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Symptom oder Chance: Braucht Treuchtlingen mehr Pendler?

Mit umfangreichen Daten wollen Bernhard Reil und Michael Glas politische Entscheidungen unterfüttern - 18.09.2020 06:04 Uhr

Mit dem Fahrrad zum Bahnhof und mit dem Zug zur Arbeit beziehungsweise mit dem Zug nach Treuchtlingen und dann mit Rad oder Elektroroller zu Sehenswürdigkeiten und Therme – so würden sich viele die Mobilität der Zukunft wünschen.

© TK-Archiv / Patrick Shaw


Schon im Wahlkampf im Frühjahr hatten Reil und Glas, die auch ansonsten bahnpolitisch äußerst aktiv sind, deshalb fast allen Stadtratsparteien einen Besuch abgestattet und hunderte Seiten an Daten mitgebracht. Die TBL war Corona-bedingt erst jetzt an der Reihe – und unsere Zeitung stellvertretend für die gesamte Tour mit dabei.

Der Deutschlandtakt wird Reil zufolge "dafür sorgen, dass Treuchtlingen jede Stunde in beide Richtungen einen ICE-Halt bekommt". Aktuell gibt es täglich zwölf Verbindungen, spätabends fahren nur noch Regionalzüge. Nach der Taktänderungen sollen es 38 ICEs am Tag sein, die morgens ab etwa 5 Uhr und abends bis 23 Uhr verkehren. Die Einführung des European Train Control Systems (ETS) werde zudem auch bei Verspätungen und Zugausfällen eine viel engere Taktung ermöglichen. Den Anfang soll 2023/24 die Strecke Hamburg-Fulda machen, danach könnte laut Reil im Zuge der Testphase auch schon Nürnberg-Treuchtlingen-München nachziehen.

Viel verdienen, günstig wohnen

Wichtig sind die schnellen Fernverbindungen insbesondere für Pendler. "Pendeln ist fürs Steueraufkommen im Landkreis und in Treuchtlingen sehr interessant", sagt Reil. Auspendler würden auf dem Land signifikant mehr verdienen als ihre Mitbürger, die zum Arbeiten vor Ort bleiben. Um in Nürnberg, Ingolstadt, Augsburg oder gar München zu wohnen, reiche es aber trotzdem selten, wie die Pendlergruppe mit ihren Zahlen verdeutlicht. Mieten im Münchner Speckgürtel von durchschnittlich 21 Euro (Treuchtlingen: knapp 7 Euro) und Kaufpreise von bis zu 20.000 Euro pro Quadratmeter sprechen eine deutliche Sprache.

Dazu kommt die Kaufkraftdifferenz: 1000 Euro Lohn oder Rente sind nach Reils und Glas’ Recherchen in München wegen der hohen Lebenshaltungskosten nur 767 Euro "wert", in Treuchtlingen dagegen 1056 Euro. Andererseits verdienen Arbeitnehmer in Altmühlfranken unter dem Strich nur 76 Prozent des bundesweiten Durchschnittslohns, während sie in München 117 Prozent bekommen. Wer pendelt, kann sich also potenziell etwa ein Drittel mehr leisten als "ortstreue" Arbeitnehmer.

Mehr Einkommens- statt Gewerbesteuer

"Wenn Treuchtlingen als Bahnschnittstelle für den Landkreis so gut angebunden wird, sollte man für die Stadtentwicklung daran denken, die Pendler, die sich das Leben in den großen Ballungszentren nicht mehr leisten können, raus aufs Land zu ziehen", rät Reil deshalb. Denn für die Altmühlstadt gebe es nur zwei Möglichkeiten, ihr geringes Steueraufkommen nachhaltig zu steigern: "Mehr Gewerbeansiedlungen, was man jahrzehntelang erfolglos versucht hat, oder mehr Pendler für die Einkommenssteuer."

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Schon jetzt ist der Anteil der Stadt an Einkommens- und Umsatzsteuer mit rund 6,6 Millionen Euro im Jahr (Stand 2018) höher als die in den vergangenen acht Jahren zwischen 2,7 und 6,5 Millionen Euro schwankenden Einnahmen aus der Gewerbesteuer. Ein weiterer Aspekt, der Treuchtlingen als Wohnort mit guter Bahnanbindung zugute kommen könnte, ist der Schub, den Homeoffice-Modelle durch Corona erhalten haben.

Derzeit arbeiten laut "Pendleratlas" der Bundesagentur für Arbeit rund 13 500 der gut 39 500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Wohnsitz in Weißenburg-Gunzenhausen außerhalb des Landkreises, etwa 7000 pendeln ein. "Das heißt, mehr als die Hälfte der Einwohner pendelt über die Landkreisgrenze", betont Bernhard Reil. Gerade für die Fahrt nach Roth oder Eichstätt, aber auch nach Nürnberg oder Ansbach sei es zunehmend "interessant, über den Zug nachzudenken". Zusätzlich verstärkt werde die Tendenz durch den neuen Audi-Bahnhof in Ingolstadt und die geplante Bahnanbindung von Airbus in Donauswörth.

Zahlen müssen konkreter werden

Für die Zuhörer bei der TBL stellte sich angesichts der Zahlen allerdings die Gretchenfrage: Wie viele der (aktuellen und künftigen) Pendler aus Treuchtlingen fahren tatsächlich mit dem Zug und lassen das Auto stehen, sodass sich zum Beispiel ein Parkhaus am Bahnhof lohnen würde? Etwa ein Viertel bis ein Drittel, meint Reil aus Erfahrung, räumt aber ein, dass man diese Zahlen für die Stadt noch im Detail erheben müsse.

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Er plädiere jedoch dafür, nicht nur an die Pendler zu denken, sondern auch an Touristen, Thermalbadbesucher und an den Effekt des Deutschlandtaktes. "Da wäre mittel- bis langfristig wahrscheinlich doch ein Parkhaus sinnvoll, auch wenn wir das nicht übers Knie brechen sollten", so Reil. Derzeit seien zwar "Parkmöglichkeiten gegeben, sie könnten aber besser sein". Wichtig wäre es den TBL-Mitgliedern zufolge außerdem, gleichzeitig den Nahverkehr zu den Ortsteilen zu stärken, "damit nicht alle mit dem Auto zum Bahnhof fahren und die Innenstadt verstopfen". Für Urlauber wären Angebote in Richtung Mietautos, Leihfahrräder oder Elektroroller sinnvoll.

Was sollte die Treuchtlinger Stadtpolitik nun nach Ansicht der beiden Pendlervertreter tun, um den richtigen Weg einzuschlagen? "Gut wäre es, wenn Treuchtlingen in die Testphase reinkäme und den Deutschlandtakt nicht erst 2030 bekommt", meint Michael Glas.

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