-1°

Montag, 30.11.2020

|

"Menschenverachtung nicht dulden": So erinnert Treuchtlingen trotz Corona

Statt der Gedenkfeier am Nagelberg gibt es die Worte zum Volkstrauertag heuer per Videobotschaft - 14.11.2020 06:04 Uhr

Hat die Menschheit nichts gelernt? Fast ein Jahrhundert liegt zwischen dem Tod des unbekannten Kindes, an das dieser Gedenkstein am Nagelberg erinnert, und dem Krieg in Syrien, woher Mohammed und seine Familie kommen. Zum Volkstrauertag schmückten die Treuchtlinger Grundschüler die Gräber der Kriegsopfer.

13.11.2020 © Patrick Shaw


Es ist wie ein Déjà-vu, fast hundert Jahre später: Da kniet der kleine Mohammed aus Syrien am Grab eines unbekannten Kindes auf der Kriegsgräberstätte am Treuchtlinger Nagelberg. Vielleicht war es genauso alt wie der Viertklässler, als es viel zu früh sterben musste, vielleicht hat es ähnlich Schreckliches in einem der beiden Weltkriege erlebt, wie heute die Kinder im Nahen Osten erleben müssen.

Die Erinnerung darf nicht verblassen, die Corona-Pandemie verlangt aber neue Wege: Bürgermeisterin Kristina Becker bei der Aufzeichnung ihrer Rede fürs Internet.

13.11.2020 © Patrick Shaw


Eigentlich ist die diesjährige Gedenkfeier zum Volkstrauertag ohnehin schon etwas Besonderes. Wegen der Corona-Pandemie gibt es keinen großen Aufzug von Organisationen und Vereinen mit Fahnen und Musik, sondern lediglich eine Videobotschaft. Zur Aufzeichnung und Kranzniederlegung treffen sich Bürgermeisterin Kristina Becker sowie die beiden Ortspfarrer Bastian Müller und Matthias Fischer bereits am gestrigen Freitag in kleiner Runde am Nagelberg. Doch das Bild der Stunde liefern Mohammed und seine Klassenkameraden, die unterdessen die Kriegsgräber schmücken.


Vor 75 Jahren: Treuchtlingen versinkt im Bombenhagel


"Dieses Jahr ist alles anders", leitet Becker ihre Rede ein, die ab Sonntag auch auf der Internetseite der Stadt abrufbar ist. Vielfach heiße es, die Pandemie sei "eine der größten Herausforderungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs". Diesen Vergleich lehne sie ab. Denn der mit der Seuche verbundene globale Austausch, das verbindende Element und die digitale Vernetzung der Welt seien auch Chancen und zeigten: "Wir alle sitzen im selben Boot." Mit den Weltkriegen sei Corona ganz und gar nicht vergleichbar, nicht mit deren Dimension, nicht mit den Toten und nicht mit dem millionenfachen Leid.

Erinnern ist eine Verantwortung aller

Alles anders wegen Corona: Still und in kleiner Runde legten Bürgermeisterin Kristina Becker und die beiden Ortsgeistlichen Bastian Müller (links) und Matthias Fischer (rechts) dieses Jahr zum Volkstrauertag die Kränze am Mahnmal auf der Kriegsgräberstätte am Treuchtlinger Nagelberg nieder.

13.11.2020 © Patrick Shaw


Das nicht zu vergessen, sei Aufgabe aller kommenden Generationen und besonders für Deutschland angesichts der eigenen Geschichte eine große Verantwortung, so Becker. Beim Volkstrauertag gehe es "um die Sehnsucht nach Frieden, Freiheit, Menschenrechten und Versöhnung". Denn Kriege seien kein Relikt aus der Vergangenheit, fern für ein seit über 70 Jahren in Frieden lebendes Europa. Ob in Syrien oder Berg-Karabach, wie gerade erst in unserer Zeitung zu lesen war: Gewalttätige Konflikte seien auch heute ganz real.

"Es scheint, als würde die Mahnung, aus der Vergangenheit zu lernen, im Nichts verhallen, [wenn] immer noch Krieg als Mittel für Konfliktlösungen betrachtet und eingesetzt wird", bedauert die Rathauschefin. Daran gemahnen die Namen der Toten auf den Gedenksteinen am Nagelberg, auf deren eindringliche Botschaft auch die beiden Pfarrer in ihren Redebeiträgen eingehen.


Bomben auf Treuchtlingen: Zeitzeugen erinnern sich


Um allerdings "die Schwelle zum Frieden dauerhaft zu überschreiten", muss laut Kristina Becker "der Wohlstand der reichen Länder auch dafür eingesetzt werden, die Lebensverhältnisse in den ärmsten Ländern zu verbessern". Dazu gehöre neben der Stärkung der Infrastruktur insbesondere Bildung für Frauen und Kinder. Die globale Vernetzung könne das nötige Vertrauen schaffen und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.

Bilderstrecke zum Thema

23. Februar 1945: Als in Treuchtlingen die Bomben fallen

Am 23. Februar 1945 verlieren beim Luftangriff der Amerikaner auf Treuchtlingen 586 Menschen ihr Leben.


Ohne Achtung und Toleranz, gerade gegenüber Fremden, sei jedoch kein friedliches Miteinander denkbar, schließt die Bürgermeisterin ihren Appell: "Wir sollten menschenverachtendes Verhalten gegenüber Andersartigen oder Andersdenkenden nicht dulden!"

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Treuchtlingen, Treuchtlingen, Treuchtlingen