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Treuchtlingens letzte Telefonzelle ist Geschichte

Einzig verbliebener öffentlicher Münzfernsprecher der Telekom am Bahnhof wurde abgebaut - 06.01.2019 06:43 Uhr

Postgelb, Telekom-Magenta und nun nicht mehr da: Jahrzehntelang prägten die klassisch gelben Häuschen (Bild links aus den 1990er Jahren gegenüber dem Wallmüllerplatz) und später die Glaskästen der Telekom (mittleres Bild von 2012 vor unserer Zeitung in der Hauptstraße) das Stadtbild. Jetzt ist auch der Platz der letzten Treuchtlinger Telefonzelle vor dem Bahnhof leer (rechts). © Fotos: TK-Archiv/Patrick Shaw/Benjamin Huck


Das Häuschen war in seinen Abschiedstagen schon arg ramponiert, eine Scheibe der Tür war eingeschlagen. Nun ist auch dieses Relikt früherer Zeiten Opfer des Siegeszugs der Mobiltelefonie geworden.

Die Deutsche Telekom als Betreiber der verbliebenen Telefonzellen kontaktiert Gemeinden, wenn auf deren Gebiet „extrem unwirtschaftliche öffentliche Fernsprecher“ stehen, heißt es bei dem Kommunikationskonzern auf Anfrage. Als unrentabel gilt, wenn weniger als 50 Euro pro Monat umgesetzt werden – was wohl am Treuchtlinger Bahnhof der Fall war.

Umsatz reichte nicht mehr aus

„Der Umsatz ist ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung durch die Bevölkerung an dieser Stelle nicht mehr besteht“, so ein Sprecher der Telekom. Der Kunde sei „der Architekt des Telefonzellen-Netzes“.

Wie viele Gespräche die Nutzer am Treuchtlinger Bahnhof zuletzt führten, gibt der Betreiber allerdings nicht bekannt. Er verweist darauf, dass der Unterhalt einer Telefonzelle Geld koste, etwa für Strom, Standortmiete und Wartung. Gemeinden, die trotz Unwirtschaftlichkeit an einem öffentlichen Fernsprecher festhalten möchten, biete die Telekom als güns­tige Alternative ein sogenanntes Basistelefon an – also ein Gerät an einer unbedachten Metallsäule.

Bundesweit gibt es noch knapp 17.000 Telefonzellen, die die Telekom betreibt, vor allem an Orten mit hoher Nutzungsfrequenz wie Bahnhöfen und Flughäfen. Vor 20 Jahren waren es noch gut zehnmal so viele Apparate.

Knallgelbe Treffpunkte

Die erste öffentliche Telefonzelle der Welt wurde laut Wikipedia am 28. Januar 1878 in New Haven/Connecticut in den USA in Betrieb genommen. In Deutschland eröffnete das erste „Fernsprechkiosk“ am 12. Januar 1881 in Berlin. Zum gewohnten Straßenbild gehörten die anfangs noch uneinheitlich gefärbten Häuschen mit Münzfernsprechern spätestens ab den 1920er Jahren. 1932 wurde die Farbgebung in Deutschland vereinheitlicht – zunächst waren die Zellen blau und gelb, ab 1934 rot sowie ab 1946 rein gelb lackiert. Mitte der 1990er Jahre lösten schließlich Grau und das Magenta der Telekom das jahrzehntelang vertraute „Postgelb“ ab.

Vor allem in den 1950er bis 1970er Jahren waren Telefonzellen oft auch beliebte Treffpunkte. Da die Sprechzeit anfangs nicht begrenzt war, muss­ten Nutzer bisweilen lange warten. Schilder an den Häuschen mahnten deshalb: „Fasse dich kurz!“

Rund 140 Jahre nach ihrer Einführung warten auf ausgemusterte Telefonstationen heute nach Auskunft der Telekom die Verwertung als Ersatzteilquelle oder die „fachgerechte Entsorgung“. Wer möchte, kann sich allerdings eine alte Zelle kaufen. Denn die gelben Häuschen aus Zeiten der Bundespost sind selten geworden und haben teils sogar Sammlerwert. Je nach Typ und Zustand kostet eine ausrangierte Station laut Telekom „ab 600 Euro aufwärts“, zuzüglich Transport. Die klassischen gelben Telefonhäuschen seien jedoch bereits ausverkauft. 

Benjamin Huck / Patrick Shaw Treuchtlinger Kurier E-Mail

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