Mittwoch, 23.10.2019

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Wettelsheim: Frischekur für die Christuskirche

Gotteshaus wird seit Jahresbeginn saniert und kann auf eine über 250-jährige Geschichte zurückblicke - 05.10.2019 05:57 Uhr

Die Christuskirche in Wettelsheim ist seit dem 1. Januar wegen umfassenden Renovierungsarbeiten geschlossen. Die Arbeiten werden sich bis ins nächste Jahr hinziehen. Alle Gottesdienste, auch die für die Kirchweih am Wochenende, finden seitdem in der Martinskirche statt. © Foto: Hans Geißelmeyer


Kurz bevor sich das Altmühltal bei Treuchtlingen verengt, liegt Wettelsheim im Tal der östlichen Rohrach. Vom Bach zieht sich das stattliche Dorf den Hang hinauf, wo oben eine Kirche mit lang gestrecktem Kirchenschiff und gedrungenem Turm steht, die ehemalige, dem heiligen Martin geweihte, Pfarrkirche des Dorfes, die heute als Friedhofskirche dient.

Unten im Dorf ragt ein zweiter Kirchturm über die Dächer, der zur Christuskirche gehört, die heute die Hauptkirche der evangelischen Gemeinde Wettelsheim ist – und deren Weihe immer am Sonntag nach Michaelis gefeiert wird – heuer also vom heutigen Samstag, 5., bis zum Montag, 7. Oktober.

Die Christuskirche, die seit Januar wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist (die Gottesdienste werden in St. Martin gefeiert), steht auf dem Areal des ehemaligen Wülzburgisches Amtshofes, zu dem einst auch eine Marienkapelle gehörte, über deren Alter und Aussehen aber kaum etwas bekannt ist.

Als 1756/57 die heutige Kirche errichtete wurde, blieben wohl die Untergeschosse der alten Kapelle erhalten und wurden in den Neubau integriert. Bei den beengten Verhältnissen auf dem Platz des Amtshofes wurde das Kirchenschiff von dem Ansbacher Hofbaumeister Johann David Steingruber als Quersaal gebaut mit dem Turm an der westlichen Querseite und einem zweigeschossigen Anbau im Osten.

Während der Turm zugleich das Treppenhaus für die Emporen ist, befinden sich im östlichen Anbau die Sakristei und auf der Empore über der Kanzel die Orgel. Anscheinend war die Bausubstanz des Turmes aber doch nicht mehr so stabil, sodass er etwas mehr als 100 Jahre später abgebrochen und in seiner heutigen Form nach den Plänen des Gunzenhausener Bauinspektors Gustav Renner neu errichtet wurde.

Im Inneren zeigt sich die Kirche, die erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts den Namen "Christus-Kirche" erhielt, als typische "Markgrafenkirche". An der östlichen Breitseite des Kirchenschiffes sind Altar, Kanzel und Orgel übereinander angeordnet. Den Altar flankieren Türen, durch die man in die Sakristei, auf die Kanzel und zur Orgel gelangt.

Zwei Bilder mit lebensgroßen Darstellungen von Martin Luther und Philipp Melanchthon hängen rechts und links der Kanzel. Vor dem Altar steht ein neugotischer Taufstein. Das Langhaus umlaufen Emporen auf der Nord-, West- und Südseite, wobei die Westempore zweistöckig ist. Hier befand sich einst die Adelsloge der Herren von Leubelfing, die ihren Sitz in Falbental hatten und deren Grablege die Martinskirche war. Auf der Brüstung der Kanzel hat sich der Baumeister Johann David Steingruber mit einer kleinen Inschrift verewigt: "17 IS 57".

Originelle und historische Glocke

Viel älter als der heutige Kirchenbau und vielleicht noch aus der alten Marienkapelle stammend ist eine nicht allzu große Glocke aus der Zeit um 1300. Ihre Inschrift ist zunächst sehr rätselhaft, und einige Historiker wollten darin schon eine Beschwörungsformel erkannt haben, zumal die einzelnen Worte, in Großbuchstaben geschrieben, durch übereck gestellte Vierblätter, Sieben- und Achtstrahlensterne getrennt sind.

Sollte es sich vielleicht um eine "Wetterglocke" handeln? Solche Glocken gab es früher oft, und sie wurden bei Gewitter geläutet, um Blitze abzuwehren. Und sollte die Inschrift etwa ein Bannspruch sein?

"SVEHTAM SENNHOI SVCRAM SACVL" ist da zu lesen. Der vermeintliche Bannspruch wird schnell "entzaubert", wenn man die Worte von rückwärts liest, denn da erkennt man die Namen der vier Evangelisten: "LVCAS MARCVS IOHANNES MATHEVS". In der mittelalterlichen Schrift wurde das "U" als "V" geschrieben, und der Glockengießer war damals bei den Abläufen beim Bau der Gussform wohl gründlich durcheinandergekommen.

Da ist nämlich die "falsche Glocke", die über dem Glockenkern geformt wird, das genaue Abbild der zu gießenden Glocke. In den Glockenmantel, der über diese Glocke aus Lehm, Gerstenstroh, Kälberhaaren und Pferdemist geformt wird, bildet sich die Zier der "falschen Glocke" dann seitenverkehrt ab, um nach dem Guss auf der fertigen Glocke wieder richtig zu erscheinen.

Durch einen Denkfehler des mittelalterlichen Glockengießers hat die Christuskirche von Wettelsheim nun eine sehr originelle Glocke, wie sie kaum eine andere Kirche besitzt. Wenn sie läutet, stört die seltsame Inschrift natürlich nicht, denn man hört ja nicht die falsch gesetzten Buchstaben, sondern den Ton – und der passt gut zu den anderen Glocken, mit denen sie am Sonntag zum Kirchweihgottesdienst einlädt.

GÜNTER L. NIEKEL E-Mail

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