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Pendlerzüge sind mindestens einmal die Woche zu spät

Treuchtlingens Berufspendler klagen, dass die Bahn seit Juli deutlich unzuverlässiger fährt - 04.09.2020 06:04 Uhr

Ein Regionalexpress im Treuchtlinger Bahnhof – in acht Minuten soll es weitergehen, wie Anzeige und Uhr versprechen. Im Nahverkehr sind die Pünktlichkeitswerte der Bahn laut Statistik gut, im Fernverkehr weniger. Das bekommen Pendler zu spüren.

© TK-Archiv, Patrick Shaw


"Pünktlich wie die Eisenbahn" lautet eine Redewendung. Während die Deutsche Bahn damit auch wirbt und beispielsweise für Juli dieses Jahres Pünktlichkeitswerte von 96 und 99 Prozent (Toleranz 5 beziehungsweise 15 Minuten) im Nahverkehr sowie 82 und 93 Prozent im Fernverkehr angibt, haben Berufspendler oft einen anderen Eindruck. Was Bernhard Reil und Michael Glas von der bahnpolitisch aktiven Treuchtlinger Pendlergruppe allein in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, ist ebenso ärgerlich wie teils unfreiwillig komisch.

Reils Protokoll einer Fahrt mit dem ICE am 27. Juli von München nach Treuchtlingen (stark gekürzt):

Abfahrt um 17.05 Uhr. Bereits nach 30 Metern der erste Stopp wegen einer Signalstörung, dann langsame Weiterfahrt. Kurz vor Ingolstadt geht beim Toilettengang das Licht aus. Das Fahrgeräusch klingt nach einem Tunnel, der in Richtung Treuchtlingen nicht vorkommen dürfte. Ist der Zug falsch abgebogen? Beim Verlassen des WC Vollbremsung. Die Antwort kommt prompt: "Wir stehen nördlich vom Audi-Werk, drei Kilometer auf dem falschen Gleis."

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Nach einer Viertelstunde Beratung die Entscheidung: Weiterfahrt nach Nürnberg statt Treuchtlingen. Erneuter Stopp in Kinding, diverse Züge werden vorbeigelassen. Dann Probleme beim Neustart des Triebkopfes. Während der Dreiviertelstunde Stehzeit kaum Informationen über Lage und Anschlussmöglichkeiten. Weiterfahrt ohne Strom in den Abteilen: Wer gerade auf den Beinen ist, muss stehen bleiben oder sich im Dunkeln setzen – hoffentlich nicht auf einen schon besetzten Platz. 19.30 Uhr Ankunft in Nürnberg. Der Zug nach Treuchtlingen hat weitere zehn Minuten Verspätung wegen eines "Defekts am Wagen". Ankunft um 20.30 Uhr – nach fast dreieinhalb statt knapp eineinhalb Stunden Reisezeit.

"Schon arbeitsplatzgefährdend"

Die "Horrorfahrt" vom 27. Juli ist das Extrem, aber beileibe nicht die einzige erhebliche Verzögerung, die den Pendlern in den vergangenen Wochen das Leben schwer gemacht hat. Achtmal kam Reil im Juli und August mindestens eine Stunde zu spät zur Arbeit oder nach Hause, etliche weitere Male zwischen 15 und 45 Minuten. Erst am Mittwochabend sorgte eine Oberleitungsstörung zwischen Solnhofen und Ingolstadt erneut für Wartezeiten. "So massiv war das noch nie", meint Reil. Während des Corona-Lockdowns sei die Bahn sogar ausnehmend pünktlich gewesen, danach sei dies aber ins Gegenteil umgeschlagen. "Das ist schon arbeitsplatzgefährdend", schüttelt Michael Glas den Kopf. "Meine Kollegen sagen schon gar nichts mehr oder meinen nur: Jaja, die Bahn – oder hast Du wieder verschlafen?"

Teils resultieren die Verspätungen aus den derzeit sehr vielen Baustellen im Netz. Das räumt auch die Bahn ein und schreibt auf ihrer Internetseite: "Im Ferienmonat Juli haben wir ein absolutes Bau-Hoch erreicht." Trotz der Rekordanzahl von über 900 Baustellen pro Tag liege die Pünktlichkeit der Fernverkehrszüge aber 1,2 Prozentpunkte über dem Wert des Vormonats und sogar 9 Prozentpunkte höher als im Juli 2019.

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"Unser eigenes Erleben ist da teils krass abweichend", halten Reil und Glas dem entgegen. Nur subjektives Empfinden? Zum einen sind die beiden keine Gelegenheitsfahrer, sondern als Berufspendler seit vielen Jahren täglich auf der Strecke unterwegs und nicht kleinlich. Zum anderen hat sich die Treuchtlinger Pendlergruppe die Mühe gemacht, von September 2018 bis Januar 2020 einmal sämtliche von ihren Mitgliedern erlebten Verspätungen minutiös aufzulisten. Das Ergebnis: 155 Fälle mit insgesamt 3129 Minuten oder rund 52 Zugstunden Verspätung – bei gerade einmal einem knappen Dutzend Reisenden sowie ausschließlich in den morgendlichen und abendlichen Berufsverkehrszügen zwischen Treuchtlingen und München.

Verrückt sind gelegentlich auch die Begründungen, die die genervten Reisenden zu hören bekommen. So erinnert sich Michael Glas an die Durchsage "Spielende Kinder im Gleis", während seinem stehenden Zug zur selben Zeit in Gegenrichtung drei ICEs mit hoher Geschwindigkeit entgegenkamen. Oder an einen plötzlichen Stopp auf freier Strecke, den ein Mitreisender lapidar mit "Wir warten noch auf Anschlussreisende" kommentierte.

Zu geringe Entschädigung

Die Entschädigung für solche Ärgernisse ist gering. Während die Bahn Einzelfahrkarten bei einer Verspätung von über einer Stunde komplett erstattet, haben Reil und Glas mit ihren Jahreskarten das Nachsehen. Die kosten für die Strecke Treuchtlingen-München zwar knapp 3000 Euro, umgerechnet auf eine einzelne Fahrt erhalten die Pendler aber nur eine Erstattung von fünf Euro – selbst bei stundenlangen Verspätungen. Auch das ärgert Reil, schließlich gehe es nicht nur um den Fahrtpreis, sondern auch um die Arbeitszeit. Wäre er beispielsweise kein Angestellter, sondern ein selbstständiger Handwerker, komme da schnell ein Verdienstausfall von mehr als 100 Euro pro Stunde zusammen.

Auf seine schriftliche Beschwerde bei BahnComfort hat Reil aktuell noch keine Antwort. Aber auch politisch wollen die Pendler Druck machen, denn unzuverlässige Verbindungen schaden auch dem Potenzial Treuchtlingens als Wohnort. Als letzte der vier Stadtratsfraktionen hat dazu die TBL die Gruppe für eine der nächsten Wochen zum Gespräch eingeladen.

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