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Donnerstag, 06.08.2020

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Nach Trampolin-Unfall: Nathanael startet in ein neues Leben

Inzwischen ist der querschnittsgelähmte junge Treuchtlinger wieder zu Hause - 04.07.2020 06:05 Uhr

Nach neun Monaten Krankenhaus und Reha ist Nathanael Flisar zurück in seiner Familie und zusammen mit Freundin Ronja auch in Treuchtlingen unterwegs – hier auf dem Hof der Senefelder-Schule.

© privat


Was bedeutet es eigentlich, mutig zu sein? Einen Fallschirmsprung zu wagen vielleicht, oder dem lang umgarnten Schwarm die Liebe zu gestehen. Möglicherweise auch einen Vortrag in einem voll besetzten Saal zu halten oder den Chef mit dem Wunsch nach einer Gehaltserhöhung zu konfrontieren. Und es stimmt ja auch, all diese Dinge erfordern Mut – für den einen mehr, den anderen weniger. Noch viel mehr Mut muss man aber aufbringen, um nicht zu resignieren, sich nicht aufzugeben, nachdem das Schicksal einen mit dem brutalstmöglichen Schlag niedergestreckt hat.

Kaum jemand weiß das so gut wie Nathanael Flisar aus Treuchtlingen. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass der heute 17-Jährige statt mit den Füßen mit dem Kopf auf der Sprungmatte seines Trampolins aufkam. Diagnose: Querschnittslähmung. Seitdem ist viel passiert. Ein halbes Jahr verbrachte Nathanael in der Unfallklinik in Murnau, anschließend folgten dreieinhalb Monate Reha in Kipfenberg. Seit 1. April ist er nun wieder zu Hause – das aber ein anderes ist als vor dem schicksalhaften Ereignis im Sommer 2019.

"Neun Monate Krankenhaus sind genug"

"Ich habe schon in der Unfallnacht angefangen, nach Häusern zu suchen", sagt seine Mutter Antonia rückblickend. Als Physiotherapeutin, die die Bedürfnisse behinderter Menschen gut kennt, war ihr klar, dass der Platz in den alten vier Wänden künftig nicht mehr reichen würde. Schließlich braucht Nathanael ein großes Bett, einen speziellen Rollstuhl und einen Pfleger, der bei der Familie wohnt. Anfang Juli 2020 ist nichts mehr wie zuvor. Doch Nathanael freut sich, wieder im Kreis seiner Familie zu wohnen: "Neun Monate Krankenhaus sind genug. Ich habe mich schnell ans neue Haus gewöhnt und es gefällt mir hier gut."

Fünf Pflegekräfte waren anfangs gleichzeitig da, um das Zimmer ihres Sohns einzurichten, erzählt seine Mutter. Sie erklärten ihr auch, wie die Beatmungsmaschine zu bedienen ist, die für den Notfall bereitsteht. Gebraucht wurde sie zum Glück noch nie. "Insgesamt ist es sogar etwas einfacher als gedacht", blickt Antonia Flisar auf die ersten zwölf Wochen nach Nathanaels Rückkehr zurück. Natürlich, Arme und Beine kann er weiterhin nicht bewegen, ob sich das jemals ändern wird, weiß niemand. "Da gibt kein Arzt eine Prognose ab."


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Trotzdem gibt es auch Positives zu berichten. Die Luftröhrenkanüle, die Nathanael momentan noch im Hals trägt, könnte in ein paar Monaten vielleicht entfernt werden. "Ich habe die für die Beatmung gebraucht. Ich hoffe allerdings, dass sie beim nächsten Krankenhausaufenthalt rauskommt und das Loch in meinem Hals geschlossen wird", sagt er. Ein Fremdkörper weniger wäre das, ein Stück mehr Normalität. Die Kanüle nervt ihn. Sie stört beim Sprechen, verursacht Schmerzen und ist ein Infektionsrisiko.

Nathanael kurz nach seinem Unfall in der Klinik in Murnau am Staffelsee. 

© privat


Nathanael beschreibt, wie der Unfall ihn verändert hat. Dass er schneller müde wird als früher, zum Beispiel. Nach 90 Minuten Englisch büffeln ist erst einmal schlafen angesagt. Trotzdem fährt der einst so sportliche Junge ab und zu schon wieder mit dem Rollstuhl durch Treuchtlingen. Bei einem der ersten Ausflüge stoppte plötzlich ein Polizeiauto neben Nathanael. Die Beamten hatten ihn erkannt und ließen es sich nicht nehmen, den Rückkehrer persönlich in der Stadt zu begrüßen.

So viel Normalität wie möglich

Begleitet wird er oft von Freundin Ronja, die seit vergangenem November fest an seiner Seite ist. "Sie war aber schon zehn Tage nach dem Unfall das erste Mal mit in der Klinik in Murnau", berichtet die Mutter. "Die beiden sind inzwischen ein eingespieltes Team, sie reden sehr viel miteinander." Auch über die Widrigkeiten und die Hilflosigkeit, die die Querschnittslähmung mit sich bringt. Selbst während des Corona-Lockdowns hat Ronja ihren Nathanael regelmäßig besucht. Sie lässt ihn nicht allein.

Mutter Antonia berichtet, dass sie etwas ängstlicher geworden sei seit dem Unfall. Dass sie heute sehr viel besser wisse, was wahre Probleme sind und was eher Luxussorgen. Und, dass sie ihren Sohn jeden Tag dafür bewundere, wie souverän er mit seinem Schicksal umgeht. Obwohl sie erfahren musste, wie fundamental sich das Leben binnen Sekunden verändern kann, versucht sie gemeinsam mit ihrem Mann, Nathanael und den anderen fünf Kindern so viel Freiraum wie möglich zu geben. "Einem gesunden 17-Jährigen würde man schließlich auch nicht hinterherrennen. Wir sind da pragmatisch und versuchen, eine gewisse Normalität zu leben." Selbst das Trampolin, auf dem ihr ältester Sohn verunglückt ist, stand schon kurz nach dem Unfall wieder im Garten.


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Die neue Situation anzunehmen, nicht zu verzagen, das scheint der Familie zu gelingen. Vielleicht, weil man sich zu acht ganz gut gegenseitig Halt, Struktur und Sinn geben kann. Auch in frustrierenden Momenten, etwa, wenn sie bei der Krankenkasse wieder einmal ein neues Hilfsmittel beantragen müssen und sich nicht sicher sind, ob die Kosten erstattet werden – zum Beispiel für eine Notfallglocke, mit der sich Nathanael bemerkbar machen könnte, sollte es ihm nicht gut gehen. Zwar könnte er auch rufen – allerdings nur, solange die Verschlusskappe fest auf der Luftröhrenkanüle sitzt. Im Schlaf kann die aber schon mal abfallen, dann wird es schwer mit der Kommunikation.

Im neuen Haus der Familie hat Nathanael ein großzügiges Zimmer.

© privat


Mit seinen Freunden ist Nathanael derweil meist über die Sozialen Medien in Kontakt. Mit einer speziellen Brille kann er sein Tablet steuern und so Nachrichten per WhatsApp verschicken. "Es gab ein paar Freunde, die haben ihn schon in Murnau ganz treu besucht", berichtet die Mutter. Die meisten halten auch weiterhin zu ihm. In dieselbe Klasse werden sie aber nicht mehr gehen. "Es geht jetzt mit dem Heimunterricht los. Lehrer der Senefelder-Schule kommen dafür zu uns nach Hause", so Antonia Flisar. Kurzfristig ist das die einzig praktikable Lösung, denn das Schulhaus ist nicht barrierefrei. Nächste Woche wird es ein Gespräch zwischen den Eltern und Verantwortlichen der Schule geben.

Es soll darum gehen, wie Nathanael vielleicht doch am Präsenzunterricht teilnehmen kann. Ab September steht die zehnte Klasse der Realschule an. Die Mutter hofft, dass Nathanael den Schulabschluss schafft. Lange war nicht klar, ob er wirklich jedes Nebenfach besuchen muss, um die mittlere Reife abzulegen, oder ob es in seiner besonderen Situation vielleicht reicht, sich auf die Hauptfächer zu konzentrieren. Inzwischen ist klar: Es reicht nicht. Alle Fächer zählen, auch für Nathanael. Für individuelle Lösungen ist im Schulrecht wenig Platz.


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Immerhin hat er schon Ideen, in welche Richtung es für ihn beruflich gehen könnte: "Ich interessiere mich für alles mögliche, besonders Philosophie und Psychologie faszinieren mich unglaublich." Nathanaels Körper mag gelähmt sein, doch sein Geist ist umso aktiver. Vor allem aber möchte er ein bisschen Geld verdienen in einem Job, der ihm Spaß macht. "Und ich will Menschen in ähnlichen Situationen helfen." Damit auch andere diesen Mut finden, den er schon hat.

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