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Treuchtlingen: "Talentschmied" Weickmann hört auf

Nach 38 Jahren in der Behindertenhilfe geht Friedrich Weickmann in Rente - 07.06.2019 06:04 Uhr

Zur Verabschiedung von Friedrich Weickmann (2.v.r.) kamen auch Bürgermeister Werner Baum (l.), Martin Aufmuth, der Initiator des Projekts 1-Dollar-Brille (2.v.l.) sowie Friedrich Übele, der Leiter des Logistik-Zentrums (r.) © Jürgen Leykamm


38 Jahre lang hat Friedrich Weickmann die "Talentschmiede Altmühltal" der Rummelsberger Diakonie geleitet. Von Pappenheim ging es 2016 nach Treuchtlingen. Nun geht der 65-Jährige in den Ruhestand. Nach der Verabschiedung mit Bezirkstagsvizepräsidentin Christa Naaß, Landrat Gerhard Wägemann, Bürgermeister Werner Baum, Dekan Wolfgang Popp sowie vielen Kollegen und Wegbegleitern gibt Weickmann seinen Ausstand am 30. Juni beim Sommerfest im "Haus Altmühltal" – dort, wo alles begann.

Herr Weickmann, bevor Sie 1981 bei den Rummelsbergern begannen, haben Sie 13 Jahre Wasserturbinen und Wasserkraftwerke konstruiert. Wie kam es zum Wechsel?

Ich habe damals lange überlegt, ob ich es mache. Ich habe mich dann dafür entschieden, weil ich die Möglichkeit hatte, etwas aufzubauen. Die erste Zeit war für mich brutal, weil es eine andere Welt war. Ich kam aus dem technischen Bereich, in dem ich gut war und wusste, wo meine Stärken liegen. Und dann kam ich in einen Bereich, der nicht so strukturiert war. Ich musste anders denken. Nicht von einem Produkt her, sondern von den Menschen. Ich habe immer viel Unterstützung von der Rummelsberger Diakonie bekommen. Mir wurde ermöglicht, mich weiterzubilden und zu qualifizieren.

Die Rummelsberger Diakonie hat 1980 die ehemalige Lungenheilstätte in Pappenheim übernommen. Daraus entstand das "Haus Altmühltal" als Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Wie sah die Arbeitsstruktur für die Bewohner damals aus?

Eine Werkstatt gab es zu Beginn noch nicht. Die Bewohner haben einfache Montagetätigkeiten erledigt. Da der Umbau des Hauses im laufenden Betrieb stattfand, mussten wir immer wieder von einem Raum in den nächsten ziehen. Schließlich wurde auf dem Gelände eine provisorische Werkstatt errichtet, in die wir 1982 einzogen. Insgesamt hat sich die Behindertenhilfe seit damals stark verändert. Es gibt neue Gesetze, fachliche Konzepte wurden entwickelt. Der Mensch steht zunehmend im Mittelpunkt. Wir gehen auf die Wünsche der Menschen ein und schauen, wo ihre Interessen und Fähigkeiten liegen.

Wie hat sich die Werkstatt im Lauf der Jahre entwickelt?

Ein großer Schritt war der Einstieg in die Automobilindustrie Mitte der 1980er Jahre. Ich suchte damals nach Arbeiten, die einfach zu strukturieren, aber dennoch herausfordernd sind. Die Automobilindustrie stellte hohe Anforderungen und verlangte eine hohe Qualität, aber die Bezahlung war auch sehr gut. Mit der Wirtschaftskrise 2008 brachen uns jedoch zwei Drittel der Aufträge und fast der komplette Umsatz weg.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben unsere Schwerpunkte in der Werkstatt auf Dienstleistungen und Eigenprodukte gelegt. Die Mitarbeitenden stellen zum Beispiel Nistkästen und Buchstützen aus Holz her, aber auch Metallbauteile wie Befestigungen für Solaranlagen. Außerdem haben wir die Wäscherei übernommen. Diese war zuvor im Haus Altmühltal angesiedelt. Wir waschen hier die Kleidung der Bewohner und haben uns zusätzlich Nischen gesucht, zum Beispiel das Waschen von Feuerwehrkleidung. Aktuell übernimmt die Wäscherei immer mehr Aufträge aus dem medizinischen Bereich. Wir entwickeln uns ständig weiter und lassen uns entsprechend zertifizieren.

Ein großer Schritt war der Umzug der Werkstatt 2016 von Pappenheim nach Treuchtlingen. Wie kam es dazu?

Die Werkstatt in Pappenheim war nicht mehr zeitgemäß und entsprach nicht mehr den gesetzlichen Vorgaben. 2008 haben wir mit den Planungen für einen Ersatzneubau begonnen. In Pappenheim gab es kein passendes Grundstück. Der Standort hier in Treuchtlingen gibt uns die Möglichkeit, uns weiterzuentwickeln, und die Stadt hat uns sehr positiv angenommen. Wir haben hier nun 80 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung in den Bereichen Schreinerei, Wäscherei, Näherei, Montage und Verpackung.

Die Werkstätten der Rummelsberger Diakonie haben sich vor kurzem in "Talentschmiede" umbenannt. Was steckt dahinter?

Wir bieten den Menschen nicht nur Arbeit, sondern auch ein Umfeld, in dem sie ihre Fähigkeiten und Talente entdecken können. Ich habe bei vielen Mitarbeitenden erlebt, dass sie eine super Entwicklung gemacht haben. Sie finden hier Menschen, die ihnen etwas zutrauen und auf die sie sich verlassen können. Wir begleiten und unterstützen sie und zeigen, welche Möglichkeiten es für jeden einzelnen gibt.

Zur Person:

Friedrich Weickmann fing 1981 bei der Rummelsberger Diakonie an. In Pappenheim war er zunächst für alles rund um das Thema Arbeit verantwortlich. 1982 entstand die Behindertenwerkstatt, 1998 baute Weickmann eine Förderstätte auf, 2003 kam eine Seniorentagesstätte hinzu.

2016 verantwortete der heute 65-Jährige den Umzug nach Treuchtlingen. Weickmann stellte die Werkstatt auf zukunftsfähige Beine und richtete sie immer wieder neu aus, zuletzt mit den Schwerpunkten Dienstleistung und Herstellung von Eigenprodukten. 2013 schloss er eine Kooperation mit dem Verein "Ein-Dollar-Brille", der weltweit Menschen mit günstigen Brillen versorgt. Die Werkstatt lagert das Material für die Herstellung und kümmert sich um den Versand.

Außerdem stieß der Einrichtungsleiter die Gründung von "capito Nordbayern" an, dem Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit der Rummelsberger Diakonie. Gemeinsam mit der Stadt Treuchtlingen entwickelte er das Siegel "Treuchtlingen barrierefrei". Rummelsberger-Geschäftsführer Karl Schulz verlieh Weickmann zur Verabschiedung das goldene Diakonen-Kreuz, die höchste Auszeichnung der Diakonie. 

Interview: CLAUDIA KESTLER E-Mail

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