Montag, 30.03.2020

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Für Tonne statt Fiskus: Bon-Pflicht in Treuchtlingen

Die Kunden juckt die neue Regelung nicht, Gewerbe und Gastronomie stöhnen - 11.01.2020 06:04 Uhr

Beim Lehner-Bäck in der Treuchtlinger Bahnhofstraße quillt der Restmüllbehälter schon gegen Mittag über vor lauter nicht mitgenommener Kassenzettel. © Patrick Shaw


"Wir leeren den Eimer dreimal am Tag aus, und am Abend haben wir eine große Tonne voll mit Kassenbons", erzählen zum Beispiel die Verkäuferinnen beim Lehner-Bäck in der Treuchtlinger Bahnhofstraße. "Wir fragen jeden Kunden, ob er einen Beleg möchte, aber die winken meist gleich ab." Nur vielleicht einer von hundert nehme den Bon mit, die restlichen Zettel wandern in den Abfall – und nicht einmal ins Altpapier, sondern in den Restmüll, da die Belege meist aus chemisch beschichtetem Thermopapier bestehen.

Auch im benachbarten Aksu-Grill stößt die neue Regelung auf wenig Gegenliebe. Die nötigen Papierrollen kosten Geld und seien wenig umweltfreundlich. "Wir drucken jeden Bon aus, die meisten Leute wollen ihn aber nicht", heißt es dort. Wer braucht schon einen Beleg für den Döner zwischendurch?

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Gerade auf diese Branche zielt das neue Gesetz jedoch ab. Denn dem Staat entgehen durch nicht gebuchte oder manipulierte Umsätze sowie falsch erfasste oder fingierte Rechnungen hohe Summen an Steuern. Erhebungen zufolge ist das insbesondere in der Gastronomie und anderen Branchen mit hohem Bargeldanteil der Fall. Von jährlich rund zehn Milliarden Euro ist die Rede.

Döner mit Kraut und Kassenbon

Die Bon-Pflicht soll den Steuerbetrug eindämmen, da der Umsatz in die Registrierkasse eingegeben werden muss, um den Beleg auszudrucken. Anders als zum Beispiel in Italien müssen die deutschen Kunden den Kassenzettel allerdings nicht mitnehmen und zumindest kurzzeitig aufbewahren, was die Regelung teilweise ad absurdum führt.

"Einfach nur nervig", findet deshalb auch Ulrike Käb die Bon-Pflicht. In den vergangenen zwei Wochen hat die Inhaberin der Tabak- und Zeitschriftenhandlung am Weißenburger Marktplatz "maximal 20 Zettel abgegeben". Denn kein Kunde wolle einen Beleg, wenn er lediglich eine Zeitung, ein Feuerzeug oder eine Packung Kaugummi kauft. Stattdessen hat Käb nun aber Mehrausgaben fürs Papier: "Ich brauche jetzt jeden zweiten Tag eine neue Rolle, die früher einen Monat lang gehalten hat. Etwa 300 Euro sind das im Jahr", rechnet sie vor. Um ihre Registrierkasse auszutricksen, fehle ihr ohnehin das technische Knowhow. "Vielleicht sollten wir auf dem Marktplatz einen Container für die Bons aufstellen", sinniert die Zeitschriftenhändlerin. "Der wäre ganz schnell voll, und dann schicken wir ihn nach Berlin."


Unsere Meinung zur Bon-Pflicht:

Pro: Darum ist die Bon-Pflicht sinnvoll

Contra: Bon-Pflicht ist ein Sargnagel für kleine Handwerksbetriebe


Das gesellschaftspolitische Signal ärgert auch Max Böhm. "Da reden wir über Umweltschutz, und dann wird man gezwungen, mehr Müll zu erzeugen", kritisiert der Treuchtlinger Friseurmeister. Außerdem seien die Steuerschlupflöcher bei den großen Konzernen und in der Finanzwelt ungleich größer, weshalb bei den Bürgern das Gefühl entstehe, dass wieder einmal nur der "kleine Mann" gegängelt und kriminalisiert werde. Böhm selbst nutzt in seinem Salon derzeit noch die Umstellungsfrist bis Ende September. Bis dahin will er einen speziellen Chip in seine Kasse eingebaut haben, der die Buchungen fälschungssicher und die Bon-Ausgabe damit überflüssig macht. Der Haken: "Bislang gibt es den Chip noch gar nicht."

Doppelt hält besser?

Ausnahmen von der Bon-Pflicht kann in "Härtefällen" auch das Finanzamt genehmigen. Darauf setzt die Treuchtlinger Altmühltherme. "Unsere Kassen sind zwar automatisiert und haben schon immer Belege ausgedruckt", erklärt Bad-Sprecherin Claudia Schäfer. "Da bei uns aber zusätzlich niemand ohne eine im System erfasste Wertmünze reinkommt, können wir gar nichts falsch buchen." Allerdings habe sie gehört, dass die Finanzämter solche Ausnahmegenehmigungen derzeit nur äußerst selten ausstellen.

Ein Sonderfall ist schließlich noch das schriftliche Kassenbuch. Wer keine elektronische Kasse hat und seine Umsätze wie in alten Zeiten händisch verbucht, muss bislang auch keinen Beleg ausstellen (außer der Kunde verlangt ausdrücklich eine Quittung). Das ist nach wie vor gar nicht so selten der Fall – etwa bei den sogenannten offenen Marktkassen der Wochenmarkt-Fieranten.

Eine Nische für Lug und Trug? Eher nicht, denn anhand der Warenbestände lässt sich meist ohnehin nachvollziehen, was verkauft wurde. Und wer den Fiskus tatsächlich umgehen will, den hindert auch die Bon-Pflicht nicht daran, einen Teil der Umsätze einfach gar nicht zu buchen – die Kunden interessieren sich jedenfalls offenbar nicht die Spur dafür, ob sie einen Beleg erhalten und was konkret darauf steht.

 

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