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Treuchtlingen: Die Eisenbahn fährt seit 1935 elektrisch

In den Weltkriegen fanden in Treuchtlingen auch Truppentransporte statt - 11.09.2019 05:54 Uhr

Ab dem 10. Mai 1935 sind die Züge zwischen Nürnberg und Treuchtlingen elektrisch unterwegs. Die Lok der Baureihe E 04 wurde aus diesem Anlass von den Nationalsozialisten geschmückt. Im Hintergrund ist das Unterwerk Grönhart zu sehen. Das Foto wurde uns von der Eisenbahnstiftung zur Verfügung gestellt. © Foto: Eisenbahnstiftung/RVM


Die Eisenbahn spielte eine wichtige Rolle für den Transport von Soldaten und Material an die Kriegsschauplätze. Davon waren auch die etwa 500 Beamten, Angestellten und Arbeiter betroffen, die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 in Treuchtlingen tätig waren. Die Bahnerer mussten an die Front, weshalb Frauen den Dienst bei der Bahn in der Altmühlstadt antraten, heißt es im Heimatbuch.

Der Betrieb verlief relativ ungestört, und bereits im vorletzten Kriegsjahr gab es sogar Überlegungen, Treuchtlingen zur Hafenstadt zu machen. Denn das Kaiserreich hatte geplant, den neuen Rhein-Main-Donau-Kanal an Treuchtlingen vorbeizuführen und dort eine Lände zu bauen. Eine entsprechende Kanalbauinspektion wurde 1917 eingerichtet, war mehrere Jahre tätig und plante eine Wasserstraße, die parallel zur Eisenbahnstrecke Nürnberg-Treuchtlingen verlaufen sollte.

Bis Dollnstein wäre die Altmühl ausgebaut worden, von dort wäre es dann gerade Richtung Süden zur Donau bei Neuburg gegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entschied man sich schließlich für die aktuelle Trasse des "Europakanals" durch den Landkreis Roth.

Bahn über den Hahnenkamm

Zurück zur Eisenbahn: Nach Kriegsende sollte das Netz weiter ausgebaut werden, das bayerische Netz sollte mit dem württembergischen verbunden werden. 1920 tauchten Pläne für eine Strecke von Ellwangen über Dinkelsbühl, Wassertrüdingen, Heidenheim und Windischhausen nach Treuchtlingen auf, diese verschwanden allerdings wieder in der Schublade. Gleiches gilt für die Lokalbahn Nennslingen-Treuchtlingen, die 1927 beerdigt wurde.

Die Vierzehn-Nothelfer-Kapelle hinter dem Treuchtlinger Stellwerk vor der Erweiterung des Rangierbahnhofs. Sie wurde im Mai 1934 abgerissen. © Foto: J. Lindner/Heimatbuch Treuchtlingen


Neue Strecken sollten seit der Eröffnung der Trasse nach Donauwörth 1906 nicht hinzukommen, dennoch wurde das Bahngelände in Treuchtlingen ausgebaut. Ab 1934 wurden aus den bislang 15 Gleisen 27, die vor allem für Rangierfahrten und den Güterverkehr genutzt wurden. Die Erweiterung machte dabei auch nicht vor alten Gebäuden Halt: Die am Rand des Bahngeländes gelegene Vierzehn-Nothelfer-Kapelle, die letzte vorreformatorische Wallfahrtskirche der Gegend, wurde nach langwierigen Verhandlungen und einem Abschiedsgottesdienst im Mai 1934 abgebrochen.

Kein Mittel gegen die "Monokultur"

Damals lebten laut Heimatbuch 4405 Einwohner im Ort, mehr als die Hälfte der Familien war von der Eisenbahn abhängig. Die Stadtoberen wollten gegen diese "Monokultur" vorgehen und versuchten, neue Unternehmen anzusiedeln, was aber nicht gelang, da keine großen Straßen am Ort vorbeiführten. Die Industrie dagegen wollte Grundstücke mit Gleisanschluss, was jedoch die Bahn ablehnte. Zudem musste die Reichsbahn in diesen Jahren sparen.

Grund dafür war vielleicht eine neue Technologie, die auch in Treuchtlingen Einzug hielt: Am 10. Mai 1935 wurde der elektrische Betrieb auf der Strecke Nürnberg-Treuchtlingen-Donauwörth eingeführt, an der mit Grönhart, Treuchtlingen, Möhren und Gundelsheim gleich vier Bahnhöfe im heutigen Stadtgebiet lagen. Eine maßgebliche Schnittstelle für den elektrischen Betrieb war das neue Unterwerk, das in der Nähe von Grönhart gebaut wurde und heute zusehends verfällt. Der Standort soll vom Militär bewusst außerhalb Treuchtlingens gewählt worden sein, wahrscheinlich, um das Unterwerk im Kriegsfall nicht zu gefährden.

Zunächst gab es elektrische Bahnstrecken vor allem an Orten, wo auch Strom erzeugt werden konnte – Wasserkraft im bergigen Südbayern, Kohlestrom in den Revieren in Mitteldeutschland. Um die Elektrizität auch ins weite Land zu bringen, mussten Stromleitungen gebaut werden. Im Unterwerk wurde dieser Strom aus der Ferne in die richtige Spannung für die Lokomotiven umgewandelt (von 110 auf 15 Kilovolt) und ins Bahnstromnetz eingespeist – bis Donauwörth und Nürnberg. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Bau der Strommasten vorangetrieben, diente dies doch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Viele der über 80 Jahre alten Masten wurden übrigens erst im vergangenen Jahr ausgetauscht.

Schneller und mit weniger Personal

Für die Elektrifizierung waren noch zahlreiche Anpassungen an den Bahnhöfen, aber auch an Brücken nötig. Zudem wurde eine neue Leit- und Sicherungstechnik eingeführt, denn die Elektroloks waren mit bis zu 150 Kilometern pro Stunde schneller als die herkömmlichen Dampfloks der Baureihe 01, die Tempo 130 schafften. Zu Beginn waren drei Loks der Baureihen E 32 und E 44 in Treuchtlingen beheimatet. Die Zugfahrt von der Altmühlstadt nach Nürnberg dauerte damals zwischen 44 (ohne Halt), 51 (mit Halt in Weißenburg, Roth und Schwabach) und 96 Minuten (mit Halt an damals 17 Unterwegsbahnhöfen).

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Im Herbst 1869 fuhr der erste Zug von Treuchtlingen über Weißenburg nach Pleinfeld. Bau und Eröffnung der Strecke waren insbesondere für das kleine Treuchtlingen ein Meilenstein, der die nächsten 100 Jahre Stadtgeschichte prägen sollte.


Die neue Technologie hatte aus damaliger Sicht aber auch ihre Schattenseiten: Denn durch die Elektrifizierung fiel die aufwendige Wartung der Dampfloks weg. Arbeitskräfte wurden entlassen, denn die neuen E-Loks brauchten nicht nur kein Wasser und keine Kohle, sondern auch weniger Personal. Diese Umstellung gab nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich auch dem Treuchtlinger Bahnbetriebswerk den Gnadenstoß.

Bomben zerstörten die Anlagen

Wie viele Menschen während des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1945 und in der Zeit davor am Bahnhof tätig waren, ist nicht überliefert. Fast sämtliche Unterlagen wurden bei den Bombenangriffen auf den Bahnhof vernichtet. Am 23. Februar 1945 gingen an die 130 US-amerikanische Fliegerbomben auf das Gelände nieder. Die Gleise wurden schwer beschädigt, die Oberleitungen heruntergerissen, Eisenmasten abgeknickt und auch Signale und Weichen zerstört. Kurz vor dem Angriff stand noch ein beladener Munitionszug mit 30 Waggons im Bahnhof, der diesen kurz vor dem Bombenregen aber noch verlassen konnte.

Viel schlimmer war das menschliche Leid, dass die Stadt an diesem Tag ereilte. In der Bahnhofs-Unterführung kamen mehr als 300 Durchreisende ums Leben, viele davon Soldaten. Auch die Straßenunterführung neben dem Bahnhof stürzte ein. Die Bahnmeisterei, das Stellwerk und die Hauptbetriebsgebäude wurden fast vollkommen zerstört. Kriegsgefangene, Arbeitsdienst, Wehrmacht und Volkssturm versuchten, die Anlagen wieder zu reparieren, wurden jedoch oft vom Fliegeralarm unterbrochen.

Am 11. April fielen erneut Bomben auf die Stadt, zerstörten den Bahnhof fast vollständig und legten den Betrieb lahm. Am 24. April 1945 war der Zweite Weltkrieg in Treuchtlingen mit dem Einrücken der Amerikaner zu Ende. Deren Spezialeinheiten begannen sofort damit, die Bahnanlagen wieder herzurichten. So wurde der Schienenverkehr ab Anfang Mai 1945 für Truppen- und Materialtransporte wieder aufgenommen. 

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