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Vor 75 Jahren: Treuchtlingen versinkt im Bombenhagel

Vor 75 Jahren sterben beim Angriff der Amerikaner auf den Bahnhof rund 600 Menschen - 23.02.2020 06:04 Uhr

Auf fast jedem Gleis des Treuchtlinger Bahnhofs treffen die US-Bomber am 23. Februar 1945 Güter- und Personenzüge. Das Bild zeigt die Zerstörungen unweit des Bahnbetriebswerks mit dem Nagelberg im Hintergrund. © TK-Archiv


"Clarion" (Signalhorn) nennt die US Army Air Force die Operation, mit der sie in den letzten Kriegswochen Infrastruktur und Nachschub Nazi-Deutschlands endgültig ausschalten will. Die Bahnhöfe in Würzburg, München und Nürnberg sind bereits zerstört, das rund 5000 Einwohner zählende, vom Krieg weitgehend verschonte Treuchtlingen dagegen noch ein wichtiger Verkehrsknoten des verbrecherischen Regimes.

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23. Februar 1945: Als in Treuchtlingen die Bomben fallen

Am 23. Februar 1945 verlieren beim Luftangriff der Amerikaner auf Treuchtlingen 586 Menschen ihr Leben.


Der 23. Februar ist ein kalter, sonniger Freitag. Fast alle Gleise sind mit Zügen belegt. Einer davon ist ein Munitionszug mit 30 Waggons, der bei Gefahr in den Tunnel zwischen Pappenheim und Solnhofen fahren soll. Ein zweiter Zug mit der Kennung SF 2046 bringt mehr als 300 Soldaten auf Fronturlaub in die Stadt.

Luftaufnahme nach dem zweiten Angriff auf Treuchtlingen am 11. April 1945: Gut zu erkennen sind die Bombentrichter rund um Bahnhof und Kästleinsmühle (oben links) sowie in der Bildmitte die damals noch schnurgerade Altmühl. © TK-Archiv


Nachdem schon morgens ein Flugzeug mit Kondensstreifen einen Achter in den Himmel gemalt hat, schießen kurz nach dem Eintreffen der beiden Züge zwei Tiefflieger über die Bahnanlagen und nehmen die Gleisarbeiter ins Visier. Der Munitionszug verlässt daraufhin noch rechtzeitig den Bahnhof. Um 11.15 Uhr folgt die erste Angriffswelle. Zwölf US-Bomber legen das Gebiet um die Kästleinsmühle in Schutt und Asche. Flugabwehr gibt es keine, die Kanonen auf dem Patrich, dem Galgenbuck, in den Altmühlwiesen und in der Eulenhofstraße (wo Flugzeugmotoren lagern) wurden vor Monaten abgezogen.

Die zweite Welle trifft das Hauptziel, den Bahnhof und die angrenzenden Stadtwerke, die dritte das Gebiet bis zum Gasthaus "Zur Krone". Insgesamt werfen die Amerikaner 175 Tonnen Spreng- und Brandbomben ab. 281 Häuser werden zerstört, ein Drittel des örtlichen Wohnraums.

Unterführung wird zur Todesfalle

Hauptgründe für die große Opferzahl sind der Fronturlauberzug, der komplett zerstört wird, und ein Volltreffer auf die Bahnsteigunterführung. In diese haben sich viele Menschen geflüchtet, die keinen Keller oder Bunker mehr erreicht haben. Bis heute erinnert dort (seit dem Umbau des Bahnhofs im Jahr 2004 allerdings rund 50 Meter weiter südlich) eine Gedenktafel an die Opfer, von denen die meisten auf der Kriegsgräberstätte am Nagelberg beigesetzt sind. Die letzten Toten werden noch ein Jahr später geborgen, auf Überreste der Züge stoßen Arbeiter der Bahn bis heute.


Zum Thema: Treuchtlinger Zeitzeugen erinnern an den 23. Februar 1945


Nach diesem "schwarzen Freitag" machen sich Soldaten, Kriegsgefangene, Reichsarbeitsdienst und Volkssturm noch einmal fieberhaft daran, die Bahnanlagen wieder instandzusetzen. Keine zwei Monate später vollenden die Amerikaner jedoch ihr Werk: Am 11. April werfen 48 Maschinen weitere rund 500 Bomben über dem nun nahezu leeren Bahnhof ab, zerstörten Betriebs- und Gaswerk, jüdischen Friedhof und Teile der Burg. Weitere Luftangriffe treffen am 23. Februar Weißenburg und Ellingen, am 5. März Pleinfeld, am 15. April Solnhofen und am 16. April Gunzenhausen.


Kommentar: Bomben gegen Nazi-Terror – Relativieren ja, aber bitte richtig


Die katholische Kirchengemeinde in Treuchtlingen gedenkt der Opfer der Luftangriffe beim Sonntagsgottesdienst um 8.45 Uhr in der Marienkirche. Um 11.15 Uhr läuten dann alle Kirchenglocken der Altmühlstadt in Erinnerung an den Tag, um 11.30 gibt es eine ökumenische Gedenkfeier in der Bahnsteigunterführung. Im Namen der Kommune legt Bürgermeister Werner Baum dort einen Kranz nieder. Eine große städtische Gedenkfeier gibt es alle zehn Jahre.

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