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Ludwig Fels letzter Band: Am Ende war er doch ein "Dreichdlinger"

Sein letztes Werk erzählt vieles über sein Verhältnis zu Treuchtlingen - 22.02.2021 13:01 Uhr

Hatte einen klaren und ungeschönten, aber auch humorvollen Blick auf die Menschen und seine Heimat: Ludwig Fels.

19.02.2021 © Foto: Buchhandlung Meyer


Vor wenigen Wochen hat Treuchtlingen einen seiner größten Söhne verloren: Ludwig Fels, weit über die Altmühlstadt, Franken und Deutschland hinaus bekannt unter dem von ihm selbst wenig geliebten Prädikat des "Arbeiterschriftstellers", starb am 11. Januar im Alter von 74 Jahren in seiner Wahlheimat Wien. Anlass für unsere Zeitung, nach dem Leben und dem vor einem Jahr erschienenen Roman "Mondbeben" auch auf den letzten Gedicht- und zugleich ersten Mundart-Band des vielfachen Literaturpreisträgers mit direktem Bezug zu seiner einstigen Heimatstadt zurückzublicken. Im Dezember, nur wenige Wochen vor Fels’ Tod, ist er erschienen.

Von "Boesie" bis "Uhrgnall"

Seinen letzten Lyrikband hat Ludwig Fels in Treuchtlinger Mundart verfasst.

19.02.2021 © Foto: Ars Vivendi Verlag


Auf dem Buchcover leuchtet als letzter Buchstabe des Titels "Dou di ned o" ein höchst symbolisches Stoppschild: als würde Ludwig Fels bei seiner literarischen Reise innehalten und wieder die Wurzeln seiner sprachlichen Sozialisation besichtigen. In Treuchtlingen wurde er 1946 geboren, zog 1970 nach Nürnberg, wo er erste dichterische "Anläufe" (so der Titel seines Debüt-Gedichtbands aus dem Jahre 1974) nahm, um dann mit dem Roman "Ein Unding der Liebe" (1981) als Kulturpreisträger der Stadt Nürnberg den literarischen Durchbruch zu schaffen und eines seiner Lebensthemen zu finden. 1983 verlegte er seinen Wohnsitz nach Wien, gab aber den Kontakt nach Franken nie ganz auf.

Das Ergebnis seiner Rückbesinnungen – Fels nannte es ein "Lauschen in die Vergangenheit" – ist eine Zusammenstellung von 85 kurzen Gedichten in fränkischer (genauer: südwestmittelfränkischer) Mundart, eingeteilt in acht Kapitel von B wie "Boesie" bis U wie "Uhrgnall". Darin erinnert sich Ludwig Fels an seinen Geburtsort "Dreichdling, Kaff der goudn Hoffnung" (siehe nebenstehendes Gedicht), an die hart arbeitende Mutter, an Schauplätze rings um die Altmühl und an Freunde des Jahrgangs 1946.


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Es folgt: "Nach Nämberch bin i ganga wechn die Fabrign". So wird Fels zum engagierten Arbeiterdichter, ein Etikett, das er bis zuletzt ungern hörte. In Nürnberg lernt er auch Fitzgerald Kusz kennen, den "Elder Statesman" der modernen fränkischen Lyrik, dem er in seinem Abschiedswerk eine Ode widmet: "Ach ich liebe seine Schbrache / dieses frängische Genache."

Nicht klischeehaft, sondern typisch fränkisch

Trotz aller Lakonik und Nüchternheit ist der Gedichtband eine Liebeserklärung an die alte Heimat, erfreulicherweise ohne tumbe Volkstümelei und klischeehafte Nostalgie, durchsetzt mit einer typisch fränkischen Blues-Stimmung: "Brauch blouß a Balladn hörn / und scho grein i Rodz und Wasser."

Oder an anderer Stelle: "Am liebschden moch i aber doch des Frangenword / weil i bin scho viel dslang vo Frangn fodd." Da stellt sich freilich schon die Frage, warum Fels fast 40 Jahre lang in Wien lebte, wo er doch so abwägend schreibt: "In Wien gibds ka Bradwurschdsulz / kann Bressack und kann Frangenwein / blouß Schnidsel / und dai san zum Schbein."


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Bei Ludwig Fels ist Mundart-Lyrik keine Alterstorheit sondern ein ideales Medium für nur auf den ersten Blick banal erscheinende Lebensweisheiten: "Des Leem, des is a Falle / mit einem Dod fier alle." Letzterer kam nun recht früh für den mal wortgewaltigen, mal scharf- und feinsinnigen Beobachter und ambivalenten Kritiker des Hier und Jetzt. Es ist schade, nicht mehr zu erfahren, was sein Schlusssatz als mögliche Fortsetzung andeutet: "Wos i no sogn wolld / fälld mer nemmer ei." Auf seinen Grabstein könnte sich Ludwig Fels in treffender Dialekt-ik aus eigener Feder schreiben lassen: "War hald dou / ko mer sagn / odä a ned."

Kaff der goudn Hoffnung

Dreichdling, Kaff
der goudn Hoffnung,
sei gegrießd
Schdadd der Schdabrich und der<QA0>
Eisenbahner
a Handfull Haisli und a Handfull Leid
ka Ärbärd findschd und kan Schads
des Meer siechschd ned
und der Himmel so langweilich
dass die Vechel doud runderfalln.
Ziech fahrn Dooch und Nochd
durchd Schdadd
und a Briefla brauchd fimbf Minudn
von Nachber zu Nachber
wenn er ned grad
unbekannd verzochn ist.

Ludwig Fels: Dou di ned o. Gedichte. ars vivendi, 2020, 112 Seiten, 15 Euro.

WOLFGANG REITZAMMER, PATRICK SHAW

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