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Treuchtlingen: Historisches Pfleghaus wird Plattencafé

Friedrich Kugler hat das „Kreutzer-Haus“ saniert und bringt Musik in die 400 Jahre alten Räume - 23.02.2019 06:04 Uhr

Gelungene Symbiose aus alter Substanz und moderner Zurückhaltung: Ins traditionsreiche „Kreutzer-Haus“ in der Treuchtlinger Hauptstraße 39 zieht mit einem Plattengeschäft samt Musikcafé neues Leben ein. © Patrick Shaw


Schon als Friedrich Kugler das im Volksmund als „Kreutzer-Haus“ bekannte Gebäude vor zwei Jahren kaufte, war er fasziniert von den alten Balkendecken, den Bruchsteinmauern und dem noch sichtbaren Stroh im Oberputz. Die  teils noch aus dem 17. Jahrhundert stammende Bausubstanz bedeutete freilich viel Arbeit – stets zusammen mit der Denkmalschutzbehörde. Für die Gaststättenerlaubnis mussten Brandschutzdecken und -fenster eingezogen werden, die Toiletten wurden barrierefrei, die einstigen Schaufens­ter zurückgebaut, und der Dachstuhl brauchte eine statische Überholung.

Das „Pfleghaus“ oder „Kreutzer-Haus“ im Wandel der Zeit: hier um das Jahr 1900, noch mit Dachgaube, Bewuchs und Aufschrift „Dampffärberei, chem. Reinigungsanstalt & Waarenhandlung von Karl Kreutzer“. © privat / Repro: TK


„Wir haben versucht, den alten Charakter zu erhalten“, erklärt Kugler. Vor allem von außen ist das so gut gelungen, dass die Treuchtlinger Bürger dem Haus in den vergangenen Monaten schon alle möglichen neuen Nutzungen angedichtet haben. „Von der Arztpraxis über eine Kita bis hin zum Seniorenwohnen war alles dabei“, lacht Kugler. Auf einen Plattenladen sei aber keiner gekommen – kein Wunder bei der ehrwürdigen Vergangenheit des Gebäudes.

Als „Pfleghaus“ war das um 1604 erbaute Walmdachhaus bis 1647 Wohn- und Amtssitz des Pappenheim-Treuchtlingischen Pflegers. So nannte sich der Vogt, der für die Verwaltung und Verteidigung der Burg verantwortlich war. Graf Georg I. von Pappenheim, Gründer der Treuchtlinger Linie der „Pappenheimer“, hatte den Markt bereits 1447/53 von den Se­ckendorffern zurückgekauft.

Das „Pfleghaus“ oder „Kreutzer-Haus“ im Wandel der Zeit: hier um 1940, sichtlich renovierungsbedürftig und mit dem Namen „Färberei Kreutzer“ in Frakturschrift. © privat / Repro: TK


Treuchtlingens ursprünglicher Herrschaftssitz war die Obere Veste, doch gab es auch schon das nur wenige Meter vom Pfleghaus entfernte Stadtschloss. 1594 wurde dort Graf Gottfried Heinrich zu Pappenheim geboren, der unter dem Beinamen „Schrammhans“ als Feldmarschall im Dreißigjährigen Krieg berühmt wurde.

Nach seinem Tod in der Schlacht bei Lützen 1632 und dem Erlöschen der Linie fiel Treuchtlingen 1647 an die Markgrafen von Ansbach. 1669 ließ Albrecht V. im Pfleghaus eine Färberei „mit Mang und Preß“ (Mangel und Presse) einrichten, die 1878 von Josef Lang an Josef Kreutzer verkauft wurde. 1853 wurde zudem die Post-Expedition von Dietfurt ins Pfleghaus verlegt. Josef Kreutzers Sohn Karl führte den dortigen Betrieb bis ins frühe 20. Jahrhundert in der Familientradition als Dampffärberei weiter.

Das „Pfleghaus“ oder „Kreutzer-Haus“ im Wandel der Zeit: hier in den 1960er Jahren mit großflächigen, gut gefüllten Schaufens­tern unter dem Schriftzug „Betten-Kreutzer“. © privat / Repro: TK


Sein Sohn Wilhelm und dessen Frau Dorothea spezialisierten sich danach auf das Färben von Garn für die Leonische Industrie. Nach dem Weltkrieg kamen eine Handlung für Heimtextilien und eine Bettfedern-Reinigung hinzu. Die Färberei gaben die Kreutzers Anfang der 1960er Jahre auf, modernisierten aber den Laden und betrieben ihn als Bettenfachgeschäft bis zum Tod von Dorothea Kreutzer 1973 weiter. Auch deren Sohn Wolfgang wuchs auf dem Anwesen auf.

Ab 1978 zogen dann Mieter ins mittlerweile als „Kreutzer-Haus“ bekannte Gebäude ein. Im Erdgeschoss befanden sich unter anderem die Fahrschulen Deutsch, Hellrung und zuletzt ab 1998 Brenner. Darüber vermietete die Familie bevorzugt an Junggesellen. Wolfgang Kreutzers Witwe Helga, die das Haus nun nach vier Generationen verkauft hat, erinnert sich an so manche Anekdote aus dieser Zeit. „Mit einer der jungen Damen, die damals im Haus ein- und ausgingen, bin ich heute verheiratet“, schmunzelt Friedrich Kuglers Geschäftspartner Karl Kreß.

Das „Pfleghaus“ oder „Kreutzer-Haus“ im Wandel der Zeit: hier in der 1980er Jahren als „Fahrschule A. Deutsch“ mit einem Opel Kadett und einem VW Polo vor der Tür. © privat / Repro: TK


Kugler und Kreß kennen sich seit Kindertagen. Beide sind im Treuchtlinger Stadtschloss aufgewachsen und „wollten schon damals zusammen einen Plattenladen aufmachen“. Trotz recht unterschiedlicher Hintergründe – Kreß ist mittlerweile Rentner, Kugler war Gesellschafter und Prokurist der Firma RfK-Formenbau in der Treuchtlinger Bahnhofstraße und ist noch bis 30. September dieses Jahres Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Hochschule Schmalkalden – kamen sie irgendwann bei Kreß’ Bruder „Hanni“ im Biergarten an der Denkmalslok zusammen und griffen die alte Idee wieder auf.

Im „Vinylla Fudge“ (ein Wortspiel aus „Vinyl“ für Schallplatte, der Psychedelic-Rockband „Vanilla Fudge“ und dem gleichmaigen Karamell-Toffee) soll es künftig „alles rund um Schallplatten, Musik und HiFi geben“, wie Friedrich Kugler erklärt – von gebrauchten und fabrikneuen Platten aus den Bereichen Jazz, Pop, Rock, Indie, Schlager und Klassik über CDs bis hin zur Schallplattenwäsche.

Noch ist der künftige Laden ein Durcheinander aus bunten Retro-Stühlen, Schallplatten und 1970er-Jahre-Accessoires. Die Elvis-Statue hinten in der Wandnische zeigt, wohin die Reise geht. © Patrick Shaw


Musik und Latte Macchiato

Im Bistrobereich mit kunterbuntem Retro-Flair wollen der 65-Jährige und sein ein Jahr jüngerer Geschäftspartner zudem Kaffee, Kaltgetränke und Snacks anbieten. Die Gäste können dazu Musik aus einer alten Jukebox hören oder an mehreren Plattenspielern mit Kopfhöreranschluss die zum Verkauf stehenden Schallplatten tes­ten. „Wir wollen aber keine Konkurrenz zu den bestehenden Cafés sein“, betont Kugler. Deshalb schließt das „Vinylla Fudge“ um spätestens 20 Uhr.

Friedrich Kugler (links) und Karl Kreß mit einem alten Gemälde auf Sackleinen, das die letzten Färber Wilhelm und Dorothea Kreutzer 1931 zur Silberhochzeit geschenkt bekamen und ihr Haus um das Jahr 1900 zeigt (vermutlich nach dem weiter oben abgebildeten Foto als Vorlage). © Patrick Shaw


Warum sich die beiden Mittsechziger die viele Arbeit antun? „Im Alter will ich die Füße nichts auf Kanapee legen“, sagt Karl Kreß. „Wir wollten das schon immer machen, und jetzt müssen wir finanziell keine Bäume mehr ausreißen“, ergänzt Kugler. Er sei sich bewusst, dass das kleine Treuchtlingen als Einzugsgebiet für ein so spezielles Geschäft nicht ausreicht, hoffe aber insbesondere aus seiner Generation und seinem großen Bekanntenkreis auf Resonanz weit über die Altmühlstadt hinaus.

Und dann ist da noch die unfertige, aber durchaus ernst gemeinte Idee, einen eigenen Internet-Radiosender zu betreiben: Pop, Rock und Evergreens für Altmühlfrankens alte und neue Schallplattengeneration, direkt aus der Treuchtlinger Hauptstraße – das wäre mal was völlig Neues...

Patrick Shaw Redaktion Treuchtlinger Kurier E-Mail

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