Samstag, 07.12.2019

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Gundelsheim: Eklat um die Dorfschule

Josef Seel gibt Ehrenamtsurkunde zurück – Schwaches Stromnetz - 30.03.2019 06:05 Uhr

Die alte Gundelsheimer Dorfschule beherbergt aktuell den Kindergarten sowie ein Sammelsurium an Lagerräumen. © Patrick Shaw


„Ein besonderes Trauerspiel“ zeichnete Josef Seel im proppenvollen Schützensaal nach. Drei große Modelle von historischen Dorfhäusern hatte der passionierte Heimatkundler und Bastler vor vier Jahren anlässlich des Dorfjubiläums gebaut und seither eingelagert. Anfang 2018 kam dann noch eine Sammlung geschichtsträchtiger Objekte und Dokumente aus dem Erbe des einstigen Dorflehrers Georg Hofmann hinzu – darunter Schätze wie eine Urkunde zum Weiderecht der Schäferei Möhren aus dem Jahr 1558.

Doch wohin mit den Sachen? Schließlich sollten sich die Museumsstücke nicht nur in irgendeiner Abstellkammer stapeln, sondern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Seels Idee: vier Räume im Obergeschoss der alten Dorfschule dafür herzurichten. Das für den Ort riesige Gebäude aus den späten 1960er Jahren, in dessen Erdgeschoss noch der Kindergarten untergebracht ist, steht seit der Gebietsreform größtenteils leer beziehungsweise wird bei Bedarf für Dorfjugend, Vereine und als Lager für städtisches Inventar genutzt. Von der Stadt erhielt Seel im vergangenen Frühjahr das Okay und räumte einen Teil der Gegenstände ein. Einen Schlüssel, um selbstständig weiterzumachen, bekam er aber nicht.

Wie sich in der Diskussion herausstellte, hätte er den zwar von Ortssprecher Heckl haben können, die Stadtverwaltung kümmerte sich aber nicht darum – bis es im November plötzlich hieß, die Räume würden als Archiv für die Patientenakten des aufgegebenen Stadtkrankenhauses benötigt.

Die Ersatzräume im Erd- und Untergeschoss der Dorfschule, die die Stadt nach fast einem Jahr Stillstand im Januar anbot, waren laut Seel „völlig ungeeignet“. Schon davor sei zudem die schriftliche Aufforderung gekommen, die bereits bezogenen Zimmer wieder zu räumen. „Gründet doch Euren eigenen Staat“, habe Bürgermeister Baum den Gundelsheimern vor vier Jahren einmal im Ärger geraten. „Das hätten wir tun sollen!“, schimpfte Seel, bevor er dem Stadtoberhaupt die ihm 2015 für sein Engagement verliehene Ehrenamtsurkunde zurückgab.

„Es ist schade, dass das so gelaufen ist“, räumte Baum ein. Er schätze Seels Arbeit außerordentlich, gerade da er selbst begeisterter Hobby-Heimatkundler sei. Allerdings habe ihn Seel nie auf die Sache angesprochen. „Wir können zwar nicht in jedem Dorf ausgelagerte Heimatmuseen schaffen“, so der Rathauschef. Er biete Seel aber an, die Räume doch noch frei machen zu lassen, sobald das neue Treuchtlinger Feuerwehrhaus steht. Dann nämlich könne ein Teil des städtischen Volksfest-Fundus dorthin umziehen. Dieser lagert derzeit neben mehreren Lastwagenladungen an Akten sowie laut Bürgern „viel Gerümpel bis hin zu 20 Jahre alten Kloschüsseln“ ebenfalls im alten Schulhaus. „Gundelsheimer und nicht Treuchtlinger Sachen gehören dorthin!“, so ein Dorfbewohner.

Ob dies die Lösung ist, blieb am Ende offen. Der Vorschlag lenkte die Debatte kurz auch generell auf die künftige Nutzung des Schulgebäudes sowie die des bald ebenfalls leerstehenden Feuerwehrhauses. Beide sind wohl kaum sanierbar, könnten aber rudimentär hergerichtet werden.

Das neue Feuerwehrhaus ist derweil bereits am entstehen, die Bodenplatte wurde laut Kommandant Artur Heckl diese Woche betoniert. Schon jetzt habe die Dorfgemeinschaft insgesamt 63 Arbeitstage, 800 Maschinen- und über 1800 Mannstunden in das Projekt gesteckt und der Stadt damit mehrere Zehntausend Euro gespart. Bis Jahresende soll das Gebäude stehen. „Wir bauen ein Haus im Jahr 2019, nicht 1968. Nichts daran ist im Umfang übertrieben“, sagte Bürgermeis­ter Baum zu den erheblichen Kosten von rund einer Million Euro. Am neuen Gerätehaus soll auch der aktuell aufs Anwesen Schaller ausgelagerte Defibrillator angebracht werden.

Ebenfalls bis Jahresende erledigt sein soll die Sanierung der Stützmauer am Kirchberg. Dabei wollen die Stadtwerke in der Straße Leitungen verlegen, die Fahrbahn wird neu asphaltiert. Den vor zehn Jahren aufgestellten, nun aber morschen Holztrog am Dorfweiher möchte Karl Heckl durch ein kleines Kneippbecken samt Beschilderung für Radler und Wanderer ersetzen.

Ärgerlich ist für einige Dorfbewohner das schwache Stromnetz im Ort. Ein Bürger beklagte, dass er im August 2018 eine Photovoltaikanlage installiert habe, diese aber mangels Kapazität bis heute nicht anschließen konnte – und das, obwohl im Herbst eine neue 20-Kilovolt-Leitung nach Gundelsheim fertiggestellt wurde. Stadtwerke-Mitarbeiter Matthias Reichenthaler erklärte, dass der gesamte Bereich südlich von Treuchtlingen „ein massives Problem im Mittelspannungsnetz hat“. Alle Transformatoren liefen „im Grenzbereich“. Die neue Leitung habe lediglich „schon früher gemachte Zusagen abgedeckt“.

Eine weitere 20-Kilovolt-Leitung von der Firma Linss zur Fuchsmühle konnte laut Reichenthaler noch nicht verlegt werden, weil sie die Bahntrasse quert und solche Verfahren „meist über ein Jahr dauern“. Außerdem stoße man „auf große Widerstände bei den Grundstückseigentümern“. Generell sei der über die gesetzlich vorgeschriebene Grundversorgung hinausgehende Netzausbau im Gange, aber teuer. Umso größer seien die Probleme mit den vielen neuen Photovoltaik- und Biogasanlagen, die staatlich bezuschusst wurden, nicht aber der Netz­ausbau, um den Strom abzuleiten.

Viel Kritik, aber keine neuen Argumente gab es zur neuen Regelung der Ortssprecherwahl. Gundelsheim ist der einzige Ortsteil mit Stadtratsmitgliedern aller drei Fraktionen sowie einem Kandidaten, der 2014 im Dorf die meisten Stimmen holte, es aber nicht ins Gremium schaffte. Bürgermeister Baum betonte, dass „in jedem Fall ein Gundelsheimer Ortssprecher wird“. Zudem lasse die Stadt gerade rechtlich prüfen, ob das Dorf den Sprecher nicht doch selbst aus den gewählten Ratsmitgliedern bestimmen darf.

Eine Überraschung hatte Karl Heckl schließlich für das Dorffest am 6. und 7. Juli parat: Die mittelfränkische Waldarbeitermeisterschaft kommt nach Gundelsheim. „Das wird ein richtig großes, etwas anderes Dorffest“, freute sich der Ortssprecher. Man erwarte mehr als 2000 Besucher und über 50 teils internationale Wettkämpfer. Örtliche Holzhauer können ebenfalls an dem Spektakel teilnehmen, auch eine kleine Maschinenmesse ist geplant.

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