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Was wird aus dem Möhrener Schutzengelhaus?

Schrott und Gerümpel türmen sich auf dem Gelände - Kein Kontakt zu Eigentümer - 13.04.2020 05:57 Uhr

Mit seiner gelben Fassade und dem Turm mit dem goldenen Engel auf der Spitze ist das 130 Jahre alte Schutzengelhaus nach dem Schloss (im Hintergrund) wohl – auch wegen seiner Größe in beengter Lage – das prägendste Gebäude in der Möhrener Dorfmitte.

09.04.2020 © Patrick Shaw


Die mächtige Eisenbahnbrücke oder das Schloss – das kleine Möhren hat mehrere große Bauwerke. Die Dorfmitte prägt indes ein anderes prominentes Gebäude: das sogenannte Schutzengelhaus.

Das ehemalige Waisenhaus mit dem goldenen Engel auf dem Turmdach hat eine bewegte Geschichte, wirkt aber zusehends heruntergekommen. Die privaten Besitzer sind den Dorfbewohnern zufolge zwar immer wieder in den weitläufigen Räumen zugange, nachts brennt Licht, und vor dem Hintereingang türmen sich Schrott und Gerümpel. Für die Stadt sind die Eigentümer jedoch nicht greifbar, seit Jahren versucht Bürgermeister Werner Baum nach eigener Aussage vergeblich, Kontakt aufzunehmen. Denn was mit dem Gebäude auf kurz oder lang geschieht, wird das Möhrener Dorfbild nachhaltig prägen.

Die Geschichte des Schutzengelhauses reicht zurück bis ins Jahr 1881. Damals nahm sich der Ortspfarrer Johann Michael Schmidt der Möhrener Waisenkinder an und versorgte sie im Pfarrhaus. Zusammen mit Pfarrern aus den Nachbardörfern gründete er den "St. Johannis-Zweigverein von Möhren und Umgebung", der bis 1889 das Schutzengelhaus baute und später um eine Elementarschule, einen Kindergarten und eine Handarbeitsschule erweiterte.

Barmherzigkeit von "oben"

Von der Grundsteinlegung am 1. August 1886 existiert in der Eichstätter Universitätsbibliothek noch die neunseitige Festrede, gehalten von "Seiner Durchlaucht Philipp Prinz von Arenberg in Gegenwart Seiner Excellenz des Herrn Grafen Max zu Pappenheim, Obersthofmeister Ihrer Majestät der Königin-Mutter Marie von Bayern". Neben unzähligen Bibelzitaten heißt es darin: "Ein Freuden- und Dankesfest ist es also, welches uns heute in diesem malerischen Thale versammelt. (...) Ist in einer Familie ein Kind gebrechlich, kränklich, nicht im Stande, sich selbst fortzubringen, welche Sorgfalt wird ihm da nicht von Seite der Eltern und Geschwister zugewandt! (...) Was nun in der natürlichen Familie die schwachen, hilfsbedürftigen Glieder, dies sind in der geheimnisvollen Familie Jesu Christi die Armen."

Mit den Besitzern sucht die Stadt seit Jahren vergeblich das Gespräch über die künftige Nutzung. Derzeit fungiert zumindest die Terrasse eher als Schrottplatz.

09.04.2020 © Foto: Patrick Shaw


Und weiter, ganz nach dem damaligen Weltbild von arm und reich, Herrschern und Beherrschten: "Den Unterschied der Stände können wir nicht beseitigen, er ist von Gott gewollt, (...) wohl aber können und sollen wir durch die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit den Armen mit seinem traurigen Lose aussöhnen, aus seinem Herzen alle Bitterkeit und Eifersucht bannen. Hierin liegt die einzig gründliche, ja einzig mögliche Lösung der mit jedem Tage brennenderen sozialen Frage."

Zu den Kindern, die im Schutzengelhaus leben sollten, bemerkt von Arenberg; "Wer steht aber wohl elender und hilfsbedürftiger da, als jene unglücklichen Kinder, welche entweder der grausame Tod ihrer natürlichen Stützen beraubt, bezüglich deren Eltern ihre heiligste Pflicht versäumen oder gar derselben zuwider handeln? (...) Den von der Natur Enterbten das Heim zu ersetzen, Vater und Mutterstelle an ihnen zu vertreten, dies ist das erhabene Ziel, welches dem St. Johannis-Zweigvereine schon seit Jahren vorschwebt."

Im Waisenhaus, dessen Bau Bayerns knapp zwei Monate zuvor verstorbener König Ludwig II. der Festrede zufolge mit 1200 Mark sowie Prinzregent Luitpold mit weiteren 800 Mark bezuschusst hatten, sollten diese Kinder "zu frommen Christen, nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranwachsen und in andächtigem Gebete die Segnungen des Himmels auf ihre Wohltäter herabflehen." Die erste Seite des Redemanuskripts ziert ein Stich, der "Unsere liebe Frau von den Engeln, Patronin des Schutzengelhauses in Möhren" zeigt.

Geleitet wurde die Einrichtung ab 1890 von den Augsburger Franziskanerinnen von Maria Stern, unter denen 1891 noch die Kapelle "Regina angelorum" hinzukam. Aus dem Waisenhaus entwickelte sich bald ein heilpädagogisches "Heim für Kinder und größere Mädchen mit Verhaltensproblemen".

Mörderische Jahre unter den Nazis

Dunkle Zeiten erlebten die Möhrener Waisen nach Erzählungen von Zeugen im "Dritten Reich". Die Nazis setzten russische Betreuerinnen ein, die Ordensschwestern verrichteten nur noch den Haushalt. In den 1930er Jahren nahm das Heim vermehrt Säuglinge von (meist polnischen) Zwangsarbeiterinnen aus der Region auf, die dann oft auf ungeklärte Weise ums Leben kamen. Im Zuge der Euthanasie-Gesetze wurden zwischen 1939 und 1941 zudem immer wieder Kinder aus Möhren nach Kaufbeuren und von dort in verschiedene Tötungsanstalten gebracht.

Der Schutzengel thront auf der Spitze des Turmdachs.

09.04.2020 © Foto: Patrick Shaw


Nach dem Krieg fand insbesondere die Heimschule großen Zulauf, da die Dorfschule keinen Lehrer mehr hatte. Das Schutzengelhaus wurde weiter vergrößert und umgebaut, bis schließlich Anfang der 1970er Jahre ein neues Jugendhilfegesetz kleinere Gruppen vorschrieb und die Einrichtungen damit an ihre Kapazitätsgrenzen brachte. Ein Architektenwettbewerb ergab, dass ein Neubau an alter Stelle wegen der beengten Lage am Steilhang nicht realisierbar sei.

1976 übernahm deshalb die Caritas die Trägerschaft, und die Kinder zogen ins Kinderdorf Marienstein nach Eichstätt um. Kurzfristig hielt nochmals von 1979 bis 1983 Leben im Schutzengelhaus Einzug, als vietnamesische Flüchtlinge aus Lagern in Manila und Hongkong dort untergebracht waren. Danach stand der weitläufige Komplex lange leer.

Wie das Landratsamt mitteilt, steht das markante Haus trotz dieser bewegten Geschichte bis heute nicht unter Denkmalschutz und ist auch nicht Teil eines schützenswerten Ensembles. "Somit können wir als Untere Denkmalschutzbehörde auch keine Maßnahmen in die Wege leiten oder etwas veranlassen", so Sprecherin Lena Kagerer.

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