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Mittwoch, 03.03.2021

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Kein Museum mehr: Am Karlsgraben endet eine Ära

Nach 26 Jahren schließt die Ausstellung für immer - Es folgt das Heritage Interpretation Center - 08.02.2021 06:04 Uhr

Ein Vierteljahrhundert lang erzählte die Familie Hüttinger in ihrem Jurastadl die Geschichte des wohl ältesten menschlichen Versuchs, Altmühl und Rezat, Rhein und Donau und damit letztlich Nordsee und Schwarzes Meer mit einem Wasserweg zu verbinden.

07.02.2021 © TK-Archiv, Patrick Shaw


Sie war heimelig, informativ und mit viel Liebe geführt – aber inzwischen auch ein wenig aus der Zeit gefallen: 1993 konzipierte Hans Trögl, der damalige Leiter des Nürnberger Talsperren-Neubauamts, anlässlich des 1200-jährigen Bestehens der "Fossa Carolina" die Karlsgraben-Ausstellung. Nur einige Dutzend Meter von dem historischen Kanalfragment entfernt stellten die Eheleute Susanne und Rainer Hüttinger ihren Jurastadl zur Verfügung und betreuten die Ausstellung ab 1994 weiter.

Für 26 Jahre Herzblut bedankte sich Bürgermeisterin Kristina Becker (links) bei Susanne und Rainer Hüttinger.

07.02.2021 © Marina Stoll, Stadt Treuchtlingen


Susanne Hüttinger ergänzte die Sammlung im Laufe der Zeit um weitere, eigene Exponate. So konnten sich die Besucher Grabens - ob gezielt wegen des Denkmals oder als zufällige Passanten - in den Sommermonaten stets eingehend über den Bau und die mögliche Nutzung des Karlsgrabens informieren und hatten mit den Hüttingers kundige Ansprechpartner vor Ort. Diese opferten über Jahrzehnte hinweg viele ihrer Wochenenden, um für die Ausstellung da zu sein.


Heritage Center: Karlsgraben soll wieder glänzen


Als Ende 2020 der Pachtvertrag mit der Stadt Treuchtlingen auslief, waren sich Kommune und Familie jedoch rasch einig, dass der Vertrag nicht verlängert und die Ausstellung aufgelöst werden sollten. Denn seit dem vergangenen Herbst ist klar, dass es spätestens in einigen Jahren eine ganz neue, moderne Präsentation der "Fossa" geben wird: Das Heritage Interpretation Center.

Weg in die Zukunft: Noch mehr „Geologie erleben“ sollen in einigen Jahren die Besucher des „Heritage Interpretation Center KarlsgrabenWelt“.

07.02.2021 © TK-Archiv, Patrick Shaw


Anfang Februar waren nun letztmals Bürgermeisterin Kristina Becker und Museumsleiterin Marlit Bauch zu Besuch bei den Hüttingers und bedankten sich für deren langjähriges, unermüdliches Engagement. Als Abschiedsgruß brachten sie einen Obstbaum mit, der die Familie an ihre Zeit als "Aussteller" erinnern soll.

Das Denkmal aufwerten

Nun wollen die Nachbarstädte Treuchtlingen und Weißenburg den bislang eher ein Dornröschen-Dasein fristenden Karlsgraben touristisch aufwerten. Das rund 19 Hektar große Gelände zwischen Schwäbischer Rezat und Altmühl, durch welches das rund anderthalb Kilometer lange Kanalfragment aus der Karolingerzeit verläuft, haben sie im Herbst 2018 gemeinsam mit Bund und Freistaat gekauft. Dort soll demnächst die "KarlsgrabenWelt" mit verschiedenen, frei zugänglichen Modulen in der Landschaft entstehen.

Bilderstrecke zum Thema

100 Jahre Karlsgrabenforschung auf den Kopf gestellt

Es ist eine kleine wissenschaftliche Sensation: Die Arbeiten am Karlsgraben, dem weltbekannten Kanalprojekt Karls des Großen zur Verbindung von Rhein und Donau, haben gut ein halbes Jahr früher begonnen als bisher gedacht. Dies wirft ein völlig neues Licht auf den historischen Kontext dieser über 1200 Jahre alten, unvollendeten Großbaustelle des frühen Mittelalters.


Installationen und Mitmachstationen sollen deren Besucher auf eine Reise in die Zeit Karls des Großen schicken und erklären, wie und warum der Karlsgraben gebaut wurde. In Auftrag gegeben von einem der strahlendsten Herrscher der deutschen Geschichte, besuchte Karl der Große das Infrastrukturprojekt der Superlative damals sogar persönlich. Sein Ziel war es, eine schiffbare Verbindung zwischen Rezat und Altmühl und damit auch zwischen Rhein und Donau, Nordsee und Schwarzem Meer zu schaffen.

2014 war die Ausstellung „Großbaustelle 793“ erstmals zu Gast in Treuchtlingen.

07.02.2021 © TK-Archiv, Patrick Shaw


Tausende von Arbeitern bewegten zu diesem Zweck rund eineinhalb Jahre lang von Hand mehr als eine Viertelmillion Kubikmeter Erdreich. Groß angelegten archäologischen Untersuchungen der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) und mehrerer Universitäten zufolge, die zwischen 2011 und 2017 liefen, scheiterten die Karolinger jedoch: Der Karlsgraben blieb unfertig – etwa 700 Meter vor der Altmühl enden alle bis dato gefundenen Spuren.

Sonderschau für Übergangszeit

Bis all dies mit dem neuen Heritage Interpretation Center wieder vor Ort erfahrbar wird, sollen die Exponate der Karlsgraben-Ausstellung im Treuchtlinger Museum zu besichtigen sein. Dort entsteht gerade eine Neufassung der vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) in Mainz konzipierten Sonderausstellung "Baustelle 793", die schon 2014 im Volkskundemuseum zu Gast war. Auf 350 Quadratmetern führt sie die Exponate des RGZM und der Karlsgraben-Ausstellung zusammen und ergänzt sie um Beiträge zu den neusten Forschungsergebnissen der DFG.


Forscher: "Römer-Modell" für den Karlsgraben widerlegt


Eröffnet werden soll die neue Ausstellung "Baustelle 793" im Frühjahr – abhängig von der Corona-Situation. Mehr dazu in Kürze in unserer Zeitung sowie im Internet unter museum-treuchtlingen.de.

Bilderstrecke zum Thema

Eröffnung der Sonderausstellung "Großbaustelle 793"

Das Kanalprojekt Karls des Großen zwischen Rhein und Donau.


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