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Keine Idylle: Frankens Dörfer anno 1955

Vor 65 Jahren waren Orte wie Graben noch weit entfernt vom heutigen Bild. Ein Blick zurück - 01.02.2021 06:04 Uhr

Holprige Straßen, löchrige Zäune und Abfallhaufen zwischen den Häusern: Noch Mitte des 20. Jahrhunderts sah es in vielen Dörfern gar nicht so idyllisch aus wie in den nostalgischen Vorstellungen unserer Tage. Unser Foto zeigt die Nagelbergstraße, aufgenommen vom Standort des heutigen Dorfgemeinschaftshauses - links das einstige Anwesen Marschner, hinten rechts das Haus der Familie Eisen (Hausname "Peter") und ganz rechts die ehemalige Scheune der Familie Rottler. Daran konnten sich sowohl Erich Döbler, als auch der einstige Ortspfarrer Ernst Glossner erinnern, die sich auf unseren Bericht hin bei uns gemeldet haben.

31.01.2021 © privat


Altmühlfrankens Dörfer sind längst nicht mehr nur Wohn- und Arbeitsort der Landbevölkerung, sondern auch schmucke Heimat für Pendler und Stadtflüchtige, Ausflugsziel und Vorzeigeobjekt für Touristen. Dorferneuerungen und Förderprogramme haben schmutzige Straßen auf Vordermann, alte Bausünden rückgängig und die Geschichte sichtbar gemacht. Für das kleine Graben gab es 2014 sogar "Gold" beim Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft, unser Dorf soll schöner werden". Doch so hübsch – mit weißen Fassaden, bunten Fensterläden, Gemeinschaftshaus und klarem Wasserlauf – war es hier nicht immer.

Gudrun Moritz (mit karierter Jacke) zusammen mit ihrer Schwester, ihrem Großvater (rechts) und ihrem Vater, dem Dorflehrer, der ihren kleinen Bruder auf dem Arm trägt, Mitte der 1950er Jahre auf dem zugefrorenen Karlsgraben.

31.01.2021 © privat


An das Graben vor 65 Jahren erinnert sich Gudrun Moritz. Die heute 76-Jährige hieß damals noch Gudrun Köhler und lebte von 1954 bis 1962 in dem einst eigenständigen, 1971 eingemeindeten Treuchtlinger Ortsteil. Durch die Berichte unserer Zeitung über die Erforschung des Karlsgrabens ("Fossa Carolina") fühlte sie sich an diese Zeit erinnert – und schickte uns nicht nur ihre Gedanken dazu sowie etliche Fotos aus dieser Zeit, sondern auch einen Aufsatz, den sie als Elfjährige über ihr damaliges Heimatdorf verfasst hat.

"Schon damals war die Fossa sehr bekannt", schildert Gudrun Moritz heute. "Ich erinnere mich an so manche Gruppe von Universitäten, die zur Besichtigung unser Dorf besuchte. Am letzten Haus im Dorf – damals das Haus der Familie Pfahler (Hausname Mattler) – war eine Gedenktafel angebracht. Für uns war der Karlsgraben ein beliebter Eislaufplatz." Moritz’ Vater war Lehrer in der einstigen Dorfschule, dem heutigen Gasthaus "Zum Karlsgraben". Acht Jahrgänge unterrichtete er – alle in einem Klassenzimmer. In seinem Erbe fand die Tochter den Aufsatz, den sie 1955 geschrieben hatte – heute ein echtes Zeitdokument, das einen Eindruck davon vermittelt, wie es in Graben früher aussah.

"Von der Ferne sehr nett"

Dieses alte Foto zeigt den in den 1950er Jahren noch kaum zugewachsenen und nur wenig Wasser führenden nördlichen Teil des Karlsgrabens. „Dieses Gebiet was botanisch recht interessant, und es hatten sich in dem kleinen Bach allerhand Tiere wie Molche und Kröten angesiedelt“, erinnert sich Gudrun Moritz an diese Zeit.

31.01.2021 © privat


Gudrun Moritz beschreibt in der Schularbeit mit der Überschrift "Ich gehe durch das Dorf" in fein säuberlicher, nahezu fehlerfreier Schreibschrift ihren Weg durch den Ort – beginnend an der südlichen Bahnunterführung in der (damals nur geschotterten) Alten Treuchtlinger Straße:

"Ich gehe auf dem Weg von Treuchtlingen nach Graben. Ich komme durch den Durchlass, über den die Eisenbahn führt. Eben rattert eine Lokomotive mit ihren Anhängern auf den Gleisen. Nun endlich sehe ich das Dorf, meine jetzige Heimat. Von der Ferne sieht es sehr nett aus, die flachen Dächer, wie sie eben im Jura zu finden sind, und der alte Kirchturm, der in der Sonne schillert.

Endlich bin ich am Anfang des Dorfes. Von der Straße aus sehe ich über einen eingefallenen, vermoderten Zaun in einen Garten, darinnen stehen ungepflegte Obstbäume. Auf der linken Seite der kaputten Straße ist eine Art von Garten, darinnen liegen modrige Kränze.

Nun komme ich an einer alten Eiche vorüber. Ich lasse meine Blicke schweifen und sehe neben einem wackeligen Gartenzaun einen Haufen von rostigen Dosen, faulige Zitronen und derlei Dinge noch mehr. Ich erblicke einen Graben, der mit Schlamm und Dreck angefüllt ist. Dann gehe ich an dem alten, verschlammten Graben entlang und marschiere über eine kleine, schmale Brücke. Nun sehe ich eine kleine Öffnung zwischen zwei Häusern. Darinnen liegen Büchsen, Flaschen und noch viele andere Dinge.

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Das Dorf in früherer Zeit: Historisches Graben

Karlsgraben und Karneval, alte Häuser und holprige Straßen, Dorfschule, Landwirtschaft und ein großer Brand: Vor einem halben oder gar einem Jahrhundert sah es im heutigen Treuchtlinger Ortsteil Graben noch ganz anders aus als heute.


Ich gehe an einem Bauernhof vorbei, bei dem die Jauche beim Stall herausläuft. Ich überquere nochmals den Graben und sehe einen Hof, der ganz manierlich aussieht. Der Zaun ist in Ordnung, in den Garten ragt ein zementierter Keller, der Hof ist sauber, und die Mistgrube ist ausgemauert.

Nun komme ich an dem Feuerwehrhäuschen vorüber und sehe von weitem die berühmte Fossa Carolina. Aber wie ich hinkomme, sehe ich zu meinem Entsetzen und Schrecken, was da in dem Wasser alles schwimmt. Ich bemerke auch, dass viel Schlamm in dem Wasser sein muss, denn die Enten erreichen den Grund, wenn sie ihre Köpfe hineintauchen. Nun wende ich meinen Blick wieder der Dorfstraße zu und gehe bedenklich den holperigen Weg hinab."

"So sah es eben meist aus"

"Ich hoffe nur, dass sich die Bürger von Graben nicht zu sehr negativ geschildert sehen", schreibt Gudrun Moritz in der letzten ihrer E-Mails an unsere Redaktion. "Aber vor der Aktion ,Unser Dorf soll schöner werdenʻ sah es in den fränkischen Dörfern meist so aus. Es hat sich da in der Zwischenzeit viel geändert."


"Golddorf" Graben: Bis ins Detail herausgeputzt


Ihren Aufsatz schließt die damals Elfjährige übrigens mit einem persönlichen Appell: "Ich denke, wenn alle ein bisschen aufräumen und die eingefallenen Zäune richten und die anderen Dinge in Ordnung bringen würden, so müsste doch das Dorf bald schöner ausschauen." Und das ist heute, 65 Jahre später, tatsächlich so.

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