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Raser und Co in Treuchtlingen: Jetzt gibt’s Knöllchen

Temposünder und Dauerparker: Stadt führt kommunales Verkehrs- und Parkmanagement ein - 25.02.2019 06:04 Uhr

Tempo 20 und maximal zwei Stunden Parken auf gekennzeichneten Flächen heißt es seit der Umgestaltung in der Treuchtlinger Bahnhofstraße. Wie viele Autofahrer sich daran halten, steht auf einem anderen Blatt... © Patrick Shaw


In der Bahnhofstraße gilt seit kurzem Tempo 20. Allein während der zehn Minuten, in der unsere Zeitung dort Fotos macht, düst jedoch ein halbes Dutzend Autos mit 50 und mehr Kilometern pro Stunde im Zickzackkurs zwischen den Pflanzkübeln durch. An der Bushaltestelle in der Ansbacher Straße umfahren Verkehrsteilnehmer ungerührt auf der Gegenspur die Verkehrsinsel. Der Zebrastreifen in der Hauptstraße: für manche Autofahrer unsichtbar. Die abgesenkte Gehwegkante vor der Bäckerei Schmidt: zugeparkt und für Rollstuhlfahrer unpassierbar. Und die Einbahnregelung in der Fischergasse interessiert auch kaum jemanden.

Das sind nur einige Beispiele, die vor allem Fußgängern und Anwohnern gehörig gegen den Strich gehen und die auch zu Unfällen führen – teils mit Verletzten. Eher ein Ärgernis als eine Gefahr sind zudem die zahlreichen Dauerparker in der Stadtmitte, wo die Parkzeit vielerorts begrenzt ist. Nicht selten sind es die Mitarbeiter genau jener Läden, Büros und Betriebe, für deren Kunden die Kurzzeitparkplätze eigentlich geschaffen wurden.

Auch der Fußgängerüberweg in der Treuchtlinger Hauptstraße ist immer wieder Schauplatz von rücksichtslosem Verhalten im Verkehr. © Patrick Shaw


Die Treuchtlinger Polizei hat durchaus ein Auge für solche Verstöße, kann aber mit ihrer kleinen Mannschaft und angesichts der großen Fläche der Kommune samt ihrer vielen Ortsteile nicht überall sein. Sie konzentriert sich auf Unfallschwerpunkte und hat noch andere Aufgaben. Überdies ist sie nicht allein dafür verantwortlich, dass die Autofahrer die Regeln einhalten.

„Für das Verkehrsmanagement innerorts und auf Gemeindestraßen außerorts ist die Kommune genauso zuständig wie die Polizei“, sagt Raimund Steckermeier, Leiter des Fachbereichs Verkehrssicherheit der Wach- und Schließgesellschaft Nürnberg. Sie wird die Zügel in Sachen Verkehrsregeln und Parkdisziplin in der Altmühlstadt nun etwas anziehen. Parkgebühren wird es laut Bürgermeister Werner Baum zwar weiterhin nicht geben. Wer falsch oder zu lange steht, wird aber öfter einmal 15 Euro berappen müssen – „eher als Erinnerung denn als Buße“, so Ste­ckermeier, dessen Firma dasselbe bereits in 115 weiteren Gemeinden umsetzt, darunter auch das benachbarte Weißenburg.

„Der Platz in den Innenstädten ist knapp, oft aber nur, weil das Parken unzureichend geregelt ist“, erklärt der Fachmann. „Ich habe mich mit Treuchtlinger Bürgern unterhalten, und die haben alle gesagt: Ja, da brauchen wir was!“ Die Wach- und Schließgesellschaft kontrolliere nicht nur stichprobenartig mit moderner Lasertechnik und digitaler Auswertung, sie berate die Stadt auch bei der Optimierung der Verkehrsführung und Beschilderung – wobei es in der Altmühlstadt bei letzterer „keinen allzu großen Handlungsbedarf gibt“.

Großzügige Verwarnungs-Grenzen

Die Messpunkte legt der Dienstleis­ter zusammen mit der Polizei fest und überprüft den nötigen Kontrolldruck regelmäßig. Im Fokus stehen zum einen Gefahrenstellen wie Bus­haltestellen, Zebrastreifen, Schulen und Kindergärten, aber auch Tempo-30-Zonen und „Straßen, in denen die Bewohner besonders durch Lärm und Abgas belästigt werden“. Die Daten gibt die Sicherheitsfirma dann an die Stadtverwaltung weiter, die diese im Ordnungsamt auswertet und die Verwarnungen ausstellt (Aufwand: etwa 40 Stunden im Monat). Die Grenzen sind dabei laut Steckermeier „sehr großzügig“: Bei Schrittgeschwindigkeit (10 km/h) gibt es ab Tempo 23 ein Knöllchen, in einer 30er-Zone ab Tempo 39 und im 50er-Bereich ab Tempo 59.

Insbesondere Raser sind dem Experten zufolge „ein hohes Risiko in der Innenstadt“. So habe es in Bayern im Jahr 2017 knapp 70.000 Verletzte und 608 Tote im Straßenverkehr gegeben. Fast ein Viertel der tödlichen Unfälle habe sich innerorts ereignet – deutlich mehr als auf den Autobahnen.

Das Bewusstsein, möglicherweise erwischt und zur Kasse gebeten zu werden, trägt laut Steckermeier indes „erheblich zur Sicherheit und zum Schutz der schwächsten Verkehrsteilnehmer bei“. Das belegt er mit Erfahrungswerten aus einer vergleichbar großen Kommune in Südbayern: Nach einem kurzen Anstieg während der „Lernphase“ seien die geahndeten Verstöße pro Kontrollpunkt binnen weniger Jahre von durchschnittlich 16 auf sieben pro Stunde zurückgegangen.

Überwachung überfällig oder übertrieben?

Schwer mit der Beauftragung der Sicherheitsfirma tat sich im Stadtrat insbesondere die CSU-TBL-Fraktion, deren zehn Mitglieder am Ende geschlossen gegen den Antrag stimmten. „Mir erscheint das Problem schwerer Unfälle in Treuchtlingen mit Blick auf den jährlichen Polizeibericht nicht so dramatisch“, zeigte sich unter anderem Kristina Becker mit Blick auf die noch nicht zu beziffernden Kosten des Verkehrs- und Parkraummanagements skeptisch. Es gehe aber auch um Vorbeugung, hielt ihr Raimund Steckermeier entgegen: „Wir müssen weder warten, bis es einen Verkehrstoten gibt, noch bis die Polizei Personal frei hat, um zu kontrollieren.“

Marco Satzinger, der als Ingenieur selbst oft mit der Verkehrsplanung zu tun hat, verwies auf die Schwächen der Statistik. So gehe das Durchschnittstempo in vielen Städten nicht wegen einer strengeren Überwachung zurück, sondern weil der Verkehr stark zugenommen habe. „Die Treuchtlinger Stadtmitte hat andere Probleme, als dass potenzielle Kunden keinen Parkplatz finden“, merkte er überdies mit einem Seitenhieb auf die Situation des Einzelhandels an. Und wegen der Dauerparker habe es schon Gespräche mit dem Gewerbeverein gegeben, ergänzte CSU-Fraktionschef Uwe Linss.

Bürgermeister Werner Baum entgegnete dem, dass es „keine Bürgerversammlung gibt, in der Parken und Verkehr keine Themen sind“. Die Stadt wolle den Bürgern nichts wegnehmen, sondern sie nur an ihre Pflichten erinnern. Allerdings gebe es in der Stadtmitte tatsächlich genug Parkplätze – genau 804 an der Zahl.

Für die UFWG-Fraktion sprach sich Klaus Fackler dafür aus, „das Thema anzugehen, eine Ist-Analyse zu erstellen und dann zu schauen, wie wir weitermachen“. Anders als die CSU habe er allerdings „eher die Sorge, dass wir durch die Überwachung zu viel als zu wenig einnehmen“. Kerstin Zischler (SPD) ergänzte, dass der Stadtrat „das Thema nicht von der Bestrafungsseite denken, sondern als Sicherheits- und Gestaltungsinstrument sehen sollte“. Im Zuge der Innenstadt-Umgestaltung sei dieser Schritt „nur folgerichtig“.


Der Kommentar

Wie sinnvoll sind kommunale Tempo- und Park-Sheriffs im kleinen Treuchtlingen? Um Raser auszubremsen und halbstarke PS-Protzer zur Räson zu rufen, ist eine solche Überwachung sicher kein Schaden. Immerhin geht es um die Gesundheit und schlimmstenfalls um Menschenleben. Gar nicht so sehr im Zentrum, sondern vor allem zwischen den Ortsteilen geht es bisweilen zu wie auf einer Rennstrecke.

Aber eine zusätzliche Parküberwachung, wo die Stadtmitte ohnehin nicht gerade durch Andrang glänzt? Das hinterlässt doch Fragezeichen – zumal es an Parkflächen wirklich nicht mangelt. Viele, die sich darüber beklagen, laufen in Nürnberg einen halben Kilometer vom Parkhaus in die Fußgängerzone, wollen daheim in Treuchtlingen aber vor der Ladentür parken. Und etliche Kritiker des generellen Verkehrsaufkommens in der Altmühlstadt haben vor Jahren beim Bürgerentscheid gegen die Nordumfahrung gestimmt. Da gälte es doch, die Kirche im Dorf und den Strafzettel im Zweifel eher einmal ste­cken zu lassen...

Patrick Shaw Redaktion Treuchtlinger Kurier E-Mail

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