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Haben schon die Römer den Karlsgraben gebaut?

Kunsthistoriker präsentiert einen Gegenentwurf zur anerkannten Lehrmeinung - 05.08.2019 05:59 Uhr

Der Karlsgraben nördlich der Ortschaft Graben wurde einst angelegt, um im Endeffekt eine Verbindung von der Donau zum Rhein über die europäische Wasserscheide zu schaffen. Das Vorhaben ist gescheitert, Historiker sind aber immer noch auf der Suche nach den wahren Erbauern. © Archivfoto: Rudi Beringer/Limes Luftbild


Der "Karlsgraben" hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit in den Medien erfahren. Von 2012 bis 2018 wurde er von Fachleuten gründlich und erschöpfend untersucht. Doch sind die ansehnlichen Erdwälle in der Ortschaft Graben überhaupt die Überreste von Karls Kanalbau-Versuch?

Daran gibt es erhebliche Zweifel. Dass Karls Mannen hier einen Kanal graben wollten, ist seit 1200 Jahren bekannt und unstrittig. Dass der Versuch misslang, eigentlich auch: der Kanal wurde nie fertig gebaut und hätte auch nie funktionieren können.

Schon seit Jahrhunderten firmiert der Karlsgraben unter diesem Namen. Ein merkwürdiger Name, weil der Weiher von sechs Meter hohen Wällen eingefasst wird, auf denen mächtige Bäume gedeihen. Nach Süden wird das Becken zur Altmühl entwässert, nach Norden kann man etwa 300 Meter in den Trichter sehen, dort ist kein Wasser mehr, nur noch Gebüsch, die Wälle machen dann einen Bogen nach Osten, enden sanft in der Landschaft. Wenn man den feinsten Verästelungen der Schwäbischen Rezat nachgeht, nähern sich Rezat und Altmühl bis auf etwa drei Kilometer an, und der Höhenunterschied beträgt nur 12 Meter.

Das hört sich nicht schlecht an für eine Kanalplanung, und in eben diesem Areal sollte Anno 793 Karls Kanal entstehen. Das wissen wir aus den Reichsannalen, den Jahreschroniken des Frankenreichs. Dort heißt es: "Nun war der König von einigen, die sich für Sachverständige hielten, überzeugt worden, dass man ganz bequem von der Donau bis zum Rhein mit dem Schiff fahren könne, wenn man zwischen Radantia (Rednitz) und Alcmona (Altmühl) einen Graben zöge, der groß genug sei, um Schiffe aufzunehmen. (...) Sogleich brach er mit seinem ganzen Gefolge zu diesem Ort auf, ließ eine große Menge Menschen zusammenziehen und den ganzen Herbst an diesem Projekt arbeiten. Zwischen den genannten Flüssen wurde ein Graben von 2000 Schritt Länge und 300 Fuß Breite ausgehoben, aber vergebens. Wegen des sumpfigen Erdreichs, das schon von Natur aus nass war, konnte das begonnene Werk nicht vollendet werden. Was tagsüber von den Grabenden herausgeschafft worden war, wurde nachts wieder in die Gräben zurückgeschwemmt."

Genau die gleiche Erfahrung mussten die Forscher in den letzten Jahren machen. Sie hatten ihre liebe Not, das nachrutschende nasse Erdreich mit Verbauungen zurückzuhalten. Bei zwei Sondage-Grabungen konnten sie feststellen, dass der Kanal fünf Meter breit und etwa drei Meter tief ausgehoben worden war. Die Seiten waren mit einer Art Spundwänden aus Eichenpfählen gesichert. Am Ende, kurz vor dem Bächlein Rezat, war der Aushub nur noch zweieinhalb Meter breit und einen Meter tief.

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Forschungsbohrungen am Karlsgraben

Die Geologen vom Landesamt für Umwelt haben am Karlsgraben 30 Meter tief in die Erde bohren lassen und wollen nun herausfinden, wie die Gegend vor Jahrmillionen ausgesehen haben könnte.


Nun stand immerhin fest, dass der Kanal nicht zu Ende gebaut wurde und nie befahren werden konnte. Nach sechs Jahren Forschens und Grabens bestätigte sich also das, was schon seit 1200 Jahren bekannt ist. Trotzig beharrt das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege darauf, dass dieses stümperhafte und gänzlich misslungene Projekt "eine der bemerkenswertesten Ingenieursleistungen des Frühmittelalters war".

Jawohl: stümperhaft. Das fing schon mit der Trassenführung an. Die im Ort Graben beginnenden Wälle schmiegen sich an die Ausläufer des Nagelbergs in absolut trockenem, stabilem Gelände. Dieser "Graben" endet offenbar unvollendet in der Landschaft. Genau an dieser Stelle begannen Karls Mannen zu graben. Und seine "Sachverständigen" befahlen eine abrupte 90-Grad-Wende nach Norden – mitten hinein ins sumpfige Ried!

Während die Schöpfer des ersten Kanalabschnitts tunlichst die Sumpfwiesen mieden, sind die unerfahrenen Karolinger ahnungslos hineingewatet. Nein, die Konstrukteure der Wälle sind auf keinen Fall identisch mit Karls Schlammwutzlern. Das ursprüngliche Konzept war offensichtlich ein ganz anderes und wurde von den Karolingern nicht verstanden. Dies wird auch durch Passagen in den Reichsannalen bestätigt, die Bezug auf ein bereits vorhandenes Bauwerk nehmen. Und dass das Erdreich wieder in den Graben geschwemmt wurde, trifft auf diese Wälle offensichtlich nicht zu. Erstaunlich, dass die Fachhistoriker aus Jena, Leipzig, Hildesheim, Kiel, Berlin und München in ihren Forschungsberichten auf diese Aspekte überhaupt nicht eingehen. Selbst auf direkte Nachfrage bleiben sie stumm.

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100 Jahre Karlsgrabenforschung auf den Kopf gestellt

Es ist eine kleine wissenschaftliche Sensation: Die Arbeiten am Karlsgraben, dem weltbekannten Kanalprojekt Karls des Großen zur Verbindung von Rhein und Donau, haben gut ein halbes Jahr früher begonnen als bisher gedacht. Dies wirft ein völlig neues Licht auf den historischen Kontext dieser über 1200 Jahre alten, unvollendeten Großbaustelle des frühen Mittelalters.


Die Karolinger haben sich die Dimensionen eines solchen Projektes viel zu einfach vorgestellt. Die Grabung bis kurz vor das Bächlein Rezat lässt darauf schließen, dass sie mit dem Kanalbett in die Rezat einmünden wollten. Dieses Bächlein ist einen Meter breit und 50 Zentimeter tief. Da können allenfalls Kinder ihre Papierschiffchen schwimmen lassen. Und das Bett dieses Bächleins auf die benötigte Kanalbreite und -tiefe zu erweitern wäre technisch gar nicht möglich gewesen.

Schon 1956 wurde das Gelände genau vermessen und festgestellt, dass auf keinen Fall eine einfach Verbindung von der Altmühl zur Rezat möglich gewesen wäre: "Die beim Bau erreichte größte Kanaltiefe liegt 2 Meter über dem mittleren Altmühlspiegel und etwa 3 bis vier Meter zu hoch, um den für einen Bootsverkehr erforderlichen Wasserrückstau gewinnen zu können." Und schon 1993 wurde in einer Studie darauf hingewiesen, dass der Kanal mindestens bis Ellingen, vier Kilometer nördlich von Weißenburg führen musste, also acht Kilometer, um überhaupt genügend Wasser zur Verfügung zu haben. Das erkannte wohl auch der große Karl und "ließ das angefangene Werk unvollendet zurück." Auf all diese Aspekte sind die Forscher in ihren Bilanzen nicht eingegangen.

Was aber hat es mit den mächtigen Wällen in Graben auf sich? Sie sind höher als der reine Aushub, es wurde noch zusätzliches Erdreich aufgehäuft. Es kam also genau auf diese Höhe an. Merkwürdigerweise haben alle Fachleute bisher in den Weiher gestarrt und überlegt, ob die Sohle wohl tief genug ist, um das Altmühlwasser überzuleiten. Nein, sie ist nicht tief genug. Die Wälle halten in ihrer gesamten erhaltenen Länge eine Höhe von ungefähr 430 Meter über Normalnull. Das kann kein Zufall sein.

Dort wo die Wälle unvollendet in der Landschaft im Osten enden, ist es nicht mehr weit bis zur wasserreichen Schambach, die in drei Kilometer Entfernung genau diese Höhenmarke durchfließt. Wenn man die Wälle weitergegraben hätte, hätte man dessen Wasser in diesen Kanal einleiten können. Das Wasser hätte gereicht, um auch einen langen geschlossenen Kanal zu füllen. Auch dieser Kanal hätte kilometerweit nach Norden fortgesetzt werden müssen. Aber er hätte als geschlossenes Kanalsystem funktionieren können.

Das Ende im Ort Graben müsste man sich mit einer Art Schleuse geschlossen vorstellen, das Wasserbecken als kleinen Hafen. Die Schiffe wären über eine Rutsche die sechs Meter hinab und hinauf transportiert worden. Von dem Becken in Graben hätte problemlos ein Kanal in die nahe Altmühl ausgehoben werden können. Es gab im Ort früher einen Hohlweg zur Altmühl, vielleicht war er der Rest des Kanalabschnitts.

Mit einem solchen aufwendigen und technisch anspruchsvollen Projekt wären die Karolinger überfordert gewesen. Wer aber konnte vor ihnen ein solches Unternehmen wagen und wer konnte daran interessiert gewesen sein?

Dafür kommen nur die Römer in Frage. Nur sie hatten die Potenz, solche Wälle aufzuschütten, die auch nach zweitausend Jahren noch perfekt in der Landschaft stehen. Schon für sie wäre eine solche Kanalverbindung nützlich gewesen. Und in nur vier Kilometer Entfernung, in Weißenburg, gab es das Kastell Biriciana mit einer Besatzung von 500 Legionären. Sie hätten bequem jeden Tag zur Baustelle marschieren können, ohne irgendwelche Spuren eines Lagers zu hinterlassen. Das erklärt auch, warum man nichts dergleichen gefunden hat.

Möglich gewesen wäre ein solches Vorhaben ab 90 nach Christus: Gründung des Kastells Biriciana. Über hundert Jahre haben die Römer versucht, das heutige Franken bis zum Main zu erobern und in das Römische Reich einzugliedern. Wenn es ihnen gelungen wäre, hätte dieser Kanal für sie Sinn gehabt, denn den Main aufwärts waren sie schon weit vorgedrungen. 213 gab Kaiser Caracalla den Versuch auf. Dazu Grabungsleiter Lukas Werther von der Universität Jena: "Es gab definitiv keine Vorarbeiten der Römer, das können wir ausschließen." Wenn er sich da mal nicht täuscht.

 

WOLF PECHER E-Mail

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