12°

Donnerstag, 04.03.2021

|

zum Thema

Paris 1870/71: Kämpfer in einem vergessenen Krieg

Der Markt Berolzheimer Christian Preu berichtet in seinem Tagebuch von seinen Erlebnissen - 27.01.2021 06:04 Uhr

Großvater Christian Preu (rechts) in einer Aufnahme aus dem Jahr 1927 mit der Familie seiner Tochter Ernestine samt deren Kindern Friedrich und Karl sowie deren Vater Michael Auernhammer. Preu starb am 31. Juli 1929 im Alter von 80 Jahren und sieben Monaten in Markt Berolzheim.

26.01.2021 © privat


Ungeschönt und unzensiert ist das Kriegstagebuch des Markt Berolzheimer Bauern Christian Preu, der am 3. März 1871 zu den deutschen Soldaten gehörte, die in Paris einmarschierten. Von der heroischen Begeisterung war er voll erfasst: "Die Franzosen machten schiefe Gesichter auf uns. Der Hass und Groll der Pariser war arg, aber sie mussten sich geduldig dreingeben, denn es war eine große Schmach für sie, von den Deutschen besiegt zu werden", notierte er in das Büchlein, das nun nach fast genau 150 Jahren von einem Berolzheimer zufällig wiederentdeckt wurde.

Seite eins des Kriegstagebuchs von Christian Preu in deutscher Kurrentschrift.

26.01.2021 © Repro: Daniel Burmann


Der ehrenamtliche Gemeindearchivpfleger Daniel Burmann spricht von einem absoluten Glücksfall. Er misst den Wert der Aufzeichnungen daran, dass sie die historischen Ereignisse aus dem Blickwinkel eines rangniederen Soldaten schildern und eben nicht aus der Feder eines Politikers oder Militärs stammen.

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ist heute weithin vergessen. Wie Daniel Burmann feststellt, liegt das wohl auch daran, dass die globalen Auswirkungen der folgenden Weltkriege ihn in den Schatten stellen. Deutschland, das den Krieg gewann und sich das Elsass und Lothringen einverleibte, ging gestärkt aus der Schlacht hervor und erlebte danach die Reichsgründung.

Kälte, Krankheit und Kanonendonner

Christian Preu war ein Berolzheimer Bauernsohn, der 1879 Walburga Wiesinger aus Lengenfeld heiratete und mit ihr drei Töchter hatte. Es ist jedoch ungewöhnlich, dass ein einfacher Soldat die militärischen Geschehnisse so exakt festgehalten hat. Immerhin haben Preus handschriftliche Aufzeichnungen einen Umfang von 34 Seiten, die er in ein altes Rechenbuch von 1764 notiert hat. Zu lesen sind diese nun in der aktuellen Ausgabe von "Alt-Gunzenhausen", dem Jahrbuch des Vereins für Heimatkunde. Daniel Burmann hat darin den Schreibstil Preus weitgehend beibehalten und nur leichte Korrekturen vorgenommen, um den Text verständlich zu machen.

Bilderstrecke zum Thema

150 Jahre Eisenbahn in Treuchtlingen: So fing alles an

Im Herbst 1869 fuhr der erste Zug von Treuchtlingen über Weißenburg nach Pleinfeld. Bau und Eröffnung der Strecke waren insbesondere für das kleine Treuchtlingen ein Meilenstein, der die nächsten 100 Jahre Stadtgeschichte prägen sollte.


Der Berolzheimer Soldat gehörte zur 4. Kompanie des 15. Infanterieregiments in Neuburg, das am 17. Juli 1870 zur Mobilmachung rief. Schon zehn Tage später ging es zu Fuß in Richtung Harburg mit Ziel Speyer. Über die Pfalz rückte die Truppe ins Elsass ein, wo die Soldaten bereits den Kanonendonner der "Schlacht bei Weißenburg" hörten. Schrecklicher Regen begleitete das Biwak.


Elkan Naumburg: Treuchtlinger Mäzen und Mahnung


Preu erlebte die Einnahme von Nancy. "Furchtbare Märsche, Hungersnot, Hitze und Elend stieg aufs Äußerste", notierte er. Zudem brach die Ruhr aus. Die Deutschen fanden in Frankreich verbrannte Erde vor: "Die Franzosen marschierten vor uns ins Innere Frankreichs, plünderten und verzehrten fast alles, was da war." Die Schlacht bei Sedan am 1. und 2. September war kriegsentscheidend. Noch Jahre danach feierten die Deutschen den "Sedanstag".

Eimerweise französischer Wein

Auf dem Marsch auf Paris machte der fränkische Biertrinker erste Bekanntschaft mit französischem Wein ("...mehr als zehn Eimer"). Mit seinem Kameraden Rottenberger aus Pfofeld schleppte er reichlich Rebensaft ins Quartier – die Franzosen hatten alles liegen und stehen gelassen, bevor sie die Flucht ergriffen.

Bilderstrecke zum Thema

Unbekanntes Treuchtlingen: Die Serie des TK in Bildern


Preu wähnte sich auf der Berolzheimer Buchleiten, als er ins Tal auf Paris blickte: "...nichts als Stadt und nirgends kein Ende." Er geriet in Geschützfeuer, bei dem neben ihm "zwei Mann gleich plötzlich tot waren". Den zweiten Weihnachtsfeiertag verbrachte er mit seinen Landsleuten Georg Bieber, Georg Schmidt, Michael Guthmann und Georg Frank in einer Weinrestauration.


Der Schrammhans: Edler Ritter oder Schlächter?


In Matsch und Dreck mussten die Soldaten aber auch danach "schrecklich viel aushalten". Preu beklagt in seinen Aufzeichnungen, dass er sich vom 8. September 1870 bis zum 13. März 1871 nicht ein einziges Mal vollständig entkleiden konnte.

Neujahr in Versailles

Nach der siegreichen Schlacht von Paris in den ersten Januartagen 1871 gönnte er sich mit Kameraden einen "Spaziergang nach Versailles": "Wir konnten uns nicht genug sehen und kann auch die Pracht und Schönheit nicht beschreiben", schreibt Preu, der auch dabei war, als der deutsche Kaiser am 1. März in Paris einmarschierte. Drei Tage lang gab es für die Sieger "Froh"(Franc)-Zulage, die von den Parisern zu zahlen war, wie der Berolzheimer notierte.

Bilderstrecke zum Thema

23. Februar 1945: Als in Treuchtlingen die Bomben fallen

Am 23. Februar 1945 verlieren beim Luftangriff der Amerikaner auf Treuchtlingen 586 Menschen ihr Leben.


Auf dem Rückweg verbrachte der Deutsche das Osterfest bei einer französischen Familie ("...des Abends musste ich mich mit ihnen zum Feuer setzen"). Und nach 80 Tagen im Standquartier ging es schließlich in Richtung Heimat. "Herzergreifend" empfand er den Empfang in der Pfalz, wo er und seine Kameraden von Neuburger Reitern und Mädchen bejubelt und mit Kränzen und Sträußen beschenkt wurden. Und als die Truppe über den Rhein marschierte, erklang die "Wacht am Rhein". "Ich rühme die Güte Gottes, der mir Gesundheit geschenkt hat, sodass mir keine Stunde was fehlte", dankt der Markt Berolzheimer abschließend in seinen Notizen.

Die aktuelle Ausgabe von "Alt-Gunzenhausen" mit dem Tagebuch von Christian Preu ist für 15 Euro in der Markt Berolzheimer Mühlbach-Apotheke erhältlich.

WERNER FALK E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Treuchtlingen, Markt Berolzheim, Markt Berolzheim