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Mittwoch, 08.07.2020

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Wegen Corona: Tod unter Auflagen in Altmühlfranken

Bestattungen werden hinausgezögert - Für Angehörige belastend - 16.04.2020 05:56 Uhr

Beerdigungen in Corona-Zeiten: Große Leere, statt Stühle und Rednerpult. Wo sonst bis zu 90 Personen genügend Platz haben, steht Birgitt Bajorek, Chefin des Beerdigungsinstitutes Heidemarie Bauer in Gunzenhausen, allein da. Das gemeinschaftliche Abschiednehmen von einem Menschen entfällt. © Foto: Reinhard Krüger


Die Vorgaben sind hart. In einem nüchternen Schreiben vom 26. März hat das bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege Kreisverwaltungen und Bestattungsunternehmen darüber in Kenntnis gesetzt, wie Beerdigungen in Zeiten der Corona-Krise abzulaufen haben. Die Auflagen, die das Ministerium macht, verändern den Charakter vieler Trauerfeiern fundamental. Aus dem gemeinsamen Zeremoniell des Abschiedsnehmens mit Freunden, Bekannten und Weggefährten des Verstorbenen ist krisenbedingt eine kurze Zusammenkunft im engsten Familienkreis geworden.

Höchstens zehn, maximal jedoch 15 Personen darf die Trauergemeinde umfassen. Um zu verhindern, dass Gäste unangemeldet erscheinen, ist die Veröffentlichung des Beerdigungstermins untersagt. Der allgemeine Mindestabstand ist einzuhalten, Trauerreden finden – wenn überhaupt – direkt am offenen Grab statt. Die Aussegnungshallen bleiben geschlossen. Erdwurf und Weihwassergaben am Grab müssen entfallen.

Das Coronavirus führt Regie über unseren Alltag – selbst in den schmerzlichsten und intimsten Momenten. Auch in ländlich geprägten Regionen, wo sich sonst große schwarz gewandete Menschentrauben über die Friedhöfe bewegen, wenn es darum geht, einem lieben Freund die letzte Ehre zu erweisen, stehen nun nur die engsten Angehörigen am Grab.

Regelrecht ein Kulturbruch, der manche Angehörige dazu verleitet, die Bestattung möglich lange hinauszuzögern. In die Zeit nach Corona, wann immer sie beginnen mag. "Manche Urnenbeisetzungen werden zurückgestellt, weil es eben nicht nur im kleinsten Kreis stattfinden soll", berichtet Edgar Tschernach, Chef des Treuchtlinger Bestattungsinstituts Humanitas. Im Gegensatz zur Erdbestattung, die nach Möglichkeit innerhalb von vier Tagen nach dem Ableben des Verstorbenen erfolgen soll, gibt es für Urnenbeisetzungen keine rechtlichen Vorgaben.

"Man will abschließen können"

Nach dem Tod einige Monate zu warten, ist theoretisch also kein Problem. Einem Bericht des Bayerischen Rundfunks zufolge steigt daher die Nachfrage nach Feuerbestattungen im Freistaat. In der Region hält sich dieser Trend noch in Grenzen. Bestatter Tschernach betont: "Wir empfehlen die Verzögerung eigentlich nicht. Man will ja auch mit dem Tod abschließen können und zu Ruhe kommen." Die stark reduzierte Form der Trauerfeiern sei für einige Angehörige aber belastend.

Für die Bestatter selbst ergibt sich noch ein weiteres Problem. Wie soll man umgehen mit Menschen, die an Covid-19 gestorben sind? Zwei solcher Fälle habe er schon gehabt, sagt Tschernach. "Das ist ungewohnt, man muss eben noch hygienischer arbeiten als ohnehin schon."

Klaus Unger, der ein Bestattungsunternehmen in Weißenburg betreibt, kennt dieses Gefühl. Fünf Corona-Tote hat er bereits versorgt. "Nachschub an Schutzkleidung ist schwer zu bekommen. Ich hab auch das Gefühl, dass nur an Ärzte und Pflegepersonal gedacht wird, nicht aber an Bestatter", klagt er. Dass die derzeitige Situation für Angehörige eine emotionale Herausforderung ist, weiß er.

Trotzdem sei das Verständnis für die Maßnahmen meistens groß. "Man muss die Menschen eben darüber aufklären, was man darf und was nicht", sagt Unger. Und darauf verweisen, dass das Abschiednehmen verglichen mit der Lage in Italien, Spanien und New York noch immer pietätvoll möglich ist. Von Einäscherungen, um den Termin der Trauerfeier zu verschieben, hält er daher auch wenig. "Aus psychologischer Sicht ist das Blödsinn. Und wenn der Verstorbene sehr bekannt war, dann kann man ja zu einem späteren Zeitpunkt noch einen Trauergottesdienst mit Gästen machen."

Das sieht Birgitt Bajorek, Inhaberin des Gunzenhäuser Bestattungsinstituts Heidemarie Bauer, ganz ähnlich. "Man macht die Trauerphasen sonst damit kaputt", sagt sie. Bislang gebe es bei ihren Kunden auch keine ausgeprägte Tendenz zur Feuerbestattung. Das Verständnis der Trauernden für die besonderen Umstände sei vielmehr groß. Immerhin sind Reden am Grab noch möglich, auch Pfarrer dürfen selbstverständlich dabei sein.

Für Menschen, die einer Infektion mit dem Coronavirus erlegen sind, gelten nochmal besondere Regeln. Das sonst übliche Waschen und Ankleiden der Verstorbenen ist den Bestattern dann nicht erlaubt. Außerdem muss der leblose Körper in einen Leichensack verpackt werden. "Wir sagen dazu Notfallhülle oder Bergungshülle", erklärt Bajorek. "Leichensack klingt so hart."

Eingeschränkte Sterbebegleitung

Immerhin sind bislang auch für Covid-19-Opfer alle Formen der Bestattung erlaubt. "Es gibt keine Vorschriften, dass es zum Beispiel eine Feuerbestattung sein muss", sagt sie. Bajorek glaubt, dass die strengen Regeln bei Beerdigungen Menschen zwar belasten, aber letztlich für viele verkraftbar seien. "Das Schlimmste ist aber, dass die Angehörigen momentan beim Sterben kaum dabei sein können. Oft darf nur eine Person hin." Krankenhäuser und Pflegeheime erlauben Besuche auch im Sterbefall oft nur unter strengen Auflagen. Nicht nur auf den Friedhöfen ist es durch Corona einsamer geworden.


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