Samstag, 07.12.2019

|

Frauen im Stadtrat: ungeliebt und ungewählt?

Drei Viertel der Treuchtlinger Kandidaten waren zuletzt Männer - 08.03.2019 06:04 Uhr

Männerdomäne Rathaus: Heute ist Internationaler Frauentag, doch mit gleichberechtigter Mitbestimmung ist es schon auf kommunaler Ebene nicht weit her, wie ein Blick in den Treuchtlinger Stadtrat zeigt. © Foto: Benjamin Huck / Bearbeitung: Harald Weiß


Die Einwohnerstruktur der Altmühlstadt ist ziemlich ausgeglichen: 49,6 Prozent sind Frauen, nach den jüngsten Zahlen des Landesamtes für Statistik 111 weniger als Männer. Doch beim Blick in die Stadtrat ist es mit der Geschlechtergleichheit dahin: Von den 24 Mitgliedern sind nur fünf Frauen: Susanna Hartl, Kerstin Zischler und Maria Scherer von der SPD, Kristina Becker von der CSU und Kathrin Baum-Grimm von den JGB. Wie können mehr Frauen in den Stadtrat kommen – und was hindert sie daran?

Die Hälfte der Bürger sind Frauen, drei Viertel der Treuchtlinger Stadtratskandidaten waren 2014 aber Männer. Gut platzierte Bewerberinnen wurden sogar nach hinten gewählt, sodass nur gut ein Fünftel der Ratsmitglieder tatsächlich weiblich ist. © TK


Die Stadtratswahl ist sehr personen- und weniger parteibezogen. So können die Wähler selbst bestimmen, wem sie bis zu drei Stimmen geben. Auf Bundesebene sehen manche Parteien eine Abwechslung von weiblichen und männlichen Kandidaten vor, die Reihenfolge kann der Wähler nicht verändern. Beim Stadtrat sieht das anders aus, wie ein Blick auf die Wahl 2014 in Treuchtlingen zeigt.

Auf der CSU-Liste etwa waren unter den 24 Kandidaten sechs Frauen (25 Prozent). Anna Scheuer stand sogar auf Listenplatz zwei, kam aber nach Wählerstimmen nur auf Platz zehn – zu wenig für die CSU, die in dieser Amtsperiode acht Stadtratsmitglieder stellt. Die gewählte Mandatsträgerin Kristina Becker kandidierte auf Platz sechs und holte auch die sechstmeisten Stimmen in der CSU.

Frauen nach hinten gewählt

Für die SPD gingen 2014 acht Frauen ins Rennen (33 Prozent), darunter drei auf den ersten sechs Plätzen. Gewählt wurden letztlich nur Susanna Hartl (Platz zwei) und Kerstin Zischler (Listenplatz vier, Stimmplatz fünf). Für Maria Scherer (Listenplatz sechs, Stimmplatz elf) reichte es zunächst nicht, durch den Tod von Claus Wagner rückte sie aber in den Stadtrat nach.

Die bisherigen Freien Wähler (jetzt UFWG) hatten ebenfalls sechs Frauen auf ihrer Liste, die zwar auch vorne nominiert waren (bester Listenplatz: vier), jedoch von den Bürgern nach hinten gewählt wurden (bestes Stimmenergebnis: Platz elf). Die CSU-nahe Treuchtlinger Bürgerliste (TBL) kam auf vier Frauen (17 Prozent), von denen die erste auf Platz fünf nominiert war. Die Wähler stimmten jedoch erst auf Platz zehn für eine Frau.

Die SPD-nahen Jungen Gemeindebürger (JGB) hatten sechs Bewerberinnen (25 Prozent) und wie die SPD drei Frauen auf den ersten sechs Listenplätzen. Unter den gewählten Ratsmitgliedern, auch wenn es bloß zwei sind, haben sie als einzige Wählergruppe gleich viele Männer wie Frauen.

Benachteiligt oder weniger aktiv?

Von den 120 Kandidaten, die 2014 insgesamt antraten, waren 30 Frauen, was 25 Prozent entspricht. Tatsächlich beträgt die Quote im gewählten Stadtrat aber nur etwa 21 Prozent. Manche Parteien haben schon Schwierigkeiten, alle 24 Listenplätze zu besetzen, sinkt doch auch in der Kommunalpolitik die Bereitschaft, ein Ehrenamt zu übernehmen. Werden den Frauen dabei zusätzlich Steine in den Weg gelegt?

SPD-Stadtratsfraktionschefin Susanna Hartl ist seit 1990 in der Kommunalpolitik aktiv, sowohl in Treuchtlingen als auch im Kreistag. Schon vor ihrer Zeit gab es immer wieder Frauen im Stadtrat, und ihre erste Kandidatur, zunächst über die JGB-Liste, habe ihr viel Spaß gemacht, so Hartl.

Doch als sie dann wirklich gewählt wurde, sei das für manche der „älteren Herren“ im Gremium schon sonderbar gewesen: „Da kommt auf einmal eine junge Mutter von drei Kindern, die sich einmischt und nicht nur als politischer Zierrat dasitzen möchte.“

Ungewohnt für die "alten Männer"

So habe es durchaus Versuche gegeben, „die junge Frau in Zaum zu halten“, wie sich Hartl erinnert. In der eigenen Fraktion, der schon damals noch zwei weitere Frauen angehörten, sei sie jedoch von Anfang an akzeptiert worden – auch weil sie sich als kundige Ansprechpartnerin präsentiert habe, etwa zu Kindergärten und Grundschulen. „Ich war bereit, Verantwortung zu übernehmen.“ Vielleicht fehle dieser Wille noch bei anderen Frauen.

Haben es Frauen gerade im bayerischen Wahlsystem schwerer, weil hier die Bürger die Reihenfolge der Kandidaten bestimmen? Hartl jedenfalls möchte nichts auf das „Panaschieren“ und „Kumulieren“ (Verteilen und Häufeln der Stimmen) kommen lassen. Sie findet das Wahl­system gut: „So können die Bürger die Kandidaten wählen, mit denen sie sich identifizieren.“ Manche täten das mit Gewerkschaftern, Landwirten oder eben mit Wettelsheimern – je nach persönlichem Hintergrund und quer durch die Listen. „Ich glaube, dass es heute kaum mehr Menschen gibt, die Frauen aus Prinzip nicht wählen“, meint Hartl.

Im Spätherbst möchten die Sozialdemokraten ihre Liste für die Stadtratswahl am 15. März 2020 aufstellen. Hartl fände es gut, wenn genauso viele Frauen wie Männer kandidieren und sich dann abwechselnd auf dem Stimmzettel wiederfinden würden. Nach 29 Jahren in der Kommunalpolitik hat sie die Lust nicht verloren – auch weil im Stadtrat heute häufiger als früher um die Sache und weniger persönlich diskutiert werde. „Wenn die Gesundheit noch mitmacht, stehe ich gern wieder zur Verfügung“, so Hartl. „Aber ich werde jüngeren Kandidaten nicht im Weg stehen.“

Benjamin Huck Treuchtlinger Kurier E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Treuchtlingen, Treuchtlingen