Pendeln extrem: Zwischen Schambach und Südspanien

28.9.2020, 06:04 Uhr
Zwischen zwei Welten: Rainer Guthmann ist unter Kiefern ebenso wie unter Palmen zuhause.

Zwischen zwei Welten: Rainer Guthmann ist unter Kiefern ebenso wie unter Palmen zuhause. © Iván Esclapez

Wer Fernsehshows oder Reportagen über Auswanderer verfolgt, hat oft den Eindruck, es gebe nur zwei Extreme: Die einen sind super erfolgreich, haben ein entspanntes neues Leben mit viel Geld, Villa und Pool unter Palmen. Die anderen scheitern und kehren reumütig nach Deutschland zurück. Beide Klischees findet Rainer Guthmann unrealistisch.

Guthmann bezeichnet sich selbst als "Nomade der Neuzeit". Mit 14 Jahren kauft er sich vom Konfirmations-Geld die erste Windsurf-Ausrüstung, bald darauf eröffnet er dem Vater, dass er sich trotz einer Dachdecker-Lehre kein eigenes Haus im Dorf bauen werde – und überhaupt, dann im Ausland. "Hierzubleiben war für mich immer unvorstellbar", so der heute 49-Jährige.

Mit 24 macht sich Guthmann selbstständig, mit 27 kauft er zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin ein Grundstück im südspanischen Alicante. "Wir haben uns dann schnell entschieden, dort kein Haus bauen zu lassen, sondern es selbst zu bauen", blickt er zurück. "Zuerst wollten wir vermieten und uns etwas für die Rente schaffen, aber dann sind wir geblieben."

Bauruinen wie diese auf Lanzarote sind im Süden Spaniens vielerorts zu finden. Die Rohbauten oft sichtlich luxuriöser Häuser und Villen wurden von den Investoren halbfertig zurückgelassen, nachdem 2007/08 die Immobilienblase platzte. Auch Auswanderer Rainer Guthmann bekam den Einbruch zu spüren.

Bauruinen wie diese auf Lanzarote sind im Süden Spaniens vielerorts zu finden. Die Rohbauten oft sichtlich luxuriöser Häuser und Villen wurden von den Investoren halbfertig zurückgelassen, nachdem 2007/08 die Immobilienblase platzte. Auch Auswanderer Rainer Guthmann bekam den Einbruch zu spüren. © Wolfgang Held

Es ist eine goldene Zeit an der Costa Blanca. Der Immobilien-Boom befindet sich auf dem Höhepunkt, Rainer Guthmann kann sich vor Aufträgen kaum retten. "Schon auf unserer eigenen Baustelle haben mich Deutsche, Holländer und Engländer angesprochen, ob ich ihnen nicht was machen kann – Terrassen, Carports, Pavillons...", erzählt er. Auch Promis sind darunter, Fußballstars und Unternehmer. "Ich durfte ins Leben der Reichen und Schönen reinschnuppern. Das wäre mir in Deutschland nicht passiert."

"Typisch deutsch" kommt an

Ein Vorteil war für Guthmann, dass in Spanien viele Deutsche leben, die trotzdem die Sprache nicht sprechen. "Mit einheimischen Handwerkern kommt es da oft zu Missverständnissen", sagt er. "Außerdem haben wir Deutsche den Ruf, rechtschaffen, pünktlich und zuverlässig zu sein." Im Vergleich zu vielen spanischen Kollegen stimme das auch, in den zwei Jahrzehnten vor Ort habe er aber inzwischen auch etliche deutsche Mitbewerber erlebt, "für die man sich fremdschämen muss".

Guthmann jedoch hat Erfolg. Nicht über Nacht, aber als Lohn für Umsicht und harte Arbeit: "Die ersten Jahre hatte ich Sieben-Tage-Wochen, täglich von 5 bis 22 Uhr – Job, Hausbau und Spanisch in der Abendschule. Manche Auswanderer sind so blauäugig, dann irgendwo ohne Rücklagen vor dem Geldautomaten zu stehen und zu hoffen, dass ihr Hartz IV ankommt", so seine Beobachtung. Um im Ausland Fuß zu fassen, brauche man zur Überbrückung "Kapital für mindestens ein Jahr".

Blick von Rainer Guthmanns Arbeitsplatz über eine Siedlung an der Costa Blanca.

Blick von Rainer Guthmanns Arbeitsplatz über eine Siedlung an der Costa Blanca. © Rainer Guthmann

Rainer Guthmann braucht seine Rücklagen erst später. 2007/08 platzt die spanische Immobilienblase. Hunderttausende Baustellen stehen still, Millionen von Häusern finden keinen Käufer mehr – und der Auswanderer Guthmann immer weniger Aufträge. "Die ersten zwei Jahre nach dem Crash bin ich noch ganz gut mit meinen Stammkunden durchgekommen, aber dann musste ich mir ein zweites Standbein suchen", erzählt er. "Ich hatte noch gute Kontakte nach Schambach und in die Region. Seither pendle ich, bin viereinhalb Monate im Jahr in Deutschland, den Rest in Spanien." Oft gehe das wochenweise, mal mit dem Flugzeug, meist mit dem Auto – und manchmal recht kurzfristig, wenn es auf einer Baustelle "brennt".

Eine "Rückkehr" war dies für Guthmann aber nicht. "Ich hatte nach den ersten Jahren in Spanien schon gemerkt, dass sich Deutschland in meinem Leben immer weiter entfernt", erinnert er sich. "Beim Metzger habe ich zum Beispiel plötzlich nach dem deutschen Wort für Wurst gesucht." Heute genieße er das "Leben in zwei Welten", empfinde es als Luxus.

Das Beste zweier Mentalitäten

Am Süden gefällt Guthmann "das entspannte Lebensgefühl", bei dem nicht alles strikt nach der Uhr gehe und immer mal Zeit für eine Pause und einen Kaffee sei. "Die Spanier nennen die Deutschen ,Quadratschädelʻ, weil sie nur leben, um zu arbeiten", sagt er. "Hier hat Genuss einen höheren Stellenwert. Niemand käme auf die Idee, sich eine Küche für 50 000 Euro zu kaufen und dort dann Fleisch für 2,95 Euro pro Kilo zuzubereiten." Andererseits habe auch die deutsche Ernsthaftigkeit ihre Berechtigung. "Ich habe immer versucht, einen Mittelweg zu finden", erklärt Guthmann: "Nicht alles so ernst sehen, aber auch nicht zu locker."

Von seiner Partnerin ist Guthmann inzwischen getrennt und seit zwei Jahren neu liiert, beide bewohnen und verwalten aber noch dasselbe Mehrparteienhaus. Die Stiefsöhne leben wieder in Deutschland. "Letztlich bin ich froh über die Immobilienkrise", blickt der 49-Jährige zurück. "Heute komme ich wieder mehr zum Surfen und Mountainbiken – das brauche ich, damit es mir gut geht. Als 2009 das Telefon ruhiger wurde, habe ich die Arbeitszeit und die Fixkosten reduziert und gemerkt, dass das genauso geht." Als Handwerker müsse man ohnehin "20 Jahre Gas geben und dann einen anderen Rhythmus finden, sonst hat man später nichts mehr von der Rente".

Wie ernst es Rainer Guthmann mit dem neuen Rhythmus ist, zeigt eine kuriose Entscheidung, die er vor einigen Jahren traf: Er klemmte die Hupe seines Autos ab. "Ich hatte mich dabei ertappt, dass ich viel zu viel gehupt habe", erzählt er. "Das ist totaler Blödsinn, weil es einen nur selbst stresst." Drei Jahre lang schloss er das Gerät nur ans Auto an, wenn er zum TÜV musste, und versuchte es im Verkehr mit Geduld und Humor. Die Hupe funktioniert heute zwar wieder, die Gelassenheit hat sich der Ex-Schambacher aber bewahrt.

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