Freitag, 26.02.2021

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Schwammspinner am Nagelberg: So geht es dem Wald jetzt

Revierförster spricht von einem "gestressten Wald" - Besitzer sind gefragt - 24.01.2021 06:03 Uhr

Der Buchenwald auf dem Treuchtlinger Nagelberg ist laut Revierförster Markus Bernholt grundsätzlich gar nicht so schlecht für den Klimawandel gewappnet. Der Schwammspinner hätte ihn aber erheblich schwächen können.
 

21.01.2021 © Foto: Markus Bernholt


Schwammspinner mögen es warm und trocken. Und ob man es beim aktuellen Wetter glauben mag oder nicht: In unseren Gefilden wandelt sich das Klima immer mehr in diese Richtung. So kam es auch, dass sich im vergangenen Frühjahr der Schwammspinner auf dem Treuchtlinger Nagelberg eingenistet hatte. Zuvor war dieser lediglich im trockenen Unterfranken ein Problem, wobei er mit Vorliebe auf Eichen nistete.

Auf dem Nagelberg befiel er hingegen die Buche, und diese ist deutlich weniger wehrhaft gegen den Befall. Mitte Mai wurde im vergangenen Jahr daher das Insektizid Mimic auf etwa 50 Hektar Privat- und städtischem Waldgrund versprüht.

Einige Monate später, im Herbst 2020, führte das Landesamt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) bayernweit Messungen durch, um sich der erfolgreichen Bekämpfung der Schmetterlingsraupen zu vergewissern.

Ein vermeidbarer Eingriff?

Konkret wurden im Weißenburger Stadtwald und in einem Pappenheimer Waldgebiet Pheromon-Fallen aufgestellt. Sie versprühen spezielle Duftstoffe, die etwaige Schwammspinner anlocken. Das Ergebnis: Die drei Jahre andauernde Massenvermehrung der Schwammspinner – die insbesondere im Gunzenhausener Raum zu einer echten Plage ausgeartet ist – scheint erfolgreich gestoppt worden zu sein. In einer Pressemitteilung gab das LWF nun für ganz Bayern Entwarnung.

Der Treuchtlinger Revierförster Markus Bernholt vergewisserte sich persönlich, ob das auch im Buchenwald auf dem Nagelberg der Fall ist. Dafür besuchte er die Orte, die ihm im Frühjahr 2020 aufgefallen waren, weil dort besonders viele Eigelege an den Bäumen klebten. Er fand allerdings keine neuen, noch geschlossenen Gelege, die ein Beweis für spätere neue Larven wären. 2021 scheint die Bedrohung durch den Schwammspinner demnach gebannt zu sein.

Im April 2020 fand Förster Markus Bernholt an zahlreichen Rotbuchen auf dem Treuchtlinger Nagelberg zwei und mehr Eigelege, in denen sich Schwammspinner entwickelten – eine Zahl, die bereits als bedenklich gilt.

21.01.2021 © Foto: Markus Bernholt


Der Bund Naturschutz hatte im vergangenen Jahr Kritik an der Verwendung des Insektizids Mimic geübt. Die Umweltschützer verwiesen dabei auf ein Beispiel aus dem Burgstallwald bei Gunzenhausen, in dem die Schwammspinner-Populationen ein Jahr zuvor ohne Zutun eines chemischen Mittels zusammengebrochen waren. Dort habe sich der Wald nach dem Kahlfraß wieder vollständig regeneriert, und das ohne Einmischung des Menschen.

Wald- oder Naturschutz?

Markus Bernholt streitet den Eingriff ins Ökosystem als solchen nicht ab, geht allerdings nicht von erheblichen Auswirkungen auf die Artenvielfalt aus – die auf dem Nagelberg sehr reich sei. In seinen Augen handelte es sich bei der Situation am Nagelberg um eine Güterabwägung zwischen Waldschutz und Naturschutz: Ob es nun „schlimmer“ sei, räumlich begrenzt ins Ökosystem einzugreifen oder die Gefahr eines Kahlfraßes durch den Schwammspinner in Kauf zu nehmen, lasse sich nachträglich schwer beurteilen.

Das Waldgebiet am Treuchtlinger Nagelberg besteht überwiegend aus Rotbuchen, die auf dem steinigen, flachgründigen Juraboden nicht allzu tief wurzeln. Viele von ihnen sind wegen der anhaltenden Trockenheit geschwächt. Ein Kahlfraß hätte für sie sowie für die Tierwelt, die ein üppiges Blätterdach gewohnt ist, erhebliche Beeinträchtigungen mit sich gebracht. Zudem verweist der Förster darauf, dass nun auch die damals kahlgefressenen Eichen im Burgstallwald langfristig geschwächt seien – und daher für Sekundärschädlinge umso anfälliger.

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2018 hatte Gunzenhausen und vor allem der Burgstallwald zum ersten Mal mit dem Schwammspinner zu tun. Bis zu 1000 Eier legt ein Schmetterlingsweibchen. Dementsprechend viele Raupen fressen sich gerade durch den Burgstallwald, der mittlerweile nahezu kahl ist. Auch die Anwohner, das Freibad und die Seenlandklinik Lindenhof kämpfen mit der Plage.


Obwohl der Schwammspinner nun erfolgreich bekämpft wurde, möchte Bernholt noch keine Entwarnung geben. Denn der Wald im Gebiet der Stadt Treuchtlingen habe – so wie auch deutschland- und europaweit – drei anstrengende, regenarme Jahre hinter sich. Der Niederschlag der nächsten Wochen und Monate werde deshalb auch in diesem Jahr wieder entscheidend für das gesunde Wachstum der Bäume sein. Durch die anhaltende Trockenheit seien diese angeschlagen und damit grundsätzlich anfälliger für den Befall durch Pilze, Käfer und andere Organismen.

Der Wald muss verjüngt werden

Der Revierförster appelliert daher an alle Waldbesitzer und Jäger, langfristig zu planen und an der aktiven Verjüngung des Walds mitzuwirken. Das Ziel solle ein gemischter Wald sein, da dieser deutlich unempfindlicher ist. Hierzu solle zunächst einmal die Jagd funktionieren, damit junge Bäume die Chance haben, auszutreiben und zu wachsen.


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„Waldbesitzer sollten künftig nicht mehr bloß auf Fichte und Kiefer setzen“, ergänzt Bernholt. Stattdessen empfiehlt er, sogenannte heimische Exoten wie Elsbeere oder Speierling dazwischen zu setzen. Der Baumwuchs sollte außerdem mit gezielten Pflegeeingriffen gesteuert werden: Schwächere Bäume oder solche, die den Wuchs von widerstandsfähigeren Bäumen behindern, sollten beispielsweise weichen.

Grundsätzlich, betont der Förster, seien Buchen nicht ungeeignet, um in Zeiten des Klimawandels zu bestehen, denn „die junge Buche trägt eine genetische Vielfalt in sich, die sie anpassungsfähig macht“. Wenn man die Struktur rund um diese Baumart verändert, habe der bewaldete Nagelberg gute Chancen, sich an die veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen.

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