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Donnerstag, 22.10.2020

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Nahwärmenetz: So wollen die Wettelsheimer heizen

Rund 220 Bürger kamen zur Präsentation über eine potenzielle Biomasseanlage im Dorf - 12.10.2020 06:04 Uhr

Das Nahwärme-Konzept für Wettelsheim stellte Philip Unöder von der Firma Enerpipe im Freien auf einer großen Videoleinwand vor, die die Interessensgruppe wegen der Corona-Bestimmungen organisiert hatte. Ein Grußwort sprach auch Treuchtlingens Bürgermeisterin Kristina Becker.

© Huber, Hüttinger


Dass rund 220 Wettelsheimer an diesem verregneten und kalten Tag überhaupt erschienen waren, um mehr als eine Stunde lang auf Bierbänken auszuharren und interessiert zu lauschen, wertet die Interessensgruppe "Nahwärme Wettelsheim" bereits als Erfolg. Erst in diesem Jahr wurde innerhalb der neunköpfigen Gruppe die Idee geboren, ein genossenschaftliches Nahwärmenetz samt Hackschnitzel-Heizwerk für das Dorf zu schaffen.

Eine Umfrage hatte im Vorfeld ergeben, dass 250 Haushalte von insgesamt 480 erschließbaren Wohn- und Gewerbegebäuden in Wettelsheim grundsätzlich Interesse an einer Beteiligung haben. Anschließend wurde auf Basis dieser Zustimmung eine konkrete Wirtschaftlichkeitsprognose erstellt. Die Zahlen präsentierte Philipp Unöder von der Firma Enerpipe bei der Veranstaltung auf dem Festplatz erstmalig.


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Grundsätzlich könnten die Bauarbeiten am Nahwärmenetz schon Ende 2021 beginnen. Dann würden zunächst Trassen mit einer Gesamtlänge von fast 14 Kilometern im Ort verlegt. Bei einem Netz dieser Größe rät Unöder darüber hinaus zu zwei Heizzentren statt nur einem. Als favorisierter Standort des ersten Heizwerks ist derzeit das Betriebsgelände der Baufirma Köhnlein im Gespräch, einen zweiten Standort gilt es noch zu finden.

Rund 6000 Euro pro Abnehmer

Anders als vielerorts wollen die Wettelsheimer dort in erster Linie nicht mit Biogas, sondern mit Hackschnitzeln aus heimischem Holz heizen. Zusätzlich zu den Wärmeleitungen, den Tiefbauarbeiten und dem Bau der Heizwerke ist auch die Übergabetechnik ein Kostenfaktor. Insgesamt kommt die Firma in ihren Berechnungen – gemessen an 250 Anschlussnehmern – auf eine Gesamtinvestition in Höhe von rund sechs Millionen Euro.

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Zu erwarten sind bei dem Projekt laut aktuellen Richtlinien rund zwei Millionen Euro an Förderung. Die Wettelsheimer Hausbesitzer könnten dann mit einem Antrittsgeld von jeweils rund 6000 Euro in das Projekt einsteigen. Bleibt es bei 250 Teilnehmern, dann kommen so insgesamt 1,5 Millionen Euro Eigenkapital zusammen. Übrig bleiben schließlich noch rund 2,5 Millionen Euro, die mit der Hilfe eines Kredits über 20 Jahre finanziert werden sollen.

Laut Unöder ergibt sich für die Abnehmer unter dem Strich ein Wärmepreis von 6,7 Cent pro Kilowattstunde bei einer Grundgebühr von 25 Euro pro Monat – wobei die Rückzahlung des Kredits in diesen Wert bereits eingepreist ist. In einer Vergleichsrechnung belaufen sich die Heizkosten einer Ölheizung dagegen – gemessen am durchschnittlichen Heizölpreis der vergangenen sieben Jahre – auf 9,8 Cent pro Kilowattstunde, Scheitholz landet bei 8,8 Cent.

Glasfaserausbau als Nebeneffekt

Zusätzlich müssen bei beiden Methoden Wärmeverluste von 20 und 25 Prozent berücksichtigt werden, wodurch die Kosten zusätzlich steigen. Bei der Nahwärme gebe es hingegen nahezu hundert Prozent Nutzwärme, betont Unöder. Abhängig von den Zusatzkosten, die für den Ab- und Umbau der bestehenden Heizanlagen auf die Besitzer zukommen, amortisieren sich die zunächst notwendigen Ausgaben für das genossenschaftliche Nahwärmenetz jeweils früher oder später.


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Für die Wettelsheimer könnten sich bei der Realisierung des Projekts auch Synergieeffekte ergeben: So ist zum Beispiel die Verlegung von Glasfaserkabeln im Zuge der ohnehin notwendigen Tiefbauarbeiten bereits fest in der Kalkulation enthalten. Schnelles Internet für die teilnehmenden Haushalte ist bei dem Projekt eigentlich lediglich eine positive Begleiterscheinung – wie allerdings nach der Präsentation aus einigen Wortmeldungen hervorging, ist diese durchaus wichtig.

Die Initiatoren erklärten außerdem, dass derzeit geprüft werde, ob bestehende Biogasanlagen in der Wettelsheimer Umgebung Kapazitäten frei haben. Diese könnten dann vorhandene Abwärme an das künftige Nahwärmenetz liefern. Sollte das der Fall sein, könnten die bisher veranschlagten Kosten noch weiter sinken.

Nun liegt es an den Bürgern

Zunächst hängt allerdings der Erfolg der Initiative von den Ortsansässigen selbst ab. Die Interessensgruppe betont, dass ein verspäteter Einstieg in das Projekt prinzipiell für alle Wettelsheimer noch bis zum Baubeginn im Jahr 2021 möglich sei. Im ersten Schritt entscheidet allerdings der 25. Oktober dieses Jahres als Stichtag über das Fortbestehen der Idee: Bis zu diesem Datum haben die Dorfbewohner nun Zeit, ihr ernsthaftes Interesse an einer Beteiligung schriftlich zu bekräftigen.

Immerhin rund 30 Personen reichten gleich direkt im Anschluss an die Veranstaltung ihre Absichtserklärungen ein. Für sie scheint klar zu sein, worin der Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Wärmeversorgung für Wettelsheim liegt.

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