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Erste Hilfe bei Badeunfällen: Ein Feuerwehrmann gibt Tipps

Notruf absetzen und nach Möglichkeit helfen - Eigenschutz steht über allem - 13.08.2019 05:56 Uhr

Nicht immer sind an Gewässern Rettungskräfte der Wasserwacht oder der DLRG vor Ort, um Ertrinkende zu retten. Dann müssen vielleicht andere Badegäste Erste Hilfe leisten – jedoch ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. © Archivfoto: Caroline Seidel/dpa


Die Meldungen häufen sich in letzter Zeit: In Enderndorf am Brombachsee etwa kehrte ein 24-Jähriger nach einem Ausflug ins Wasser nicht wieder zurück und ertrank. Oder in Münster am Lech im Nachbarlandkreis: Dort starb ein 42-Jähriger beim Versuch, seine Frau und seinen Hund aus dem Wasser zu retten. Er konnte sich selbst dann nicht mehr aus einer Wasserwalze befreien. Was kann ein Ersthelfer tun, um einen Ertrinkenden zu retten, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? Uwe Frankl, Feuerwehrmann und Ausbilder für Erste Hilfe, klärt auf.

Wenn es ums Ertrinken geht, hat man oft das Bild im Kopf, dass jemand sich mit aller Kraft versucht, über Wasser zu halten. Ist das in Wirklichkeit auch so?

Uwe Frankl: Viele Menschen ertrinken unbeobachtet, in den seltensten Fällen hat jemand einen Krampf und kämpft quasi ums Überleben. Dass jemand untergeht, hat oft auch internistische Ursachen, etwa Herz-Rhythmus-Störungen oder weil jemand zu viel Alkohol getrunken hat. Überanstrengung, Unterkühlung oder Kälteschock spielen ebenfalls eine Rolle. Aus meiner Erfahrung fallen auch viele Menschen unbeabsichtigt ins Wasser, wenn sie betrunken sind, etwa an Brücken oder Flussufern. Was früher zu vielen Unfällen geführt hat, war der Sprung mit dem Kopf voraus ins unbekannte Gewässer. Dadurch kam es zu vielen Querschnittslähmungen. Doch diese Zahlen sind nun etwas rückläufig.

Was passiert mit dem Körper, wenn ein Mensch untergeht?

Frankl: Dann setzt sofort ein Überlebenskampf ein. Viele können nur 20, maximal 60 Sekunden die Luft anhalten, dann lässt die Kraft nach und es läuft Wasser in die Lunge. Im Fall einer Reanimation sorgt dies für zusätzliche Komplikationen. Bei fließenden Gewässern – von der Altmühl mal abgesehen – kommt hinzu, dass die Menschen oft abgetrieben werden und nicht gegen die Strömung ankämpfen können.

Angenommen, man beobachtet als Ersthelfer, wie jemand ertrinkt. Was soll man tun?

Uwe Frankl (43) aus Büttelbronn ist seit 15 Jahren Beamter bei der Berufsfeuerwehr München und dort in der Leitstelle sowie im Einsatz tätig. Außerdem ist er Leiter von Erste-Hilfe-Kursen. © Foto: privat


Frankl: Als allererstes den Notruf über die 112 alarmieren, so wissen die Rettungskräfte, was und wo etwas passiert ist. Wenn andere Menschen in der Nähe sind, sollte man um Hilfe rufen und sie um Unterstützung bitten. Danach sollte versucht werden, den untergegangenen Menschen aus dem Wasser zu holen. Dabei hat aber die Eigensicherung die höchste Priorität. Es ist niemandem geholfen, wenn bei der Rettung noch ein Mensch stirbt. An offiziellen Badegewässern gibt es stellenweise Rettungsringe als Hilfsmittel, in Bädern die Rettungsstange. Auch Paddel oder Äste, Boote oder Surfbretter können hilfreich sein. Geübte Schwimmer sollten sich dem Ertrinkenden von hinten nähern und rückwärts aus dem Wasser ziehen. Dabei kann es aber passieren, dass der Gerettete sich am Retter festklammert und beide in die Tiefe zieht. Rettungsschwimmer üben einen speziellen Befreiungsgriff, mit dem man sich mittels Untertauchmanöver wieder aus der Umklammerung befreien kann. Wie gesagt: Der Eigenschutz steht über allem.

Wenn der Notfallpatient wieder an Land ist, wie geht es dann weiter?

Frankl: Eine Merkregel in Erste-Hilfe-Kursen ist das Disco-Prinzip: "anschauen, ansprechen, anfassen." Ist der Patient ansprechbar, dann leistet man Hilfe nach Notwendigkeit. In diesem Fall also etwa raus aus den Kleidern, abtrocknen und warm halten. Eventuell sind auch Wunden zu versorgen. Der Kfz-Verbandskasten und die Rettungsdecke können da sehr hilfreich sein. Eventuell war die Person nicht allein. Dies gilt es ebenso in Erfahrung zu bringen.

Und wenn der Gerettete nicht mehr ansprechbar ist?

Frankl: Dann muss geprüft werden, ob die Person noch atmet, etwa indem man den Kopf überstreckt und beobachtet, ob sich der Brustkorb hebt und senkt, oder über die Kontrolle mit dem eigenen Ohr an der Nase des Patienten. Atmet er, dann kann man ihn in die stabile Seitenlage bringen, abtrocknen und wärmen. Atmet die Person nicht mehr, muss sofort mit der Herz-Druck-Massage begonnen werden.

Viele Menschen haben dabei Angst, etwas falsch zu machen.

Frankl: Das einzige, was man falsch machen kann, ist nicht zu helfen. Klar kann durch die Wiederbelebung mal eine Rippe brechen, das ist für den Patienten aber das geringste Problem. Im Rahmen des Notrufs unterstützt die Integrierte Leitstelle die Ersthelfer bei den Reanimationsmaßnahmen, und zwar so lange, bis qualifizierte Hilfe an der Unglücksstelle eintrifft. So lange müssen die Ersthelfer durchhalten. Die Mitarbeiter am Telefon geben detaillierte Anweisungen, in welchem Tempo und wie tief der Brustkorb gedrückt werden muss. Sie bitten um weitere Auskunft, um den Patienten zu retten. Ist die Einsatzstelle sicher? Stehen Einweiser bereit? Weil jede Sekunde zählt, werden bei solchen Einsätzen in der Regel Polizei- und Rettungshubschrauber alarmiert. Zum einen zur Personensuche, zum anderen für den schnellen Transport in eine Spezialklinik.

Warum ist die sofortige Herz-Druck-Massage bei der Rettung so wichtig?

Frankl: Die Massage ist wichtig, um den Blutkreislauf am Laufen zu halten und den restlichen Sauerstoff im Körper zu verteilen. Wenn ich mir eine Beatmung nicht zutraue, zum Beispiel aus Ekel oder weil ich Angst habe mich mit einer Krankheit anzustecken – dann wird halt nur gedrückt. Denn wenn das Gehirn über das Blut keinen Sauerstoff mehr bekommt, sterben Zellen schon nach zwei bis drei Minuten unwiederbringlich ab. Außerdem kann das Blut verklumpen, was zu Embolien führt, die im weiteren Verlauf für den Patienten tödlich sind und zum sogenannten Multiorganversagen führen. Dabei ist Reanimation Teamwork: Wenn andere Helfer in der Nähe sind, sollte man sich alle zwei Minuten abwechseln.

So ein Einsatz, bei dem es um ein Menschenleben geht, kann für Laien belastend sein. Wie können sie am besten damit umgehen?

Frankl: Auch wir bei der Berufsfeuerwehr besprechen unsere belastenden Einsätze nach. Das bieten wir auch den Ersthelfern an, und zwar schon direkt an der Unglücksstelle durch Notfallseelsorger oder Kriseninterventions-Teams. Sie sollten sich aber nicht scheuen, auch später zum Arzt zu gehen, wenn sie deshalb etwa an Schlafstörungen oder Gefühlsschwankungen leiden. Viele Ersthelfer, teilweise auch ehrenamtlich tätige Einsatzkräfte, schämen sich dafür oder wissen nicht mit der Situation umzugehen. Dabei ist es nüchtern betrachtet eine menschliche Reaktion auf ein außerordentlich belastendes Ereignis, mit der man unter Umständen ohne professionelle Hilfe nicht mehr fertig wird. Ich habe so etwas auch schon durchgemacht und erfolgreich bewältigt.

Viele Menschen haben ihren ersten – und wahrscheinlich auch einzigen – Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein absolviert. Wie oft sollte man das Wissen auffrischen?

Frankl: Eine Statistik besagt, dass die Deutschen alle 17 Jahre einen Erst-Hilfe-Kurs absolvieren. Ich glaube allerdings, dass da die betrieblichen Ersthelfer mit eingerechnet sind, die ja alle zwei Jahre verpflichtend teilnehmen müssen. Ich empfehle jeder Privatperson, alle fünf Jahre einen Erste-Hilfe-Kurs zu absolvieren. Schließlich macht man ihn ja für sich, seine Familie oder seine Sportskameraden, wenn diese in eine Notlage kommen.

Zum Thema: Erste-Hilfe-Kurs

Jeder, der einen Führerschein der Klassen A, B und C machen möchte, muss vorher erfolgreich einen Erste-Hilfe-Grundkurs absolvieren. Das gilt auch für Übungsleiter in Sportvereinen oder betriebliche Ersthelfer. Fanden die Kurse früher noch an zwei Tagen statt, reicht heute eine gut achtstündige Fortbildung zu den Themen Eigenschutz und Absicherung von Unfällen, Wundversorgung, Verbrennungen, Verätzungen, Vergiftungen sowie lebensrettenden Sofortmaßnahmen aus.

Anbieter von Erste-Hilfe-Kursen in der Region sind beispielsweise das Rote Kreuz, die Johanniter oder die Malteser. Die Kurse kosten in der Regel zwischen 40 und 45 Euro. Es gibt auch private Anbieter in der Region, etwa First Graid

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