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Donnerstag, 25.04.2019

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Nachdenkliche Worte beim Neujahrsempfang der Stadt Treuchtlingen

Bürgermeister Werner Baum sprach über das vergangene Jahr, blickte in die Zukunft und sorgte sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. - 08.01.2019 06:05 Uhr

 

Vor einer trotz der beiden zeitgleichen Neujahrsempfänge in Gunzenhausen und Ellingen gut gefüllten Stadthalle blickte Treuchtlingens Bürgermeister Werner Baum zurück auf die Ereignisse des vergangenen und voraus auf die Herausforderungen des bevorstehenden Jahres. © Patrick Shaw


Der Rückblick des Rathauschefs auf das Jahr 2018 fiel erwartungsgemäß aus: warme Worte für das Partnerschaftsjubiläum mit dem italienischen Ponsacco und die Einweihung des neuen Partnerschaftsplatzes; ein bisschen Schulterklopfen für die umstrittene Neugestaltung der Stadtmitte (die inzwischen tatsächlich „selbst den Kritikern besser als erwartet gefällt“); Lob für die Investitionen der Firmen Altmühltaler, Schuh Herrmann und Alfmeier vor Ort; sowie ein hoffnungsvoller Blick auf die laufenden Großbaustellen von Altmühl­therme und Senefelder-Schule, ebenso wie auf den Boom von Reisemobilstellplatz und Heumöderntrails. Eher um Verständnis warb der Rathauschef dagegen beim Thema Krankenhaus-Schließung, die durch das neue Rotkreuz-Seniorenzentrum, die geplante psychosomatische Bezirksklinik und weitere Sozialeinrichtungen (Diakonie, Lebenshilfe) kompensiert werde.

Ein größeres Ausrufezeichen setzte Baum indes mit dem zweiten Teil seiner Neujahrsrede. „Wie gehen wir miteinander um?“, stand als zentrale Frage darüber. Das beginnt dem Stadtoberhaupt zufolge vor der eigenen Haustür, etwa beim Thema Inklusion: „Chancengleichheit besteht nicht darin, dass jeder einen Apfel pflücken darf, sondern, dass der Zwerg eine Leiter bekommt“, zitierte er den sächsischen Diakonie-Direktor Reinhard Turre.

Weiter geht es mit dem Ton in den sogenannten Sozialen Netzwerken und der generellen politischen Debattenkultur. „Man fragt sich, was Mitmenschen bewegt, hemmungslos Beleidigungen, Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen und üble Nachreden ohne jede Scham öffentlich zu machen. Hat das wirklich noch etwas mit unserem grundsätzlich verbrieften Recht auf Meinungsfreiheit zu tun?“, so Baum. Man könne sich „des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere liberale Demokratie derzeit gewaltig unter Druck steht [...und] sich in gewissen Kreisen eine Demokratie-Verachtung breit macht“.

Dieser Entwicklung gelte es, sich entgegenzustemmen – wobei der Bürgermeister die Ursachen nicht allein in der anonymen Welt des Internets sieht, sondern insbesondere in „der Ausbreitung der neoliberalen Ideologie, also einer Ideologie der sozialen Kälte“. Diese Einstellung, die nur am eigenen Vorteil ausgerichtet sei, „verachtet oder belächelt zumindest unser Bedürfnis nach Gemeinschaft“.

Wie es „glücklicher macht, wenn man nicht nur an sich selbst denkt“, skizzierte der Rathauschef anhand der Altmühlstadt und eines Zitats von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Was mich zuversichtlich macht, sind die Millionen (...), die sich täglich für das Gelingen und den Gemeinsinn in unserem Land einsetzen; die – ohne dass sie es müss­ten – nach dem kranken Nachbarn schauen, im Altersheim vorlesen oder Flüchtlingen beim Ankommen helfen; die Alleinerziehenden vielleicht einen freien Nachmittag schenken oder in unzähligen Vereinen für den kulturellen Reichtum unseres Landes sorgen.“

Mit diesen Menschen habe Steinmeier bestimmt die Treuchtlinger gemeint, so Baum. Denn diesen Gemeinsinn finde er in der Altmühlstadt überall, ob im sozialen, kulturellen, politischen oder sportlichen Bereich. Der Zusammenhalt sei hier „nicht von oben befohlen“, sondern komme aus den Herzen der Menschen, die sich im ländlichen Raum offenbar noch stärker einander verbunden fühlten, als es andernorts der Fall sei.

Ein Musterbeispiel dafür war laut Baum im vergangenen Jahr das Bayern-3-Dorffest in Bubenheim, das die Bürger der Altmühlstadt nochmals enger zusammengeschweißt habe. Mehr als 850 Helfer aus den unterschiedlichsten Kreisen und Vereinen hätten dabei den Songtitel der Inklusions-Band von Regens Wagner zum Leben erweckt, der auch beim Neujahrsempfang zu hören war: „Du gʼhörst dazu!“ Das habe ihn „schon ein bisschen stolz“ gemacht.

Mit wachsender Amtserfahrung geht der Bürgermeister bei seiner Neujahrsrede seit einigen Jahren aber auch zunehmend mit sich selbst ins Gericht. Über „einige dauerhafte Besserwisser und Nörgler“ ärgert er sich zwar nach wie vor, räumte diesmal jedoch ein, auch selbst „wahrscheinlich das ein oder andere Mal zu wenig persönliche Gespräche geführt zu haben, die vielleicht Irritationen bei einigen gemeindlichen Vorhaben aus dem Weg geräumt hätten“. Die Politik dürfe im Kleinen wie im Großen „nicht aufhören, sich die Argumente dieser grundsätzlich kritischen Mitbürger anzuhören“. Denn manchmal ergäben sich daraus bei allem Widerwillen „auch neue Erkenntnisse“, so Baum. Ein Ideal­zustand in Sachen Gesprächskultur sei zwar wohl utopisch, der Weg sei jedoch bereits das Ziel.

Allen Mitarbeitern, Institutionen, Vereinen und Bürgern sowie den im Saal fleißig Spenden sammelnden Sternsingern dankte der Bürgermeis­ter und machte schließlich noch auf das nächste große Gemeinschaftserlebnis aufmerksam, das Treuchtlingen ins Haus steht: der 150. Jahrestag der Zuganbindung und damit des Beginns der Geschichte als „Eisenbahnstadt“ im Oktober dieses Jahres. 

Patrick Shaw Redaktion Treuchtlinger Kurier E-Mail

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