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Kein "Massaker auf der Wiese": So soll Treuchtlingen blühen

Pilotprojekt: Blühflächen sollen einen insektenfreundlichen Gürtel rund um die Altmühlstadt legen - 29.03.2021 06:04 Uhr

Am Karlsgraben im Treuchtlinger Ortsteil Graben entstanden vergangene Woche die ersten Blühflächen, die künftig einen insektenfreundlichen Gürtel rund um die Altmühlstadt bilden sollen.

28.03.2021 © Umweltstation Treuchtlingen


Aktuell ist das Stück Land, über dem eine Handvoll städtischer Mitarbeiter, Familien der örtlichen Gartenbauvereine und Vertreter der Umweltstation des Treuchtlinger Naturpark-Informationszentrums ihr Saatgut ausstreuen, noch ein brauner, unebener Haufen Erde. Aber schon in wenigen Wochen werden hier die ersten Frühblüher des Jahres wachsen. Die städtischen Wiesen in der Nähe des Möhrener Spielplatzes und des Karlsgrabens in Graben werden somit künftig einen Beitrag zur Artenvielfalt leisten.

Kleine Gärtner, große Walze: Auch in Möhren machten sich Familien aus dem Gartenbauverein ans Anlegen der neuen Blühwiesen.

28.03.2021 © Umweltstation Treuchtlingen


Es ist ein Projekt, das Marlit Bauch schon länger am Herzen liegt. Der ganzheitliche Ansatz, den die Leiterin der Umweltstation verfolgt, hat fast schon etwas Visionäres. Darauf ist mittlerweile auch die Regierung von Mittelfranken aufmerksam geworden, welche die Idee nun als Pilotprojekt listet. Denn bislang gibt es nur wenige Kommunen, die eine Art Blühflächengürtel entlang des gesamten Gemeindegebiets planen.


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Viele Orte weisen einzelne Parzellen aus, (über)pflegen ihre übrigen Wiesen aber wie gehabt. Bauch möchte das ändern. Sie will die Grünflächenpflege in Treuchtlingen von Grund auf umstellen. In diese Mammutaufgabe eingebunden sind auch das Stadtbauamt, der Bauhof, die Untere Naturschutzbehörde, die Gartenbauvereine und die Ortssprecher.

Bio-Saatgut aus der Region

Den Anfang machen die Ortsteile Möhren und Graben, deren Vereine von sich aus auf die Umweltstation zugekommen sind. Die Beteiligten trafen sich vor einer Woche und säten das erste regionale Bio-Saatgut aus. Zuvor wurden die Wiesen eingehend überprüft, umgegraben und parzelliert, sodass die einzelnen Familien mit dem nötigen Corona-Abstand aktiv werden konnten. Viele kamen mit ihren Kindern, denen FÖJler Johann Becker den Hintergrund der Aktion spielerisch erklärte.

Am Karlsgraben entstanden vergangene Woche die ersten Blühflächen, die künftig einen insektenfreundlichen Gürtel rund um die Altmühlstadt bilden sollen.

28.03.2021 © Lidia Piechulek


"Die Begeisterung war wirklich groß", erzählt Marlit Bauch. "Vor allem die Kinder haben das Saatgut ganz konzentriert in ihre Parzellen ausgebracht und wirkten oft ganz versunken in ihre Arbeit." Gemeinsam mit ihren Eltern werden die kleinen Gärtner nun in den nächsten Wochen das Entstehen "ihrer" Wiesen verfolgen und "wahrscheinlich nie vergessen, wie sie diese gemeinsam angelegt und gepflegt haben".


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Wie Bauch erklärt, ist die zu intensive Grünflächenpflege ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es betrifft heimische Gärten, landwirtschaftliche Flächen und kommunale Parkanlagen gleichermaßen. Für die Pflanzen, die dort blühen, wären zwei Mahden im Jahr ideal. Tatsächlich werden die meisten Flächen aber mehr als zehnmal jährlich gemäht – und das oft auf "aggressive" Weise.

Todesfalle für Schnecken und Insekten

"Es ist wie ein Massaker auf der Wiese", schildert Bauch eindringlich. Während jeder Mahd sterben zahllose Lebewesen wie Schnecken, Ameisen, Käfer und andere Insekten. Letztere sind für den Transport von Blütenstaub von Pflanze zu Pflanze extrem wichtig. "Von zehn verschiedenen Pflanzen auf einer Blumenwiese müssen acht bestäubt werden", unterstreicht Bauch ihre Bedeutung.


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Die Zahl der Insekten, die ohnehin zwischen den nur sporadisch intakten Blühflächen weite Strecken zurücklegen müssen, sinkt so rapide. Diesen Trend möchte die Umweltstation stoppen. Treuchtlingen habe dafür beste Voraussetzungen, wie deren Leiterin erklärt. Denn in der Altmühlstadt gibt es viele städtische Wiesen, die miteinander zusammenhängen. Blüht es auf diesen künftig wieder mehr, so könnten sie ein funktionierendes Ökosystem bilden.

An jeder Blühfläche steht künftig ein Pult, das das Projekt erklärt. Ganz vertieft in ihren Beitrag halfen die Kinder der Gartenbau-Familien beim Aufstellen und Säen.

28.03.2021 © Umweltzentrum Treuchtlingen


Schon jetzt berät die Umweltstation gemeinsam mit dem Bauamt über die Umstellung auf insektenschonendere Geräte bei den demnächst anstehenden Mäharbeiten. Mitte April ist ein Treffen mit den Sprechern der übrigen Ortsteile geplant. Auch sie sollen Flächen benennen, auf denen die Grünpflege optimiert oder Parzellen in Blühflächen umgewidmet werden können. Gesät werden könnte das Bio-Saatgut mit rund 50 verschiedenen Arten dann im Herbst.

Systematisch dokumentiert

Anschließend sind Landwirte und Gartenbauunternehmen eingeladen, über technische Verbesserungen bei der Pflege zu beraten. In den kommenden Monaten sollen dann sämtliche Grünflächen in ihrer neuen Form in das städtische Pflegekataster übernommen werden. Dort kann der Bauhof künftig exakt abrufen, welches Saatgut wo ausgesät und wo und auf welche Weise zuletzt gemäht wurde. Vor den Blühwiesen sollen Holzpulte aufgestellt werden, die darüber aufklären, was dort passiert.


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Es sei sehr wichtig, dass die Bevölkerung nachvollziehen kann, warum das Gras künftig länger stehen bleibt, erklärt Marlit Bauch. "Wir werden keinen perfekten Rasen haben, sondern Wiesen, auf denen vom frühen Frühjahr bis in den Spätherbst für die Insekten etwas da ist, von dem sie Blütenstaub aufsammeln können." Die Insekten und die Natur zu schützen – eben dahin soll sich der Sinn und Zweck der städtischen Wiesen verlagern.

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