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Nordumgehung: Wieviel Schutz braucht Dettenheim?

Weißenburg möchte, dass Treuchtlingen Schutzwände für Dettenheim bezahlt. Ist das sinnvoll? - 13.03.2020 06:04 Uhr

Der Treuchtlinger Ortsteil Schambach hat beim Bau der Dettenheimer B2-Spange eine hohe Schallschutzwand erhalten. Allerdings liegt die Bebauung hier auch näher an der Bundesstraße, sodass die Lärmprognose den Grenzwert überschritt.

© Patrick Shaw


Worum geht es?

Konkret geplant und gebaut werden soll ein Lärmschutz momentan nicht. Vielmehr hat die Stadt Treuchtlingen im vergangenen Jahr einen neuen Flächennutzungsplan (FNP) erstellen lassen (wir berichteten mehrmals). Ein solcher Plan soll die städtebauliche Entwicklung steuern. Er teilt alle Flächen der Gemeinde nach ihrer Nutzung ein, also ob sie beispielsweise für Wohnbebauung oder Industriegebiete vorgesehen sind. Eine konkrete Pflicht, dort dann etwas zu bauen, besteht jedoch nicht. Die Planung soll vielmehr verhindern, dass "Filetstücke" zu Spekulationsobjekten werden. Der Stadtrat kann den Flächennutzungsplan später auch anpassen, sollten sich die Voraussetzungen ändern.

Die Verkehrsmengenkarte zeigt: Je breiter eine Straße farbig unterlegt ist, desto mehr Fahrzeuge sind unterwegs. Die Farbe steht für die Art der Straßen (blau Bundesstraßen, grün Staatsstraßen, braun Kreisstraßen). Die achtstellige Zahl an den Messpunkten ist die Zuordnungsnummer, die mittlere Zahl steht für die Gesamtzahl der Kraftfahrzeuge in 24 Stunden und die untere Zahl für den Schwerverkehr in 24 Stunden.

© Grafik: Staatliches Bauamt Ansbach


Da möglicherweise auch die Belange von Nachbargemeinden betroffen sind, müssen diese den Planänderungen zustimmen. An diesem Punkt kam beim Treuchtlinger FNP die Stadt Weißenburg ins Spiel. In den Planentwürfen ist nämlich eine mögliche Nordumfahrung der Altmühlstadt enthalten. Die Umgehung – ob sie überhaupt kommt, ist ungewiss – könnte irgendwann von der Staatsstraße 2230 am Wettelsheimer Keller abzweigen und unter den beiden Bahnlinien hindurch bei Graben wieder auf die Ortsverbindungsstraße treffen, die dann bis zur B2 nach Dettenheim ausgebaut wird.

In Weißenburg geht die Stadtverwaltung davon aus, dass durch die Umfahrung vor allem der Lastwagenverkehr aus dem Altmühltal umgeleitet und auf die Bundesstraße geführt wird, was bei Dettenheim zu einem "deutlich höheren Verkehrsaufkommen" führen würde – und damit auch zu mehr Lärm für die Anwohner. Der Stadtrat der Nachbarstadt wollte dem neuen FNP deshalb nur zustimmen, wenn sich Treuchtlingen bereiterkläre, einen Lärmschutz bei Dettenheim zu bauen – auf Weißenburger Stadtgebiet.

Der Verkehr hat freilich schon durch die Dettenheimer B2-Umgehung zugenommen. Die Autos und Lastwagen zwängen sich seither zwar nicht mehr durchs Dorf, für die Bewohner am westlichen Ortsrand hat der Lärm aber zugenommen. Wegen einer knappen Unterschreitung der Grenzwerte und weil das Dorf im Weißenburger Flächennutzungsplan als Mischgebiet und nicht als Wohngebiet ausgewiesen ist, gab es für Dettenheim jedoch keine Schutzmaßnahmen. Der benachbarte Treuchtlinger Ortsteil Schambach hat diese dagegen bekommen.

Was sagt Treuchtlingen dazu?

Die Treuchtlinger Stadtverwaltung teilt mit, dass die Trassenführung für die Nordumfahrung im FNP lediglich eine Absichtserklärung sei. Die Weißenburger Forderung nach Lärmschutz nehme man zur Kenntnis. Die Aufnahme von Maßnahmen, noch bevor deren Notwendigkeit nachgewiesen ist, widerspreche jedoch dem Planungsregelprozess. Die Stadt wolle keine Erwartungshaltung erzeugen, die später nicht belastbar ist, heißt es aus dem Rathaus. Zudem sei nicht einmal klar, ob eine Umgehung überhaupt kommt.

Der neue Treuchtlinger Flächennutzungsplan ist derweil weiterhin nicht rechtskräftig. Im ersten Halbjahr 2020 soll er nochmals im Stadtrat behandelt werden. Die Treuchtlinger UFW haben das Vorgehen Weißenburgs im Zuge des Kommunalwahlkampfs als politische Erpressung gewertet. Auf diese Weise wolle man offenbar eigene Versäumnisse reparieren – nämlich das Fehlen des entsprechenden Bebauungsplans vor dem Bau der B2-Umgehung.

Wird der Verkehr wirklich zunehmen, wenn es eine Treuchtlinger Umgehung gibt?

In die verkehrsstatistische Glaskugel kann wohl niemand blicken. Dennoch gibt es Möglichkeiten, die künftige Verkehrsentwicklung zu prognostizieren. Das Ergebnis: Vielleicht ist der von Weißenburg geforderte Lärmschutz von mindestens zehn Dezibel (dB(A)) gar nicht erforderlich.

Alle fünf Jahre erstellt das bayerische Verkehrsministerium eine sogenannte Verkehrsmengenkarte. Darin ist eingezeichnet, wie viele Fahrzeuge an einem durchschnittlichen Tag auf einer Straße unterwegs sind. Erfasst werden Kreis-, Staats- und Bundesstraßen sowie Autobahnen. Die neueste Erhebung stammt aus dem Jahr 2015 – also vor dem Bau der Dettenheimer Umgehung. Erst im Herbst dieses Jahres ist mit einer Neuauflage zu rechnen.

Aus der derzeitigen Karte wird dennoch deutlich, wie stark die Treuchtlinger Stadtmitte vom Verkehr belastet ist. Sind nördlich von Dettenheim noch täglich rund 16.400 Kraftfahrzeuge auf der B2 unterwegs, werden ab der Schambachkreuzung in Richtung Süden nur noch knapp 11.700 Fahrzeuge gezählt. Viele Verkehrsteilnehmer fahren also hier ab.

Zwischen B2 und Treuchtlinger Ortseingang sind dementsprechend täglich mehr als 9100 Fahrzeuge unterwegs, durch die Hauptstraße schlängeln sich fast 7800 Autos und Lastwagen. Am ehemaligen Stadtkrankenhaus werden sogar gut 8300 Kraftfahrzeuge gezählt – die größte innerstädtische Belastung. Dort ist auch die absolute Zahl an Schwerlastfahrzeugen am größten – über 400 am Tag. Die Stadtmitte rund um den Wallmüllerplatz ist also ein Nadelöhr für den Verkehr, der das Zentrum nach dem Bau einer Umgehung nicht mehr passieren müsste und zu einem großen Teil bei Dettenheim auf die B2 geleitet würde.

Was bedeutet das für die Lärmbelastung?

Ist die Zahl der Fahrzeuge an einem Ort bekannt, lässt sich daraus die Lärmbelastung berechnen. So bietet der Verkehrsclub Deutschland einen Online-Rechner an, der Fahrzeugzahl, Höchstgeschwindigkeit und Lastwagen-Anteil berücksichtigt. Die täglich 4469 Fahrzeuge, die auf der Staatsstraße 2230 aus Richtung Gunzenhausen kommen, erzeugen demnach im Durchschnitt 72 dB(A) tagsüber. Bei einem Abstand von 400 Meter zwischen B2 und dem süd-westlichen Teil von Dettenheim dürften dort noch etwa 20 dB(A) ankommen.

Durch eine neue Umgehung, die bislang nur im Entwurf des Flächennutzungsplans steht und für die es noch keinerlei Zusagen gibt, nimmt die Geräuschbelastung in Dettenheim nicht bedeutend zu. Eine Mindestwirksamkeit des von der Stadt Weißenburg für Dettenheim geforderten Lärmschutzes in Höhe von zehn dB(A) wäre demnach deutlich übertrieben, weil die tatsächliche Zunahme vermutlich bei knapp unter einem Dezibel liegt. Um zehn Dezibel würde der Schallpegel erst steigen, wenn sich das Gesamtverkehrsaufkommen verachtfachen würde – also von derzeit 16.400 auf 131.200 Fahrzeuge pro Tag. Das erwartet wohl niemand.

Welche Nebeneffekte gibt es?

Auf der anderen Seite könnte Weißenburg sogar von einer Treuchtlinger Nordspange profitieren. Denn Lastwagen, die aus Richtung Donauwörth nach Gunzenhausen wollen, müssen derzeit auf der B2 an Weißenburg vorbei und dann auf die B13 fahren. Denn in Treuchtlingen ist an der Bahnunterführung in der Oettinger Straße für Lastwagen über 3,50 Meter Höhe Schluss. Künftig könnten Lastwagen dagegen direkt über die Umgehung und die Staatsstraße 2230 in Richtung Gunzenhausen fahren. Das würde allerdings wiederum den Norden Treuchtlingens und einige angrenzende Ortsteile mit mehr Lärm belasten – die dann vielleicht ihrerseits von Weißenburg einen Ausgleich fordern könnten...

Der Artikel wurde am 19. März korrigiert. Bei der ursprünglichen Berechnung hatten wir den statt des stündlichen Aufkommens das Aufkommen in 24 Stunden genommen. Demnach ist die Lärmbelastung noch geringerer als ursprünglich berichtet.

beh/tk E-Mail

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