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Treuchtlingen: Sonnenstrom bringt Netz in Not

Die Energiewende zwingt die Stadtwerke zu Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe - 06.10.2020 06:04 Uhr

Das Schalthaus in der Kästleinsmühlenstraße ist die Schnittstelle des Treuchtlinger Stromnetzes mit den übergeordneten Netzen.

© TK-Archiv / Patrick Shaw


Mehr als 1000 Photovoltaikanlagen und andere Erzeuger erneuerbarer Energie sind derzeit ans Treuchtlinger Stromnetz angeschlossen. Doch Bund, Freistaat und Bürger wollen mehr: Erst im Juli hat Ministerpräsident Markus Söder den massiven Ausbau von Photovoltaik-Großanlagen angekündigt. Viele private Häuslebauer möchten mit dem eigenen Solardach ebenso ein Stück vom (Förder-)Kuchen abhaben.

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Kleine Netzbetreiber stoßen da an ihre Grenzen, sind sie doch gesetzlich verpflichtet, den dezentral produzierten Strom abzunehmen und ins Netz einzuspeisen. Die Treuchtlinger Stadtwerke benötigen dafür voraussichtlich ein neues Umspannwerk, denn ihr 20-Kilovolt-Netz wird schon bald nicht mehr ausreichen. Die Kosten für den kommunalen Versorger, der das Netz erst vor acht Jahren von der Nürnberger N-Ergie zurückgekauft hat, wären immens: Mit rund 15 Millionen Euro rechnen Werkleitung und Gutachter – Grund für eine Sondersitzung des Stadtrats mit gut zweistündiger Debatte.

War der Netzkauf eine Mogelpackung?

Die Überraschung vieler Ratsmitglieder kleidet Klaus Fackler (UFW) in Worte: "War die Netzübernahme eine Mogelpackung?", fragt er. "Haben wir einen Siebeneinhalbtonner gekauft, und jetzt stellt sich heraus, dass wir einen 40-Tonner haben?" Er sei davon ausgegangen, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien bei der (damals nicht ganz reibungslosen) Netzübernahme "mit eingepreist war", denn die Entwicklung sei absehbar gewesen. "Das Thema hat seit der Netzübernahme immer mehr an Bedeutung gewonnen", räumt Bürgermeisterin Kristina Becker ein. "Die Energiewende findet auf dem Land statt", ergänzt Stadtwerke-Chef Max Filser.

Stadtwerke-Chef Max Filser und Projektleiter Matthias Reichenthaler zwischen den 32 Schaltfeldern, die den Strom im Treuchtlinger Stadtgebiet verteilen.

© Patrick Shaw


Die Altmühlstadt trifft sie besonders hart. Denn durch das große Gemeindegebiet ist das Stromnetz weit verzweigt. Vom entferntesten Kunden, etwa in Auernheim, bis zur Übergabestelle an die N-Ergie im Weißenburger Umspannwerk sind es gut 24 Kilometer. "Dabei sinkt die Qualität der Spannungshaltung gegen Ende rapide", erklärt Abteilungsleiter Matthias Reichenthaler. Vergleichbar sei das "mit einem Bierkrug, der nah am Körper leicht zu halten ist, aber nicht am langen Arm", veranschaulicht Christoph Nietsch von der Firma Powerise, die die Stadtwerke berät.

An der Übergabestelle gibt es Reichenthaler zufolge derzeit eine gesicherte Übertragungsleistung von 18,6 Megavoltampere (MVA), ungesichert sind es 27 MVA. Ohne die dezentral erzeugte Energie hätten die Stadtwerke nur einen Leistungsbedarf von 14 Megawatt (MW) und "die Anbindung wäre super". Innerhalb des Treuchtlinger Netzes kommen zu den 8,9 MW Leistung aus der Grundlasterzeugung aber weitere 17,4 MW aus bestehenden und 4,3 aus bereits genehmigten Photovoltaikanlagen.

Fast täglich neue Anfragen

"Aktuell haben wir noch 4,8 MW am Schalthaus in der Kästleinsmühle zur Verfügung. Weiter draußen, etwa in Wettelsheim, sind es deutlich weniger", so Reichenthaler. Hinzu kämen "sieben bis zehn neue Anfragen pro Woche". Die Anschlussleistung habe sich binnen weniger Jahre verdreifacht. Gerade in abgelegenen Dörfern wie Gundelsheim sei der Anschluss kleiner Anlagen schon jetzt eingeschränkt – und jede weitere große Anlage gehe zu deren Lasten. Einfach den Anschluss ablehnen oder kritische Stromspitzen kappen? Nicht erlaubt und unter Umständen mit Schadensersatz belegt, wie Filser und Reichenthaler erklären.

"Die Stadtwerke haben schon viel ausgebaut, nur um diesem Problem hinterherzulaufen", betont der Abteilungsleiter. Es sei den Bürgern kaum zu vermitteln, wenn "wir wegen der Großen die Kleinen nicht mehr anschließen können".


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Ein neues Umspannwerk samt zwei 110-Kilovolt-Kabeltrassen von der Kästleinsmühle nach Weißenburg würde der Werkleitung zufolge "alle Bereiche auf Grün bringen". Kosten: rund 15 Millionen Euro. Zwei Ingenieurbüros haben den Bedarf berechnet und kommen laut Filser unabhängig von einander zum Ergebnis, dass an einer Lösung in dieser Größenordnung binnen der nächsten fünf Jahre kein Weg vorbei führt. "Wir sind da auch ein bisschen vom Stuhl gefallen", so Reichenthaler.

Für 2021 haben die Stadtwerke bereits 100.000 Euro an Planungskosten in den Etat aufgenommen. Denn den Netzausbau verweigern dürfen sie nicht. Refinanziert werden die Investitionen über höhere Netzentgelte, die zentral zugeteilt werden. Letztlich landen die Kosten also beim Endverbraucher. "Ja, die Energiewende kostet Geld", so Filser lapidar.

Alle Alternativen prüfen

Kritisch sieht die Pläne unter anderem Klaus Fackler. Die Stadt solle nicht nur die einfachste Lösung im Blick haben, sondern "zukunftsfähige Alternativen prüfen", wie beispielsweise große Speicheranlagen. "Gespeicherter Strom wird in einigen Jahren vergoldet am Markt verkauft werden", so Fackler, der zudem die Stadtwerke "finanziell nicht überfordern" will. Zweiter Bürgermeister Hans König (TBL) würde sich überdies die "Verarbeitung" des Stroms vor Ort wünschen, etwa durch die Umwandlung in Gas oder Wasserstoff zum Betanken von Autos.

Dem schließt sich Rathauschefin Becker an, die ebenfalls "auf den Wasserstoff-Zug aufspringen möchte". Die Technologie sei aber noch nicht ausgereift. "Für Herrn Söder ist es einfach zu sagen, wir bauen 200 große Photovoltaikanlagen dazu, ohne sich um die Details zu kümmern", so Becker. Sie werde sich deshalb auch auf politischer Ebene dafür einsetzen, dass die Nöte der kommunalen Versorger stärker Gehör finden. Von der Landes- und Bundespolitik erwarte sie „Schritte, um die Benachteiligung der kleinen gegenüber den großen Netzbetreibern auszugleichen“.

Eine Entscheidung über den Weg der Stadtwerke soll laut Reichenthaler "frühestens in ein bis zwei Jahren fallen". Den Planungsauftrag billigte der Stadtrat mit einer Gegenstimme: Altbürgermeister Wolfgang Herrmann wandte sich gegen den in seinen Augen schwammigen Beschluss, nachdem König und Fackler darauf bestanden hatten, den Bau eines Umspannwerks durch die Formulierung nicht vorwegzunehmen. Dank gab es für Bürgermeisterin Becker von den UFW "für den breiten Raum zur Diskussion", Kritik von der SPD wegen der kurzfristigen Anberaumung der Sitzung vor nur zwei Wochen.

Das Treuchtlinger Stromnetz:

Nicht ausgelegt für Stromerzeugung im großen Stil

Die Stromversorgung einer Stadt wie Treuchtlingen kann man sich in vier Ebenen vorstellen. Auf der ersten speisen Kraftwerke den Strom ins 380- oder 220-Kilovolt-Netz ein. Darunter gibt es das 110-KV-Netz, das im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen vor allem die N-Ergie Netz GmbH betreibt. Daran angeschlossen ist das Mittelspannungsnetz, das in Treuchtlingen mit 20 KV operiert. Für die Endabnahme gibt es Ortsnetze, aus denen der Strom mit 400 Volt beim Verbraucher ankommt.

Photovoltaikanlagen, etwa auf Hausdächern, sind ans Orts- oder Mittelspannungsnetz angeschlossen. Statt dass der Strom wie früher nur "von oben nach unten" fließt, gibt es heute laut Stadtwerke-Abteilungsleiter Matthias Reichenthaler "viel Bewegung im unteren Bereich und ein bisschen Abgabe nach oben".

Die beiden großen geplanten Freiflächenphotovoltaikanlagen in Windischhausen und Auernheim mit rund 23 Megawatt Gesamtleistung geben ihren Strom übrigens wegen des Rechts, am wirtschaftlichsten Anschlusspunkt einzuspeisen, ins Netz der N-Ergie und nicht ins Treuchtlinger Ortsnetz ab. Falls die Wirtschaftlichkeit sinkt, könnte sich das allerdings ändern und das Netz der Stadtwerke noch schneller an seine Grenzen bringen.

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