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Paar trennt sich von Pflegekindern und wird im Dorf ausgegrenzt

Familie aus Altmühlfranken erzählt von ihren Erfahrungen mit Pflegekindern - 30.01.2020 06:04 Uhr

Eitel Sonnenschein? Der Weg für Familien mit Pflegekindern ist oft steinig. Und wenn er scheitert, kommt zu den eigenen Gefühlen und Zweifeln nicht selten das harte Urteil der Gesellschaft: „Seine Kinder gibt man nicht weg!“ Doch ist das vernünftig und fair gegenüber den Pflegeeltern?

© privat


Ehe Kathrin Schmidt (alle Namen von der Redaktion geändert) zu erzählen beginnt, stellt sie eines klar: "Die Entscheidung ist uns sehr, sehr schwer gefallen. Und jetzt sind wir der Buhmann, ohne dass man überhaupt zu verstehen versucht, wie es gelaufen ist. Dieses Verurteilen, sogar von vermeintlichen Freunden, hat mich sehr verletzt." Deshalb hat sich die Mittdreißigerin an die Presse gewandt – und weil über die Aufnahme von Pflegekindern zwar viel berichtet werde, aber "nur, was für eine Herausforderung und Erfüllung es ist". Kaum jemand spreche darüber, was passiert, wenn ein Familienmitglied nicht mit dem fremden Kind zurechtkommt: "Familien zerbrechen, die Eltern landen in der Therapie."

Ein Pflegekind aufzunehmen, ist für die Schmidts anfangs kaum denkbar. Am Ende werden es zwei. Eigene Kinder sollen nach einer Erkrankung von Kathrins Mann Thomas nicht möglich sein – doch dann kommt unerwartet Tochter Sarah zur Welt. "Das war ein Geschenk von oben", blickt die Mutter zurück. "Zufall, wie ein Lottogewinn."

 

 

 

Ein zweites Kind ist danach nicht der große Wunsch – bis Kathrins Mutter ein Pflegekind ins Gespräch bringt. "Zunächst konnte ich mir das nicht vorstellen, aber dann habe ich immer mehr gespürt, dass das meine Aufgabe sein könnte", erinnert sich die junge Frau. Auch ihr Mann ist von der Idee "zuerst überrumpelt, aber nach fast einem Jahr Bedenkzeit dafür".

Mit Herzblut und Liebe

So kommt Marie in die Familie, ein äußerlich gesundes, einjähriges Mädchen, das aber ein erhebliches "Päckchen" mitbringt. FAS diagnostizieren die Therapeuten später: Fetales Alkoholsyndrom. Teile von Maries Gehirn sind wegen des Alkoholkonsums der leiblichen Mutter unwiederbringlich zerstört.

Die erste Zeit klappt dennoch so gut, dass in Kathrin Schmidt der Wunsch nach einem zweiten Pflegekind wächst. "Heute weiß ich, dass ich meinen Mann dazu wohl eher überredet als überzeugt habe", bedauert sie. Der zweite Schützling, Max, kommt ein Jahr nach Marie hinzu. Es ist ein Notfall und geht sehr schnell – nur eine Woche haben die Schmidts Zeit, sich vorzubereiten.


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Der Junge erweist sich als noch herausfordernder als das Mädchen: "Er war stark entwicklungsverzögert und benötigte ständige Aufmerksamkeit. Ein Jahr lang waren wir gefühlt einmal pro Woche beim Arzt oder in Krankenhäusern – neben den Therapien und Umgängen mit den leiblichen Eltern", erzählt die Pflegemutter. Doch sie und ihr Mann hätten es "gern und mit viel Herzblut und Liebe für die Kinder getan, da sie ein Teil der Familie sind". Trotzdem sei es "ein Riesenunterschied, ob man ein Kind hat, das in einer normalen Familie aufgewachsen und nur ,etwas schwierig’ ist, oder ob es behindert und schwer traumatisiert ist". Dies sei bei Pflegekindern oft der Fall.

Vorschnell aufgegeben?

"Ein Trauma zeigt sich im Alltag auf vielfältige Weise, gerade zuhause, bei denen, die man liebt und denen man vertraut, und nicht im Kindergarten oder in der Öffentlichkeit", weiß Kathrin Schmidt. Das sei den Leuten offenbar nicht klar, wenn sie ihr und ihrem Mann nun vorwerfen, sich "einfach nicht genug angestrengt", es sich "zu leicht gemacht" oder "vorschnell aufgegeben" zu haben.

Drei Jahre lang geben Kathrin und Thomas Schmidt für beide Pflegekinder ihr Bestes – von den Bedürfnissen der leiblichen Tochter, Beruf und Haushalt ganz zu schweigen. "Ich denke, es gibt nicht viele Menschen, die so viel Liebe, Zeit und Energie in das Wohl von Pflegekindern stecken, damit sie sich geliebt fühlen und die nötige Förderung bekommen", sagt auch eine Freundin der Familie.

Doch dann geht es nicht mehr. "Ich habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ein Teil der Familie mit der extremen psychischen Belastung und täglichen Herausforderung einfach nicht klarkommt", blickt Kathrin Schmidt zurück. "Für den einen ist es Erfüllung und Lebensaufgabe, für den anderen eine unzumutbare Situation. Aber man kann es nur gemeinsam meistern." Am Ende sei es auf die Entscheidung hinausgelaufen: Trennung von den Pflegekindern oder vom Mann.

"Leute, die wir seit Jahren kennen, drehen sich weg"

"Hätten wir es mit nur einem der Kinder vielleicht geschafft?", fragt sich Schmidt heute. Sie weiß es nicht. "Wir haben alles so gut gemacht, wie wir konnten, aber in der Situation steckt man in einem solchen Gefühlschaos, dass man Entscheidungen trifft, die radikal sind" – wobei sie den Schritt natürlich mit einer Therapeutin besprochen hätten. Und wenngleich Pflegemutter und Tochter Sarah unter der Trennung leiden, habe sich die Stimmung in der kleinen Familie doch "um 180 Grad gedreht, was mir zeigt, dass der Entschluss irgendwie richtig war". Umso mehr freut sich Kathrin Schmidt nun darauf, Marie und Max in einigen Monaten in ihren neuen Familien besuchen zu dürfen.

Schlimm findet die Familie indes viele der Reaktionen im Dorf. Ehemann Thomas ist in dem 300-Seelen-Ort aufgewachsen. "Leute, die wir seit Jahren kennen und regelmäßig getroffen haben, drehen sich weg, schauen Dir nicht mehr ins Gesicht", schildert Kathrin Schmidt. Hinter vorgehaltener Hand werde missbilligend getratscht. "Wenn sie wenigstens fragen würden, warum wir die Kinder weggegeben haben, könnten wir es erklären", so die Pflegemutter. Das Verhältnis zu vielen Mitbürgern sei "sehr abgekühlt". Außerhalb der Familie könne sie "an zwei Händen abzählen, welche Personen uns verstehen – selbst unter Freunden".

Ein Problem auf dem konservativen Land? Vielleicht. "Das höchste Gut ist die Familie, die muss man schützen", zitiert Kathrin Schmidt ihre Mutter. Aber genau das habe sie doch getan, indem sie diese schwere Entscheidung getroffen habe. "Und wir sind nicht die einzigen, denen es so geht. Das zeigen Gespräche mit anderen Betroffenen", sagt die Pflegemutter.

Die Gesellschaft sieht nur die Kinder

Es ist aber nicht nur das Dorf. Es ist auch der Blickwinkel der Gesellschaft, den die Schmidts zu spüren bekommen. Er ist oft ausschließlich auf die Kinder gerichtet. "Möchten die Menschen lieber zerstörte Familien sehen, als eine bewusste Entscheidung zu deren Schutz?", fragt Kathrin Schmidt. Das wäre wohl auch für die Kinder die schlechtere Lösung.

Und dann ist da noch der Leistungsdruck. Wer einer Aufgabe nicht gewachsen ist, hat in den Augen vieler versagt, ist gescheitert. Ist das fair? Sollten Hilfsbereitschaft und Familienglück am "Erfolg" gemessen werden? Kathrin Schmidt glaubt das nicht, und vordergründig ist es ihr auch "egal, was andere denken". Eigentlich. Denn die Anfeindungen hinterlassen trotzdem Spuren.

"Wir wollen niemanden verurteilen", sagt sie. "Aber wir wollen darauf aufmerksam machen, wie die Gesellschaft mit einer solchen Situation umgeht, und für diejenigen um Verständnis bitten, denen es wie uns ergangen ist. Vielleicht gibt es dem ein oder anderen Mut, dass es in Ordnung ist, auch diesen Schritt zu gehen, und dass er kein Zeichen von Schwäche ist, sondern von der Stärke, eine schwierige Entscheidung für die eigene Familie zu treffen."

Zum Thema:

Pflegekinder - kein leichter Weg

Ein Pflegekind können in Deutschland verheiratete und unverheiratete Paare, Alleinstehende und gleichgeschlechtliche Paare aufnehmen. Zu unterscheiden sind die Bereitschaftspflege, bei der Kinder nur für begrenzte Zeit aufgenommen werden, und die Vollzeitpflege, bei der das Kind dauerhaft bleibt.

Wer ein Pflegekind aufnehmen möchte, muss sich beim Jugendamt oder den Trägern der Jugendhilfe bewerben. Diese prüfen die Voraussetzungen: Lebensbericht, finanzielle Situation, Arbeitsverhältnis, Gesundheitsattest und Führungszeugnis. Zudem gibt es Seminare zu rechtlichen Aspekten und zum Umgang mit den leiblichen Eltern. Später hat der Pflegekinderdienst bei Treffen und Hausbesuchen ein Auge auf die Unterbringung des Kindes.

Bis ein Pflegekind vermittelt wird, dauert es meist ein Jahr, oft länger. Der erste Schritt ist das Kennenlernen der leiblichen Eltern. Diese entscheiden, ob das Kind in die Familie darf. Erst wenn alle Parteien überzeugt sind, dass die Konstellation funktioniert, wird der Pflegevertrag aufgesetzt. Danach sehen die Kinder ihre leiblichen Eltern meist alle sechs bis acht Wochen – auch weil der Gesetzgeber deren Rückkehr wünscht. Tatsächlich kehrt aber nur etwa jedes 20. Pflegekind in seine Ursprungsfamilie zurück – vor allem, wenn sich an der dortigen Situation nichts ändert. Das Sorgerecht geben manche Eltern dennoch oft lange nicht ab.

Nicht selten sind Pflegekinder traumatisiert, haben psychische Defizite oder sind körperlich beeinträchtigt. Für sie gibt es zusätzliche Therapien und Fördermaßnahmen, die der Kinderpflegedienst zusammen mit den Pflegeeltern festlegt. Bezahlt werden diese von den Krankenkassen. Zudem unterstützt der Staat die Pflegefamilien. Rund 500 Euro erhalten sie im Monat für die Unterhalts- und Erziehungskosten, je nach Alter und Pflegebedarf auch deutlich mehr. Dazu kommen Kindergeld und steuerliche Vergünstigungen.

Informationen für Pflegeeltern oder solche, die es werden wollen, gibt es beim Jugendamt, den Trägern der Jugendhilfe, dem Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien oder der Bundesgemeinschaft für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien.

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