Samstag, 29.02.2020

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Vorlesewettbewerb: Mit Abrakadabra zum Sieg gelesen

Fünf Jungen und Mädchen der sechsten Klasse traten gegeneinander an - 15.02.2020 15:57 Uhr

Milo Petrovic von der Treuchtlinger Senefelder-Schule (vorne links) hat den Kreisentscheid des Vorlesewettbewerbs der Sechstklässler gewonnen. TK-Redakteur Benjamin Huck (dahinter) saß in der Jury und berichtet über seine Erlebnisse. © Foto: Privat


Ich gebe zu: Als Kind war ich ein Lesemuffel. Bücher haben mich als Sechstklässler nicht wirklich interessiert, sie gehörten eben zum Unterricht dazu und blieben nach 13 Uhr meistens im Rucksack, damit ich an den Nachmittagen meine ganze Aufmerksamkeit dem Fernseher widmen konnte. Hätte mich als Zwölfjähriger jemand gebeten, etwas laut vorzulesen, wäre dabei wohl nur ziemliches Gestammel herausgekommen.

Jetzt, 18 Jahre später, verdiene ich mit Schreiben und Lesen mein Geld, weshalb mir die Ehre zuteilwird, Jury-Mitglied des Vorlesewettbewerbs der sechsten Klassen in der Treuchtlinger Stadtbibliothek zu sein. Neben mir sitzen Bürgermeister, Grundschullehrerin und Bankfilialleiter als Mitjuroren, vor mir drei Mädchen und zwei Jungs, die uns etwas aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen werden. Und zumindest mir kommt es so vor, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen.

In ihren Schulen haben sich Stella, Milo, Sebastian, Sophia und Johanna schon als Klassensieger durchgesetzt. Der Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels gibt es seit 1959, er steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Bundesweit beteiligen sich daran jedes Jahr etwa 600 000 Schüler aus rund 7000 Schulen. Die Buchhändler möchten mit der Aktion natürlich auch ihr eigenes Geschäft fördern.

Anonyme Kandidaten

Wo genau die fünf Schüler des Kreiswettbewerbs herkommen, weiß die Jury vorher nicht, sie soll unvoreingenommen urteilen. Jedes Kind darf etwa drei Minuten aus einem selbst gewählten Buch vorlesen. Die Jury bewertet Kriterien wie Lesetechnik (Aussprache, Tempo und Betonung), Interpretation (inhaltliches Erfassen des Textes) und Textstellenauswahl, also ob das Buch Interesse weckt und die Passage schlüssig ist. Für jede Kategorie werden Punkte vergeben, anschließend wird zusammengezählt und gewertet.

In der PISA-Studie zum Vergleich der Schulleistungen in verschiedenen Ländern spielt die Lesekompetenz der Schüler ebenfalls eine Rolle. Dabei werden zwar Neuntklässler bewertet, doch wer drei Jahrgangsstufen darunter schon gut liest, wird es kaum verlernen. Die Ergebnisse der ersten PISA-Studie ordneten die Bundesrepublik eher unter dem Durchschnitt ein, inzwischen haben sich die Werte aber verbessert.

Allerdings geht hier die Schere auseinander: An Gymnasien haben nur zwei Prozent der Schüler Probleme mit dem Lesen, insgesamt sind es 21 Prozent der Neuntklässler. Sie können nur auf Grundschulniveau lesen. Ein Problem, dass sich auch auf die Zukunft auswirkt, etwa wenn es darum geht, Verträge zu verstehen.

Davon sind die Teilnehmer am Vorlesewettbewerb weit entfernt. Die Jugendbücher, die sie sich ausgesucht haben, sind stellenweise ganz schön anspruchsvoll. Es kommen nicht nur englische Begriffe vor, die oft schon den Weg in die deutsche Sprache gefunden haben, sondern auch viele direkte Reden. Und auch die Geschichten haben es in sich – mal geht es um eine Zauberschule, mal aber auch um ernste Probleme in der Familie.

Im Anschluss werden die Schüler quasi ins kalte Wasser geworfen: Sie müssen aus dem Buch "Das Abrakadabra der Fische" von Simon van der Geest vorlesen – einen Jugendroman, den sie nicht kennen. In ihm fragt die Protagonistin Vonkie ihren Großvater über dessen Jugend mit seinen fünf Brüdern aus. Viele Namen, viele Zitate, viele Stolpersteine, die es zu bewältigen gilt, und die die jungen Vorleser meistern. Für die Jury eine harte Entscheidung, denn gut waren sie alle fünf.

Am Ende kann aber nur einer die Siegerurkunde mitnehmen, auch wenn die Entscheidung knapp ausfällt. Mit 40 Prozent ist die Jungen-Quote in Treuchtlingen für einen solchen Wettbewerb besonders hoch, und mit Milo setzte sich auch ein männlicher Schüler gegen seine Mitbewerber durch. Er darf die Sechstklässler im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen nun im März beim mittelfränkischen Bezirksentscheid in Ansbach vertreten. Zum Schluss wird für die Jury dann auch das Geheimnis der Herkunft gelüftet: Milo geht auf den Realschulzweig der Senefelder-Schule. Vielleicht tritt er ja im Juni für die Altmühlstadt sogar beim Bundesfinale in Berlin an . . .

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