Dienstag, 24.11.2020

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Heißer Arbeitsplatz: Das machen Saunameister in der Altmühltherme

Nur sechs Aufgüsse in acht Stunden erlaubt - Anspruchsvolle Aufgabe - 27.08.2020 05:57 Uhr

Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Reporterin Lidia Piechulek versucht sich in der Treuchtlinger Altmühltherme an einem klassischen Aufguss mit Saunakeule.

26.08.2020 © Foto: Mike Priebe


Im südlichen Teil der Treuchtlinger Altmühltherme befindet sich mein heutiger Arbeitsplatz. Die Saunalandschaft hat seit dem 1. Juli ihre Pforten wieder geöffnet: Ruhesuchende können nun in den vier Schwitzkabinen, auf einer Holzfreiterrasse und einer großen Rasenfläche ausspannen. Seither arbeiten hier vier Mitarbeiter im Schichtbetrieb. Marianne Ressel hat bereits vor zehn Jahren hin und wieder im ehemaligen Saunabereich der Therme ausgeholfen. Heute nimmt sie mich an die Hand, um mir die Philosophie eines richtigen Aufgusses nahezubringen.

Alle Kenntnisse zur Wirkungsweise des Saunierens auf den Körper, positive Effekte und Gefahren sowie zur Anatomie des Körpers und der Aufgusszeremonie hat die 54-Jährige vor ein paar Monaten in einem mehrwöchigen Kurs erworben. "Viele verstehen nicht, was wir den ganzen Tag tun und was wir alles wissen und können müssen", erzählt sie.

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An einem Acht-Stunden-Tag macht Ressel insgesamt sechs Aufgüsse – gesetzlich darf es aufgrund des Arbeitsschutzes nicht mehr als einer pro Stunde sein. Jeden Tag erstellt das Team gemeinsam einen Aufgussplan, anhand der Größe des Saunaraums errechnet der Saunameister jeweils die exakte Menge Wasser und Aromaöl. Nach einer erfolgten Zeremonie muss Ressel pausieren, um für den nächsten zehnminütigen Aufguss fit zu sein.


Sauna im Schienenbus ist an der Altmühltherme angekommen


In der Zwischenzeit ist sie Aufsichtsperson, Gesundheitsberaterin, Gesprächspartnerin und Sanitäterin. "Kreislaufbeschwerden gibt’s immer wieder", verrät sie. "Oder auch Platzwunden, wenn jemand ausgerutscht ist." Die Saunameister sorgen außerdem dafür, dass der gesamte Bereich sauber und aufgeräumt bleibt.

Arbeiten bei 90 Grad

Ob in der klassischen Kabine oder im umgebauten Schienenbus: Saunameister und -meisterin Mike Priebe und Marianne Ressel behalten einen kühlen Kopf.

26.08.2020 © Foto: Lidia Piechulek


"Wir weisen auf Regeln hin, übernehmen aber auch Putztätigkeiten", erklärt Mike Priebe. Er ist seit sechs Wochen Teil des Sauna-Teams und musste das Metier von der Pike auf lernen. An seinem ersten Arbeitstag verbrachten Marianne Ressel und er viele Stunden bei 90 Grad in der Panoramasauna. "Ich habe mir gedacht: Jetzt schauen wir erst einmal, was du so aushältst", erinnert sie sich und lacht. Also führte sie Priebe als Erstes vor, wie ein Aufguss richtig gemacht wird und worauf er zu achten hat. Danach machte der 26-Jährige es so gut wie möglich nach.

Während des Aufgusses profitiert der Saunameister ebenfalls von den positiven Effekten des Saunierens; Marianne Ressel ist fast nie krank und hat ein starkes Immunsystem. Irgendwann akzeptiert der Körper die Hitze, der Kreislauf kommt mit jedem Mal besser mit den Temperaturunterschieden zurecht.

Dass es bis dahin ein weiter Weg ist, bekomme ich an meinem Praktikumstag am eigenen Leib zu spüren. Schritt eins meines Selbstversuchs in der Sauna absolviere ich nämlich regungslos auf einer Saunabank sitzend. Besser so, denn jede noch so kleine Bewegung treibt mir den Schweiß noch mehr auf die Stirn. Es ergeht mir wie Mike Priebe vor sechs Wochen.

Nackt sind nur die Gäste

Marianne Ressel steht neben dem Saunaofen und lässt drei Liter Wasser auf die heißen Steine prasseln. Für mich fühlt es sich so an, als liefe dieselbe Menge Schweiß an meinen Armen hinab. Während drei Saunagäste auf ihrer nackten Haut schwitzen, ist unser Sauna-Team angezogen: Ich bin wie Marianne Ressel in ein schwarzes Top und Hose gekleidet, Mike Priebe trägt einen karierten Sauna-Kilt.

Nach gut zehn Minuten schleppe ich mich aus der Panoramasauna ins Freie und sauge die Luft tief in die Lungen. Der Stoff meiner Kleidung klebt nass auf der Haut. "Natürliches Abkühlen", so nennt Ressel den ersten Gang nach draußen. In den nächsten 50 Minuten werden sie und ihr Kollege von den Gästen auf die aktuellen Hygienemaßnahmen angesprochen. Sie erklären den Aufgussplan und begrüßen die Neuankömmlinge, während ich mir überlege, ob es sich überhaupt lohnt zu duschen.

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Bevor ich zu einer Entscheidung gelange, ist mein Moment gekommen. Pünktlich um 12.30 Uhr hängt Priebe ein "Bitte nicht stören"-Schild an die Tür, tritt mit mir in die Panoramasauna ein und schließt die Glastür hinter uns. In meinen Händen trage ich einen Plastikeimer, in dem drei aus Eis geformte Kugeln bereitliegen. Mit einer kleinen Spritze habe ich zuvor auf den Milliliter genau ein natürliches Zirbenholz-Aromaöl in die Mitte jeder Kugel injiziert.

Wie ein Ritual

Phase eins der Aufgusszeremonie zeigt mir Priebe. Er gießt zunächst Wasser auf die Steine und platziert anschließend die erste Eiskugel obendrauf. Langsam begießt er sie mit Wasser, klopft ein paarmal mit der Saunakelle auf das Eis, damit es schneller zerbröselt und schmilzt. Ein holziger Duft breitet sich in der Schwitzkabine aus.

Dann brauche ich einen Moment, um den Kloß in meinem Hals zu überwinden. "Ich heiße Lidia und mache das heute zum ersten Mal", stelle ich mich vor. Als ich die zweite Eiskugel auf dem 200 Grad heißen Ofen platziere, läuft an meinen Armen bereits der Schweiß in Strömen hinab. Doch letztlich schaffe ich es, das Zittern meiner Hände zu kontrollieren, während ich etwas unkoordiniert zwei Liter Wasser nach und nach über den Ofen verteile. Obwohl ich die Blicke aller auf mir spüre, rutscht mir die Kelle nicht aus.

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Vielleicht bin ich auch deshalb einigermaßen entspannt, weil ich meine Brille draußen gelassen habe. Ich sehe die zehn Saunagäste lediglich verschwommen – ein Umstand, der mir ein Stück Verlegenheit nimmt. Wenn ihnen meine etwas dilettantische Art aufzugießen missfällt, muss ich das immerhin nicht aus ihren Gesichtern lesen.

Als ich die letzte der drei Eiskugeln auf die Steine lege, glüht mein Gesicht bereits fürchterlich. Eine gefühlte Ewigkeit habe ich Kelle um Kelle über den Steinen vergossen. Als Priebe den letzten Schwall Wasser aus dem Holzeimer über dem Saunaofen auskippt, trete ich auf heißen Sohlen den Rückzug an. Denn glücklicherweise darf man als Saunameister den nass-heißen Raum stets als Erster verlassen.

LIDIA PIECHULEK lid E-Mail

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