Montag, 19.04.2021

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Treuchtlingen: Elfjährige spendet Haare für Krebspatienten

Aus den blonden Haaren werden Perücken hergestellt - 07.09.2020 05:57 Uhr

Schnipp, schnapp, Haare ab: Zweieinhalb Jahre hat Carolina ihre lange blonde Mähne wachsen lassen, jetzt kürzt Friseur Max Böhm sie binnen Sekunden auf etwa die Hälfte.

04.09.2020 © Foto: Patrick Shaw


Sichtlich aufgeregt sitzt Carolina auf dem Friseurstuhl im Salon von Max Böhm in der Treuchtlinger Kanalstraße. Nach zweieinhalb Jahren kommt ihre lange blonde Mähne runter. Nicht dass die Elfjährige um die Haarpracht trauern würde. "Gottseidank", sagt sie, "das war so warm im Sommer, und das Fönen hat immer ewig gedauert". Trotzdem hat die junge Weißenburgerin durchgehalten, denn es war für einen guten Zweck: Heute spendet sie ihre Haare, damit daraus eine Perücke für andere Kinder wird, denen die Haare ausgefallen sind, weil sie eine Erbkrankheit oder Krebs haben.

Auf die Idee ist Carolina zusammen mit ihrer Mutter Silvia Hüttinger gekommen, nachdem ihr Onkel und die Mutter eines Freundes an Krebs erkrankt waren. Im Internet unter haare-spenden.de fanden sie eine Perücken-Manufaktur, die die Weiterverarbeitung übernimmt und je nach Länge der eingesandte Haare Spenden an die Deutsche Krebshilfe, die Kinderkrebshilfe und die Stiftung "It’s for kids" abführt. Außerdem erhalten Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die krankheitsbedingt keine eigenen Haare haben, ihre Perücke dort zuzahlungsfrei.

Anders als eine Organ- oder Stammzellenspende sei eine Haarspende ganz einfach, dachten Carolina und Silvia Hüttinger anfangs. Eigentlich. Denn wie sich herausstellte, gibt es nur wenige Friseure, die diesen Service anbieten und auch seriös sind. "Europäische Haare sind begehrt, vor allem für die beliebten Extensions", weiß Max Böhm. "Dafür bekommt man schon ein paar Euro."

Spender kommen von weither

Genau das wollten die Weißenburger Familie jedoch nicht – und war umso erstaunter, als sie auf der Internetseite von haare-spenden.de als einzigen Kooperationspartner zwischen Nürnberg und München den Friseursalon von Max Böhm im benachbarten Treuchtlingen entdeckten. "Ich bin seit etwa einem Jahr dort registriert", erklärt dieser. "Darauf aufmerksam geworden bin ich durch eine Kundin." Seither wachse das Interesse beständig, manch einer nehme Anfahrten von über einer Stunden in Kauf. "Manchmal sage ich Kunden auch, komm, lass uns gleich genug wegschneiden, damit es für eine Spende reicht", so Böhm.

Länger als erwartet: Gut 30 Zentimeter misst das Haarbüschel, das Carolina als Spende im Salon in der Treuchtlinger Kanalstraße lässt.

04.09.2020 © Foto: Patrick Shaw


Dessen Schere arbeitet sich unterdessen langsam durch Carolinas dicken Pferdeschwanz. Ihre achtjährige Schwester Johanna schaut interessiert zu – sie möchte ihre Haare ebenfalls spenden, muss dafür aber noch etwas warten. "Es braucht etwa drei Jahre, bis sie lang genug sind", erklärt Böhm. "Haare wachsen etwa 15 Zentimeter im Jahr, aber man muss dazwischen immer wieder die Spitzen schneiden."

Carolinas Büschel ist am Ende gut 30 Zentimeter lang – fünf Zentimeter mehr, als für die Herstellung einer Perücke aus vier bis fünf solchen Spenden mindestens nötig sind. "Wow, ist das jetzt leicht", ist die Elfjährige erstaunt über ihr neues "Kopfgefühl". Die langen Haare habe sie wirklich nur wegen des guten Zwecks getragen, nun möchte sie einen aktuellen "Midi-Schnitt". "Die Mode bei den Mädels ist derzeit eher wieder kürzer", bestätigt Max Böhm. Zum Spendenaufkommen trage das durchaus etwas bei.

Und auch Carolina und Johanna wollen es nicht bei dem einen Mal belassen und überlegen schon, wie sie ihre Freundinnen "bearbeiten" könnten, mit ihren Haaren ebenfalls Gutes zu tun. Den Zeitungsartikel über ihren besonderen Friseurbesuch will Carolina auf jeden Fall morgen am ersten Schultag gleich mit in die Schule nehmen. So erklärt es sich leichter, warum sie sich von ihren langen Haaren getrennt hat.

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