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Treuchtlinger entwickelt Vision für die Zukunft

Der Treuchtlinger hat mit NN-Redakteurin Sarah Benecke und Psychiater Gunther Moll ein Buch verfasst - 15.09.2018 06:11 Uhr

Schon während seiner aktiven Zeit bei der Sparda-Bank und auch in Treuchtlingen hat sich Günter Grzega für die Gemeinwohl-Ökonomie stark gemacht. Im Ruhestand fand er nun Zeit für eine Buchbeteiligung.

14.09.2018 © Archivfoto Sieghard Hedwig


Günter Grzega ist vielen Treuchtlinger Eisenbahner-Familien noch als Dienststellenleiter des Bahnhofs in den 1980er Jahren in Erinnerung. 1994 wechselte der studierte Bankbetriebswirt zur Sparda-Bank München. Als deren Vorstandsvorsitzender ermöglichte er die Eröffnung der Sparda-Geschäftsstelle in Treuchtlingen und stieß vor sechs Jahren gemeinsam mit der Stadt den Ehrenamtsabend beim Volksfest an. Ehrenamtlich war und ist der 74-Jährige Gründungs- und Ehrenvorsitzender der THW-Helfervereinigung, gehört seit Jahrzehnten dem Vorstand des ESV-Tennisclubs an und ist aktuell das einzige Ehrenmitglied des Sportvereins.

Weniger bekannt in seiner Heimatstadt ist Grzegas überörtlicher Einsatz im gesellschaftspolitischen Bereich. „Als Genossenschaftsbanker war für mich die Verbreitung der neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsideologie von Anfang an ein Irrweg“, so seine für seinen Beruf eher überraschende Position. Der Neoliberalismus sei „ein Rückschritt in neofeudalistische Gesellschaftsstrukturen, die überwunden werden müssen“.

„Neoliberale Mythen“ entlarven

Als Maxime für das Handeln von Unternehmen, Kommunen, Institutionen und anderen gesellschaftlichen Akteuren fordert Grzega grundsätzlich die Frage: „Dient es den Menschen, dient es der Umwelt, dient es dem Frieden?“ Dafür brauche es einen starken, (finanziell) handlungsfähigen Staat, Unternehmen, die im Sinne des Gemeinwohls agieren, sowie „eine Redemokratisierung des Bank- und Finanzwesens“. Es gelte, „neoliberale Mythen“ zu entlarven, neuem Populismus entgegenzutreten und vermeintlicher Alternativlosigkeit in der globalisierten Gesellschaft zukunftsfähige Alternativen entgegenzusetzen.

Um diese Forderungen mit Nachdruck in die gesellschaftspolitische Diskussion einzubringen, beteiligte sich Grzega an der Gründung des „Senats der Wirtschaft Deutschland“ und war von 2010 bis 2015 Vorstandsvorsitzender des „Instituts für gemeinwohlorientierte Politikberatung“ in Bonn. Derzeit ist er außerdem Vorsitzender des landesweit tätigen Vereins „Gemeinsam sind wir mehr“ sowie des Ethikbeirats der Sparda-Bank München. Für das von den Wirtschaftswissenschaftlern Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt herausgegebene, kapitalismuskritische Online-Magazin Makroskop (www.makroskop.eu) schreibt er Kurzartikel auf deutsch und spanisch.

Grzegas wichtigste Funktion ist aber nach eigenen Worten seine Berufung zum ehrenamtlichen „Botschafter der Gemeinwohl-Ökonomie“ – einer, wie er es nennt, „demokratisch verankerten Graswurzelbewegung, getragen und gestaltet von Unternehmerinnen und Unternehmern, zur Überwindung des Neoliberalismus“. Dabei bezieht sich der gebürtige Schlesier und „überzeugte Treuchtlinger“ auf die bayerische Verfassung. Dort steht in Artikel 151: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesonders der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.“ Dieser Verfassungsauftrag „für alle“ wird nach Ansicht Grzegas und seiner Mitstreiter „im Neoliberalismus extrem missachtet“.

Dies und die praktische Erfahrung als Finanzmarkt-Insider veranlass­ten den umtriebigen Treuchtlinger, an dem von Gunther Moll, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Erlangen, und der NN-Redakteurin Sarah Benecke initiierten Buchprojekt „Die Vorstufe zum Paradies für uns alle. Warum wir sie erreichen können – und wie sie finanzierbar wäre“ mitzuwirken. „Wir vermitteln darin eine für alle nachvollziehbare Geschichte, ja Zukunftsvision“, so Grzega – ein Konzept, das das geltende Lebens- und Wirtschaftsmodell komplett ablösen könnte.

Visionen sind nötig

Zum Begriff „Vision“ hat der 74-Jährige im Übrigen eine andere Meinung als Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der einmal gesagt hatte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Grzega meint vielmehr, „wer keine Visionen mehr hat, sollte dringend zum Arzt gehen“.

Seine Heimatstadt Treuchtlingen ist für Günter Grzega nach wie vor der „ruhende Pol“ seines beruflichen und privaten Engagements. „Gerade die Beschaulichkeit einer Kleinstadt und die Nähe zu den Menschen durch nachbarschaftliche Begegnungen bieten mir die nötige Regeneration für meine Arbeit.“ Zudem habe er immer wieder erlebt, wie auf lokaler Ebene „schwierige Entwicklungen durch die gemeinsame Anstrengung der politisch Verantwortlichen und der Bürger überwunden werden, wie zum Beispiel in Treuchtlingen nach dem Abbau vieler Arbeitsplätze bei der Eisenbahn“. Ein gelingendes, gemeinwohl-engagiertes Leben in einer Großstadt sei deutlich schwerer vorstellbar.

Patrick Shaw Redaktion Treuchtlinger Kurier E-Mail

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