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Vier Jahre bangen: Flüchtlingsfamilie darf endlich umziehen

Hilferuf im Treuchtlinger Kurier war erfolgreich - Private Unterstützer gefunden - 03.07.2020 06:04 Uhr

Aminat Gabaeva mit ihrem Sohn Daud. Aufgrund einer schweren Behinderung sitzt der Achtjährige im Rollstuhl und benötigt rund um die Uhr intensive Betreuung.

© Foto: Patrick Shaw


Am 13. Mai flatterte das Glück ins Haus, unscheinbar und schmucklos in Form eines nüchternen Schreibens der Regierung von Mittelfranken. Doch der Inhalt des Briefs sorgte für regelrechte Jubelstürme bei Aminat Gabaeva und ihrem Mann Adam Barigov – weil die Behörden nun, nach vielen Jahren des Wartens für die fünfköpfige Familie, endlich einem Umzug zustimmen. Raus aus der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge, rein in ein kleines Häuschen in Treuchtlingen.

Enger könnten die Verhältnisse kaum sein: Der Zugang zur Dusche wird durch den hohen Einstieg erschwert.

© Foto: Patrick Shaw


Der guten Nachricht war jede Menge Ärger vorausgegangen. Anfang Mai hatten wir über den Fall der Familie berichtet, die 2013 aus Tschetschenien nach Deutschland geflohen war. Der älteste Sohn Daud leidet unter einer schweren Behinderung, kann nicht einmal selbstständig sitzen oder stehen. Die Körperpflege des Achtjährigen war für Mutter Aminat eine Qual. Täglich musste sie ihren Sohn in eine schmale Dusche tragen um ihn zu waschen. Eine Badewanne, die das Prozedere deutlich erleichtert hätte, gab es in der Gemeinschaftsunterkunft nicht.

Schon seit 2016 war die Familie deshalb auf der Suche nach einem Zuhause, das ihren besonderen Bedürfnissen gerecht wird. Mehrere Male lehnte das Sozialamt in der Folge Wohnungen ab, in die das Ehepaar gern gezogen wäre. Zu klein, zu groß, zu teuer – nie passte es so richtig. Beinahe wäre das im Frühjahr dieses Jahres wieder so gewesen, als die Familie das kleine Häuschen von Edith Stengel - die die Immobilie im Auftrag ihrer betagten Schwiegermutter verwaltet - mieten wollte. Dem Antrag auf Übernahme der Kosten an das Sozialamt folgten lange Wochen des bangen Wartens – und schließlich die Ablehnung. Die monatliche Miete sei um 84 Euro zu hoch, argumentierte die Behörde.

Veröffentlichung zeigte Wirkung

Vermieterin Stengel, genervt von der aus ihrer Sicht unkooperativen Haltung des Amts, wandte sich damals an den Treuchtlinger Kurier. Sie konnte nicht verstehen, dass man die Familie so lange hingehalten hatte, um ihr schließlich den Einzug zu versagen. Unsere Zeitung griff den Fall auf und erzählte die Geschichte von Aminat Gabaeva, Adam Barigov und ihren drei Kindern. Von den Problemen bei der Körperpflege, von der frustrierenden Suche nach einer neuen Bleibe. Und von den gefährlichen "Ausflügen" des jüngeren Sohns Seifuhla, der manchmal aus der Gemeinschaftsunterkunft weglief, weil ihn kein Zaun daran hinderte – bis er im Sommer 2019 schließlich von Polizeibeamten am Treuchtlinger Bahnhof entdeckt wurde.

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Wenige Tage nach Erscheinen unseres Artikels meldeten sich drei Leser aus dem Raum Treuchtlingen bei der Redaktion. Alle äußerten den Wunsch, anonym zu bleiben, waren aber bereit, die Familie finanziell zu unterstützen. Die Vermieterin senkte die Miete, sodass sich das Sozialamt schließlich bereiterklärte, die Kosten zu übernehmen. Damit Stengel trotzdem keine Einbußen hat, überweist ihr nun jeder der drei Gönner monatlich einen zweistelligen Euro-Betrag. Schließlich gehört das Haus eigentlich ihrer Schwiegermutter, die inzwischen in einem Pflegeheim wohnt. Die Kosten dafür muss die alte Dame von den Mieteinahmen begleichen. 

Bescheidener "Luxus"

Seit 1. Juni wohnt die Familie Gabaeva und Barigov nun in ihrem neuen Haus, das in Wahrheit ziemlich alt ist und schon länger nicht renoviert wurde. Doch während Mutter Aminat mit Sohn Daud auf Kur weilte, richtete Vater Adam das Häuschen her. "Er hat ein paar Zimmer gestrichen und will im Hof einen Sandkasten bauen", erzählt Valentina Schild, die die Familie als ehrenamtliche Helferin begleitet. Im Hof soll bald Rasen wachsen, und auch der Balkon bekommt noch einen neuen Anstrich.

"Es gefällt ihnen alles super hier. Das mit dem Waschen klappt jetzt viel besser, weil es endlich eine Badewanne gibt", sagt Schild. Das neue Zuhause tue allen gut, die Mutter sei ruhiger geworden und nicht mehr so gestresst wie zuvor. "Sie ist total glücklich", spürt auch Edith Stengel. "Zum Einzug hat sie mir sogar gleich ein kleines Geschenk mitgebracht." Für die Familie ist das Haus im Vergleich zu vorher wirklich Luxus. "Ich freue mich, dass ich Mieter gefunden habe, die das alte Häuschen so schätzen", sagt Stengel. Und sie selbst könne nun auch wieder etwas ruhiger schlafen - mit dem Wissen, dass die Schwiegermutter ihre Pflegekosten nun wieder etwas leichter schultern kann. 

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