Freitag, 26.04.2019

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Experten tagen in Treuchtlingen zum Thema Resilienz

Mehrere koordinierende Kinderschutzstellen organisieren Vorträge in Treuchtlingen - 12.01.2019 06:05 Uhr

Die Organisatorinnen des Fachtags (von links): Aenne Seibold, Christine Spiegl, Kirsten Weber, Anett Pohl (alle KoKi Eichstätt), Adelheid Regn-Neidhart (KoKi Stadt Schwabach), Nina Schöppner (KoKi Roth), Karin Baumgärtner und Sandra Heuberger-Streb (beide KoKi Weißenburg). © Landratsamt


Stress und Krisen gehören zum Leben. Ob wir verzweifeln oder gestärkt daraus hervorgehen, hängt von vielen Faktoren ab. Der Grundstein für die Art und Weise, wie Menschen mit belastenden Lebensumständen umgehen, wird bereits in der frühen Kindheit gelegt. Seelische Widerstandskraft ist dabei nicht angeboren, sondern braucht verschiedene Bedingungen und Voraussetzungen. Insbesondere das Konzept der Resilienz rückt hierbei in den Fokus.

Unter Resilienz wird die Fähigkeit verstanden, mit belastenden Situationen und Krisen umzugehen und sie erfolgreich zu bewältigen. Resilienz ist somit ein bedeutender Schutzfaktor für die gesunde seelische Entwicklung. Das Konzept der Resilienz hat in den vergangenen Jahren eine breite Beachtung in Fachdiskussionen gefunden. Aufgrund der Aktualität des Themas kooperieren die koordinierenden Kinderschutzstellen (KoKi) der Landkreise Weißenburg-Gunzenhausen, Eichstätt, Roth und der Stadt Schwabach. Die Fachstellen haben sich deshalb zusammengeschlossen, um einen überregionalen Fachtag zu diesem Thema zu organisieren.

Den Organisatorinnen des Fachtags ist es gelungen, Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff, einen der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Resilienzförderung, als Hauptreferenten zu gewinnen (siehe Interview). Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut entwickelt seit über zehn Jahren Konzepte zum Thema Resilienz. Neben dem Fachvortrag von Fröhlich-Gildhoff wird die Thematik anschließend in drei Workshops mit dem Blick auf Kinder, Eltern und Fachkräfte vertieft und die konkreten Möglichkeiten der Umsetzung beleuchtet.

Dafür konnten neben dem Hauptreferenten zusätzlich Corinna Lippert (Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin, Integrale Eltern-Säuglings-Kleinkinder-Beraterin) und Jörg Mangold (Kinder- und Jugendpsychiater, Ärztlicher Psychotherapeut, Achtsamkeitslehrer) als weitere Fachreferenten zur Vertiefung der Thematik gewonnen werden.

Gemeinsam mit den Teilnehmenden möchten die vier KoKis den Blick darauf richten, wie innere Stärke und seelische Widerstandsfähigkeit in der frühen Kindheit gefördert werden kann und was Kinder von Anfang an brauchen, um den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein.

Grundlagen vorstellen

Hierzu werden wissenschaftlich gesicherte Grundlagen der Resilienzforschung vorgestellt. Obwohl die Grundlagen von Resilienz in der frühen Kindheit angelegt sind, versteht sich Resilienz als dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess. Auch zu einem späteren Zeitpunkt können durchaus Resilienzfaktoren noch weiterentwickelt und gestärkt werden. „Unser Anliegen ist es auch, zu betrachten, was für Eltern und pädagogische Fachkräfte wichtig wäre, um trotz Alltagsstress und Krisen gesund und handlungsfähig zu bleiben“ betont die Mitorganisatorin der KoKi, Sandra Heuberger-Streb.

Allen Veranstaltern liegt besonders am Herzen, wie Menschen seelisch gesund und glücklich bleiben können, getreu dem Motto Astrid Lindgrens und ihrer Pippi Langstrumpf „Lass Dich nicht unterkriegen. Sei frech und wild und wunderbar!“.

Für die Teilnahme an der Veranstaltung wird eine Anmeldung erbeten. Dafür und für weitere Infos zum Fachtag steht die KoKi Weißenburg-Gunzenhausen unter Telefon 09141/902188 oder per E-Mail an koki.lra@landkreis-wug.de zur Verfügung.

DAS INTERVIEW

Resilienzforscher Professor Klaus Fröhlich-Gildhoff. © privat


Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff ist der wohl führendste Wissenschaftler auf dem Gebiet der Resilienzförderung. Er ist einer der Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung der Evangelischen Hochschule Freiburg und entwickelt seit mehr als zehn Jahren entsprechende Konzepte zum Thema Resilienz.

Herr Fröhlich-Gildhoff, was ist Resilienz?

Klaus Fröhlich-Gildhoff: Resilienz bedeutet ja seelische Widerstandskraft. Das heißt also, dass man gut ausgestattet ist bei seelischen Belas­tungen, beispielsweise beim Tod des Partners. Dann ist es gut, seelische Stärke zu haben.

Was sind denn Probleme, mit denen Kinder ohne diese Resilienz oft zu kämpfen haben?

Fröhlich-Gildhoff: Solche Kinder haben eben oft ein mangelndes Selbstvertrauen, viele geben häufig auch schneller auf als andere Kinder. Andere Kinder sind sehr empfindlich, zeigen schnell Überreaktionen.

Sie entwickeln seit mehr als zehn Jahren Konzepte zum Thema Resilienz. Was sind das für Konzepte?

Fröhlich-Gildhoff: Es geht darum, Resilienz bei Kindern und Jugendlichen zu fördern und Schutzfaktoren zu stärken. Der wichtigste außerpersonale Schutzfaktor ist dabei der Halt- und Sicherheitsgebende, die Beziehung zu einem anderen Menschen. Bei Kindern, denen eine stabile Bezugsperson fehlt, können auch eine Erzieherin oder ein Erzieher ausgleichend wirken. Es geht also zum einen darum, die Beziehungen zwischen Kindern und Pädagoginnen und Pädagogen in Kita und Schule zu stärken. Zum anderen sprechen wir von personalen Schutzfaktoren, dies sind Fähigkeiten, die wir als Resilienzfaktoren bezeichnen. Zum Beispiel eine angemessene Selbststeuerungsfähigkeit, eine angemessene Selbstwirksamkeitsüberzeugung oder auch soziale Kompetenzen. Diese Resilienzfaktoren können durch Kursprogramme gestärkt werden, genauso wichtig ist es aber, sie im Alltag zu entwicklen. Besonders wichtig ist dabei das erfolgreiche Bewältigen von Aufgaben und Herausforderungen.

Gibt es da in der Wissenschaft eigentlich Fortschritte? Was wusste man vor zehn Jahren, was weiß man heute?

Fröhlich-Gildhoff: Ich glaube, was wir schon lernen können ist, wie man die Schutzfaktoren stärken kann. Ein banales Beispiel: Kürzlich habe ich in der Kita zwei Kinder beobachtet, die Treppenstufen hochgeklettert sind. Das eine klettert auf die vierte Stufe, springt runter und freut sich. Das zweite Kind traut sich nicht zu springen, weil es Angst hat. Auch auf der dritten und zweiten Stufe hat es noch Angst. Von der ersten Stufe springt es dann. So hat sich das Kind Schritt für Schritt einen Erfolg organisiert. Das Kind hat seine Selbstwirksamkeit dadurch gestärkt.

Und was folgt daraus?

Fröhlich-Gildhoff: Pädagogen müssen das sehen und wahrnehmen, dass das Kind Fortschritte macht und ihnen beispielsweise nicht sagen: „Mensch, warum springst du denn nicht von der vierten Treppenstufe.“ Da müssen wir hin, auch bei der Fachkräfteschulung.

Das Gespräch führte Micha Schneider. 

pm/Micha Schneider E-Mail

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