangriffen stark beschädigt. Die Kinder werden in die Stadthalle, den Bauhof und ins RAD-Lager umquartiert. 1955 wird der neue Kindergarten in der Hochgerichtsstraße eröffnet. Auf dem Gelände der ehemaligen Kleinkinderbewahranstalt entsteht zunächst die Mädchen-Mittelschule, später wird das Haus Teil des (mittlerweile ebenfalls geschlossenen) Gesundheitszentrums. Dort, also quasi am Ausgangsort der Geschichte, findet am Sonntag, 10. November, auch die Gedenkveranstaltung statt.

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