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Ungewöhnliches Hobby: Alte Stöckermann-Maschine repariert

Gerät der ehemaligen Treuchtlingen Firma tut weiter ihren Dienst - 08.08.2020 05:57 Uhr

Ein historischer Schatz aus Treuchtlingen: Diese Bommelstrickmaschine hat lange in der Werkstatt des Unternehmers Ernst Stöckermann ihren Dienst getan.

© Foto: Privat


"Mein Mann ist Schuld", sagt Monika Willers lachend, wenn man sie nach dem Ursprung ihres ungewöhnlichen Hobbys fragt. Gestrickt hat sie schon immer gerne, vor allem Socken, aber das hat immer recht lange gedauert. "Ein Freund meines Mannes hatte dann eine Sockenstrickmaschine bei sich zu Hause. So was wollte ich dann auch haben", berichtet Willers.

Per Anzeige in der örtlichen Tageszeitung machte sie sich auf die Suche nach einem passenden Modell. Nicht einfach, viele der alten Maschinen wurden schon im Zweiten Weltkrieg wieder vernichtet. Weil die unverwüstlichen Wunderwerke der Mechanik oft aus viel Stahl bestehen, schmolzen die Nazis die Maschinen zugunsten des Waffenbaus ein.

Willers wurde trotzdem fündig. Ein Mann meldete sich auf die Anzeige. "Er hatte sie auf dem Flohmarkt gekauft, kam damit aber nicht zurecht. Trotz Anleitung hat er sie nicht in Gang gebracht", erinnert sie sich. Willers "kaufte" die Maschine für zwei Flaschen Wein – der Grundstein für das Hobby, das sie nun seit rund 15 Jahren ausübt.

Kleine Sammlung am Bodensee

Sammlerin aus Leidenschaft: Monika Willers.

© Foto: Privat


Willers kauft, restauriert und pflegt Strickmaschinen, manche davon haben gut hundert Jahre auf dem Buckel. Inzwischen hat sie eine kleine Sammlung in ihrer Werkstatt in Tettnang, einem Städtchen wenige Kilometer östlich der Bodenseestadt Friedrichshafen. Gemeinsam mit ihrem Mann, der mit seinem handwerklichen Geschick eine unverzichtbare Unterstützung darstellt, lebt Willers in Tettnang. Für eine passende Maschine, die über ein gewisses Alter und ansprechende Technik verfügen sollte, ist der 61-Jährigen aber kein Weg zu weit.

So fuhr sie Anfang des Jahres nach Bayreuth um eine Mützenstrickmaschine abzuholen. Auf dem Anwesen des Verkäufers erblickte Willers dann zufällig eine Bommelstrickmaschine. Sowas wollte sie schon immer mal haben. Selbstverständlich steht auch dieses Gerät inzwischen bei ihr, selbstverständlich hat sie es bereits genau in Augenschein genommen. "Das mit der Bommelstrickmaschine stimmt nur teilweise, sie kann auch kleine Dekoelemente, zum Beispiel für Kissen, herstellen." Die Maschine stammt aus der Werkstatt von Ernst Stöckermann, nach dem in Treuchtlingen sogar eine Straße benannt ist.

Wenige Informationen erhalten

Über Stöckermann, der ein hervorragender Lehrherr gewesen sein soll, finden sich im Internet praktisch keine Informationen mehr. Alles was sie über den Unternehmer weiß, hat Willers von seinen Enkeln erfahren. "Der Ursprung ist wohl eine Maschinenbaufirma in Wuppertal. Während des Krieges ist Stöckermann dann nach Tschechien geflohen und von dort nach Treuchtlingen gekommen."

Anfang der 1960er Jahre verstarb Stöckermann, seine Firma überlebte ihn nur um wenige Jahre. Doch ein kleiner Teil seines Erbes steht jetzt in der Tettnanger Werkstatt von Monika Willers. Noch läuft das Gerät allerdings nicht. "Ich bin auf der Suche nach einem alten Foto, das die Maschine im Ursprungszustand zeigt", sagt Willers. Sie vermutet, dass ein Teil fehlt, weiß aber nicht genau, welches. Aber das wird schon, am Ende werde sie das alles hinbekommen, sagt Willers.

Material für die Ewigkeit

Wer, wenn nicht sie, die schon immer alles selbst reparieren wollte und schon mal ein paar Monate an der Mechanik tüftelt bis eine alte Maschine wieder ihren Dienst tut. Ein paar befreundete Feinmechaniker helfen ihr, wenn sie mal mit ihrem Latein am Ende sein sollte. Und sie fertigen passende Ersatzteile an, die es sonst praktisch nirgends mehr zu kaufen gibt. Dass Teile kaputtgehen sei aber selten, sagt Willers. Früher wurde noch solides Material verbaut.

Mützen, Socken und Schals kann Monika Willers auf ihren Strickmaschinen produzieren. Eine Mütze ist für knapp 20 Euro zu haben.

© Foto: Privat


Als es mit ihr und den Strickmaschinen losging, gab es in Deutschland nur eine gute Handvoll Menschen, die ihre Freizeit den alten Gerätschaften widmeten. Mittlerweile gibt es ein Online-Forum mit rund 90 Strickmaschinenenthusiasten. Ab und zu führt Willers ihre Maschinen auf Märkten oder in Museen vor. Dann kann man die Strickwaren auch kaufen. Eine einfache Mütze kostet 19 Euro. Trotz des Aufwandes den sie betreibt, ist die Leidenschaft für Strickmaschinen immer ein Hobby geblieben. Geld verdient sie damit nicht, Zuschüsse vom Staat gibt es ebenfalls nicht. Dabei ist es durchaus ein Stück deutsche Industriekultur, das die Heilpädagogin erhält und für zukünftige Generationen bewahrt.

Wo das Ehepaar Willers seine Zukunft verbringen wird, ist indes noch nicht ganz klar. Die Mieten im Bodenseeraum steigen stetig, die Schmerzgrenze ist bald erreicht. "Wir würden auch wegziehen von hier, auch nach Treuchtlingen. Wenn jemand dort ein günstiges Haus mit Werkstatt zu vermieten kann, darf er sich gerne melden", sagt Willers. Die Zeit, die sie in die Pflege der Maschinen investiert, spart sie übrigens beim Stricken. Per Hand dauert eine Socke mehrere Stunden. Ihre Strickmaschinen schaffen das in vier Minuten. Kalte Füße gibt es im Hause WIllers also nicht mehr.

Einen kleinen Überblick über Monika Willers‘ Schätze gibt es im Internet unter www.wollmond-werkstatt.de.

DOMINIK MAYER E-Mail

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