10°

Sonntag, 28.02.2021

|

Treuchtlinger Ex-Bürgermeister Baum: "Habe Werte geschaffen"

Werner Baum über Erfolge und Fehler seiner zwölfjährigen Amtszeit - 06.08.2020 06:04 Uhr

Letzter Akt einer Ära: Werner Baum beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Treuchtlingen. Zwölf Jahre hat er als Erster Bürgermeister im Rathaus die Fäden gezogen. Im März kandidierte er für eine dritte Amtszeit, musste sich aber Herausforderin Kristina Becker (CSU) geschlagen geben.

04.08.2020 © Foto: Patrick Shaw


Fast hundert Tage sind Sie nun nicht mehr im Amt – wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es, Gott sei Dank, sehr gut, gesundheitlich, privat und beruflich. Ich fühle mich wohl, obwohl es am Anfang natürlich schon eine große Umstellung war. Ich habe mich aber sehr schnell mit der Situation arrangiert und den Wahlentscheid ohne Groll akzeptiert.

Überwiegt die Wehmut darüber, nicht mehr Bürgermeister zu sein, oder sind Sie auch etwas froh, die Bürde des Amtes nicht mehr tragen zu müssen?

Letzteres würde ich nicht sagen. Schließlich habe ich sehr ernsthaft und engagiert eine weitere Amtszeit angestrebt. Wehmut verspüre ich aber auch nicht. Ich habe das Wahlergebnis sehr schnell akzeptiert und bin ja auch noch immer in der Kommunalpolitik aktiv – inzwischen seit 36 Jahren. In Treuchtlingen habe ich das aber zum 30. April abgeschlossen.

"Frau Dr. Becker bindet mich ein"

Warum haben Sie Ihr Stadtratsmandat nicht wahrgenommen? Schließlich sind Sie ja noch stellvertretender Landrat und Mitglied des Kreistags.

Nachdem die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler mir das wichtige Amt des Bürgermeisters nicht mehr übertragen hat, habe ich nach einigem Nachdenken beschlossen, nicht mehr in den Stadtrat einzutreten. Man gibt in so einem Amt ja Ideen vor und hat Führungsverantwortung für die Verwaltung. Als Stadtrat, so ist mir klar geworden, würde ich diese Ideen weiterverfolgen und hätte dann immer das Gefühl, meiner Nachfolgerin im Weg zu stehen. Deswegen habe ich im Interesse einer Neuausrichtung, die ja die Bürgerinnen und Bürger mehrheitlich wollten, auf meinen Platz im Stadtrat verzichtet.


Kristina Becker: Die ersten 100 Tage als Bürgermeisterin


Sie wollten Frau Dr. Becker nicht reinreden?

Ja, genau. Es ist doch, egal in welcher Kommune, für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger nicht angenehm, wenn der Vorgänger noch an der Seitenlinie steht. Ich habe Frau Dr. Becker angeboten, mich in Projekte einzubinden. Das nutzt sie auch und ich bin froh, dass wir immer wieder miteinander kommunizieren.

Welche Projekte sind das?

Zum einen ist es das Hotelprojekt, das ich seit fünf Jahren in der Pipeline habe. Da gibt es nach wie vor Gespräche im Rathaus und auch mit dem Projektentwickler. Auch die beschlossene Ansiedlung der psychosomatischen Klinik, wo es auch um Zusammenarbeit mit dem Bezirk geht. Das sind eben Dinge, die noch unter meiner Regie angestoßen wurden und da unterstütze ich gerne.

Bedauern über den Wasserstreit

Von 2008 bis 2020 waren Sie Bürgermeister. Auf was sind Sie in dieser Zeit am meisten stolz?

Auf Vieles! Zum Beispiel auf das Stadtentwicklungskonzept "Treuchtlingen 2030", das wir mit großer Bürgerbeteiligung 2012 verabschiedet haben. Da ging es unter anderem um die Umgestaltung der Bahnhofsstraße, des Partnerschaftsplatzes und des Wallmüllerplatzes. Viele damals kritische Stimmen sind inzwischen verstummt. Fast alle sind von der Gestaltung angetan. Stolz bin ich auch auf die Entscheidung, die Altmühltherme weiterzuentwickeln. Der Umbau ist abgeschlossen, da leiden wir jetzt natürlich unter Corona. Ich freue mich auch, dass ich den Neubau der Senefelder-Schule und des Altenheims gegenüber der Therme mit auf dem Weg bringen konnte.

Was ist Ihnen nicht gut gelungen?

Ganz klar der Wasserstreit rund um die Firma Altmühltaler. Da hätte ich anders agieren müssen. Obwohl es formell nicht notwendig war, wäre es sicherlich sinnvoll gewesen, die Öffentlichkeit frühzeitig in den Prozess einzubinden. Jetzt liegt alles auf Eis und lässt sich vielleicht nie mehr umsetzen. Wir haben das im Vorfeld unterschätzt, auch die Kreis- und Bezirkspolitik. Für die Stadt ist die jetzige Situation ein extremer Rückschritt, es wird auf Jahre nichts passieren.

"Mir fehlt eigentlich gar nichts" 

Warum hat es mit der Wiederwahl nicht geklappt?

Bis jetzt habe ich keine Antwort darauf gefunden. Es spielen sicher viele Aspekte herein, zum Beispiel die Finanzierung der hohen Investitionen, etwa für Schulsanierungen und Innenstadtentwicklung. Wir hatten da einen riesigen Nachholbedarf. Das Geld wurde ja nicht zum Fester rausgeschmissen. In der Bevölkerung kam es manchmal so an, als würde der Baum nur Schulden machen. Aber ich habe keine Schulden gemacht, ich habe nachhaltige Werte geschaffen. Auch hat die Entscheidung, ein liebgewonnenes, aber völlig unwirtschaftliches Krankenhaus zu schließen, den Bürgern nicht gefallen. Dazu kam dann noch der Wasserstreit.

Wie hat die Amtsübergabe an Frau Dr. Becker funktioniert?

Ich denke, sehr fair. Ich habe immer gesagt, dass ich sie mit einbinden möchte. Es geht ja immer um unsere Stadt! Einen Tag nach der Kommunalwahl hat zwar die Hochphase der Corona-Krise begonnen, aber ich denke, ich habe ihr die Arbeit auf Augenhöhe übergeben. Wir hatten mehrere Gespräche und wir stehen weiterhin in Kontakt.

Was fehlt Ihnen aus der Zeit als Bürgermeister am meisten?

Mir fehlt eigentlich gar nichts. Inzwischen habe ich mich mit der Situation mehr als angefreundet. Ich bin froh und dankbar, bei meinem alten Arbeitgeber nach zwölf Jahren Pause wieder gut aufgenommen worden zu sein. Den Kontakt zur Bahn habe ich nie abreißen lassen. Jetzt bin ich bei der DB Station&Service AG in Augsburg als Baukoordinator und begleite Großbaustellen. Die Kommunalpolitik ist für mich ja trotzdem nicht zu Ende. Es gab partei- und fraktionsübergreifend den Wunsch, dass ich mich verstärkt im Kreis engagiere und stellvertretender Landrat werde.

Dank an die Familie 

Warum sind Sie denn noch einmal in Ihren alten Beruf zurück?

Ich bin doch noch nicht im Pensionsalter! Als Beamter der früheren Bundesbahn war ich ja nur beurlaubt, da gibt es nach der Beurlaubung nur den Weg zurück. Ansonsten hätte es für meine Pensionierung beamtenrechtliche Nachteile. Dadurch, dass ich noch arbeite, entlaste ich übrigens auch ein bisschen die städtischen Finanzen. Der Teil meiner Pension, der von der Bahn kommt, wird dadurch nämlich etwas größer.

Werner Baum als Bürgermeister-Kandidat im Wahlkampf 2008.

04.08.2020


Vielleicht ist der Übergang so auch einfacher statt von hundert auf null in die Rente zu wechseln?

Ja das ist richtig, aber das war mehr als hundert. An der Stelle muss ich meiner ganzen Familie Danke sagen. Wenn die Familie in einer solchen Position nicht hinter einem steht, nicht auf die Uhr schaut, wenn man regelmäßig nach 21 Uhr nach Hause kommt, dann kann man das Amt nicht ausüben. Ich bin meiner Frau und auch meinen Kindern sehr dankbar.

Zur Person: Werner Baum, Jahrgang 1958, war vom 1. Mai 2008 bis 30. April 2020 Erster Bürgermeister der Stadt Treuchtlingen. 36 Jahre lange war er Mitglied des Stadtrates, von 1990 bis 2007 als Vorsitzender der SPD-Fraktion. Bereits seit Oktober 1995 gehört Baum dem Kreistag an, inzwischen ist er einer der beiden Stellvertreter des neuen Landrats Manuel Westphal (CSU).

1

1 Kommentar

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Treuchtlingen