Montag, 30.03.2020

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Treuchtlingen: Plattencafé im 400 Jahre alten Pfleghaus

"Vinylla Fudge" befindet sich nun im Probebetrieb - Kaffee und Schallplatten - 10.01.2020 06:00 Uhr

Zwischen den Scheiben von Jimi Hendrix, John Lennon, Kiss und Pink Floyd sowie nostalgischen Figuren und Mobiliar treffen sich im „Vinylla Fudge“ ebenso junge wie junggebliebene Schallplattenfans und Freunde „analoger“ Musik zum Stöbern und Kaffeeklatsch. © Foto: Patrick Shaw


Schallplatten sind etwas für alte Hippies, Jazz-Puristen und angegraute Sammler? Wer dem historischen "Pfleghaus" in der Treuchtlinger Hauptstraße einen Besuch abstattet, wirft solche Klischees schnell über Bord. Dort haben Friedrich Kugler und Karl Kreß im Dezember das wohl erste und einzige Plattencafé Altmühlfrankens eröffnet – noch im "Probebetrieb", aber schon ziemlich erfolgreich.

Ein und aus geht dort ein mehr als vielfältiges Klientel. Da sind die Mittsechziger aus Kuglers und Kreß’ Generation, die mit Schellack und Vinyl, Beatles und den Rolling Stones aufgewachsen sind. Da sind aber auch "Mädels Anfang 20, die begeistert Hardrock-Platten kaufen", erzählt Karl Kreß. Da sind Ex-Treuchtlinger, die die Stadt und die Betreiber aus Jugendtagen kennen und aus Berlin oder Hamburg kommen, um Verwandte und das Café zu besuchen.

Da sind die örtlichen Freundinnen, die sich ganz ohne Platten-Faible auf einen Kaffee treffen. Da ist der einsame Witwer, der regelmäßig im Laden sein Bier trinkt und Erinnerungen nachhängt. Und da sind die Sammler aus ganz Süddeutschland, die online ihre Wünsche schicken oder beim Stöbern im über 10 000 Scheiben großen Sortiment fündig werden – und dann "nach einer unverfänglichen Tüte fragen, damit ihre Frau nicht sieht, mit wie vielen Platten sie heimkommen", wie Kugler schmunzelnd berichtet.

Für sie alle ist das "Vinylla Fudge" (ein Wortspiel aus "Vinyl" für Schallplatte, der Band "Vanilla Fudge" und dem gleichnamigen Karamellbonbon) Nostalgie-Erlebnis, Stammkneipe und Fundgrube zugleich. Vor drei Jahren hat der Markt Berolzheimer Wirtschaftsprofessor und ehemalige Firmenchef Friedrich Kugler das über 400 Jahre alte Haus gekauft und seither zusammen mit seinem Geschäftspartner und Jugendfreund Karl Kreß mit viel Liebe zum Denkmal und Detail zum Plattencafé umgebaut. Neben gebrauchten und neuen Schallplatten (fast) jeder Richtung gibt es dort nun ein Bistro mit buntem Retroflair, eine alte Jukebox sowie mehrere Plattenspieler mit Kopfhörern zum Testen der zum Verkauf stehenden Scheiben.

"Mit dem Umbau sind wir fast fertig", erklärt Friedrich Kugler, während er Cappuccino und Latte macchiato für seine Gäste brüht. "Es fehlen nur noch einige Formalitäten, denn mit einen solchen Mischbetrieb zwischen Laden und Gaststätte fehlt den Behörden die Erfahrung." Die werde aber schnell kommen, meint der Professor, der sich in seiner aktiven Zeit intensiv mit Stadtentwicklung und Marketing befasst hat. Denn die Kombination aus Einkaufen, Gastronomie und Erlebnis ohne Konsumzwang sei stark im Kommen. "Wenn der Einzelhandel überleben will, muss er das machen, was Amazon nicht bieten kann", so Kugler.

Ein Modell mit Zukunft?

Der Erfolg bestätigt den 66-Jährigen: "Obwohl wir bisher nur mündlich geworben haben, sind wir mit dem ersten Geschäft sehr zufrieden. Platten- und Getränkeverkauf laufen etwa gleichauf, und es geht kaum einer, ohne drei bis vier Platten gekauft zu haben – seltene Sammlerstücke genauso wie einfaches Material." Das direkte Einzugsgebiet reiche bis nach Schwabach, Ansbach und Eichstätt, das für "eingeschworene Vinyl-Freaks" weit darüber hinaus.

Das historische „Pfleghaus“ in der Treuchtlinger Hauptstraße hat von den neuen Nutzern eine schlichte, neue Fassade samt einladender Fensterfront erhalten. © Foto: Patrick Shaw


Ein solcher Überzeugungstäter ist auch Kugler selbst. Neben Schmuckstücken für die eigene Sammlung kaufen er und Kreß seit fast zehn Jahren in der gesamten Region "waschkörbeweise" Schallplatten auf, um immer wieder "frisches Material" zu haben. "Echte Schnäppchen gibt es da allerdings kaum noch, denn die Leute wissen mittlerweile, dass Vinyl wieder in Mode ist", erzählt Kugler. Andererseits gibt es im Plattencafé aber auch brandaktuelle Alben noch vor der Veröffentlichung per Streaming zu hören und direkt zu kaufen. "Für die neue ,The Who‘ hatten wir bereits etliche Vorbestellungen", freut sich Karl Kreß.

Mit dem "Vinylla Fudge" haben sich Kugler und Kreß einen Traum erfüllt. "Wir wollten das schon als Jugendliche machen, und jetzt müssen wir auch finanziell keine Bäume mehr ausreißen. Musik und nette Leute, darum geht es." Trotzdem gibt es schon weitere Pläne: Einen eigenen Internet-Radiosender würde Friedrich Kugler gern aufbauen. Und zu den Scheiben im Ladenlokal könnten auch noch die passenden Abspielgeräte kommen. Denn die erste Kundin war schon da, die begeistert eine Schallplatte gekauft hat, ohne einen Plattenspieler zu besitzen. . .

Geöffnet hat das "Vinylla Fudge" derzeit wochentags von 14 bis 18 Uhr, donnerstags und freitags zusätzlich bis 22 Uhr (nur Café) sowie samstags von 11 bis 15 Uhr. Die Zeiten können sich noch ändern, aktuelle Informationen gibt es auf der Internetseite des Ladens.

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