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Jurahäuser: Beachtung für ein schwindendes Erbe

Die Unesco-Kommission hat die Bauform in die Bundesliste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen - 23.03.2021 06:04 Uhr

Vor zehn Jahren hat die Familie Hollberg die über 400 Jahre alte Brauereigaststätte „Zum güldenen Ritter“ in Schambach originalgetreu in Jurahaus-Bauweise restauriert. Bis zu sieben Schichten Kalkstein mit einem Gesamtgewicht von rund 120 Tonnen legten die Dachdecker dafür auf das Gebälk. Die von Hand gebrochenen Platten halten allein durch ihr Gewicht.

22.03.2021 © TK-Archiv, Patrick Shaw


Sie sind in den vergangenen 70 Jahren immer seltener geworden im Treuchtlinger Raum und dem gesamten südlichen Altmühlfranken: die Jurahäuser. Oft Jahrhunderte alt, aber wegen ihrer äußerst aufwendigen Legschieferdächer heute nur sehr teuer zu sanieren, fielen nach dem Zweiten Weltkrieg und fallen bis heute viele Zeugnisse dieser alten Baukunst der Abrissbirne zum Opfer.

Mit ihnen verschwinden Geschichte und regionale Identität. Der Eichstätter Jurahausverein stemmt sich ein ums andere Mal dagegen – mal vergeblich, mal aber auch mit Erfolg, wie etwa erst kürzlich beim Erhalt des einstigen, etwa 450 Jahre alten Büttelbronner Brauereigasthofs "Zur Krone".


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Für dieses Engagement gab es nun eine besondere Anerkennung und Bestätigung: Nach dem Eintrag in die bayerische Liste des Immateriellen Kulturerbes vor drei Jahren hat die deutsche Unesco-Kommission den "Erhalt der bauhandwerklichen Praxis der Jurahäuser im Altmühltal" nun auch in das Bundesregister aufgenommen.

"Das Expertenkomitee würdigt, dass der Jurahausverein durch verschiedene Aktivitäten das Bewusstsein und die Bereitschaft für die Weitergabe der traditionellen Handwerkstechniken zum Erhalt der Jurahäuser fördert", heißt es in der am vergangenen Freitag bei Vereinschefin Eva Martiny eingegangenen Antwort auf die Bewerbung.

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Altes Handwerk bewahren

Insbesondere verweist die Unesco-Kommission auf die "engagierten Vermittlungs- und Kooperationstätigkeiten des Vereins" mit Handwerksbetrieben, die "als zentrale Akteure die substanzielle Instandsetzung der Jurahäuser sichern". Dafür brauche es alte Handwerkstechniken wie das Dachdecken mit Kalkstein, aber auch das nötige Wissen und Material.

Jurahaus-Dächer aus Plattenkalk prägten bis vor einem halben Jahrhundert das Treuchtlinger Stadtbild, wie auf dieser rund 100 Jahre alten Aufnahme des damals noch bebauten Rathausplatzes (vorne rechts) gut zu sehen ist.

22.03.2021 © TK-Archiv


Die Aufnahme der Jurahäuser in die Bundesliste geht auch mit der Zusicherung der verbindlichen Bezeichnung als "Modellprogramm" sowie den Nutzungsrechten für das Logo "Immaterielles Kulturerbe – Wissen. Können. Weitergeben." einher. Zudem ist die altmühlfränkische Bauweise nun auch auf der Internetseite der Unesco-Kommission zu finden. Je nach aktueller Corona-Situation ist für Mitte bis Ende dieses Jahres auch noch eine öffentliche Auszeichnungsveranstaltung geplant.

Das Jurahaus ist die regionaltypische Gebäudeform im Altmühljura. Typisch sind seine Form als strenger Kubus mit wenigen und kleinen Fenstern sowie insbesondere die Dacheindeckung mit Kalksteinplatten. Diese sowie die Jurasteine für das Mauerwerk werden bis heute fast ausschließlich per Hand in den Steinbrüchen der Region gewonnen.


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An Ort und Stelle gehalten werden die Steinplatten allein durch ihr Gewicht von rund 250 Kilogramm pro Quadratmeter. Da die spezielle Technik des Dachdeckens mit Legschiefer nicht Teil der offiziellen Dachdeckerausbildung ist, geben die Handwerker ihr Wissen und Können oft nur innerhalb des Betriebs weiter.

Der Jurahausverein vermittelt diese an Hauseigentümer, berät bei der fachgerechten Renovierung und dokumentiert bestehende Jurahäuser sowie deren Sanierung. Auch Publikationen, Ausstellungen, Workshops, Führungen sowie einmal im Jahr den "Tag der offenen Jurahäuser" bietet der Verein an.

Bewusstsein und Geld fehlen

Insbesondere dort, wo es keine größeren Zuschüsse für den Erhalt der Kalksteindächer gibt, verschwinden diese aber rapide. Gerade die Stadt Treuchtlingen hat in den vergangenen Jahrzehnten viele ihrer alten Jurahäuser verloren. Neben Kriegsschäden und Vernachlässigung spielte und spielt dabei ein noch immer eher geringes Bewusstsein für die regionaltypische Bauform und ihre Geschichte eine große Rolle.


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Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mussten zahlreiche Jurahäuser in der Treuchtlinger Stadtmitte vermeintlich moderneren Bauformen weichen – die die Menschen heute, nur wenige Jahrzehnte später, oft bereits als unpassend und "seelenlos" wahrnehmen. Auch für den Tourismus als neues Standbein der Altmühlstadt nach dem Verblassen des einstigen Eisenbahner-Glanzes stellen sich diese Bausünden mittlerweile zunehmend als Last heraus.

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Etwas besser sieht es in den Dörfern aus. In Graben, Dietfurt oder Schambach etwa ist die Dichte der Jurahäuser noch deutlich höher. In den vergangenen Jahren machten dort zudem einige Beispiele gelungener Restaurierungen von sich reden – etwa die des "Güldenen Ritters" in Schambach, des "Weißlein-Anwesens" samt Korbhaus in Graben oder des Brauereigasthofs "Zur Krone" in Büttelbronn. Weitere Hochburgen des Jurahaus-Baustils sind beispielsweise Nennslingen, Burgsalach, Dettenheim, Raitenbuch, Bergen – und natürlich der Sitz des Jurahausvereins, Eichstätt.

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