Dienstag, 22.10.2019

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Wie helfen bei Herzstillstand? Experte gibt Erste-Hilfe-Tipps

Ein Feuerwehrmann erklärt, wie man einen Defibrillator nutzt - 28.08.2019 14:19 Uhr

An einer Puppe demonstriert Erste-Hilfe-Ausbilder Uwe Frankl aus Büttelbronn, wie man einen Defibrillator am Körper eines Herzinfarkt-Patienten richtig anbringt. © Benjamin Huck


Wie erkennt man, ob ein Mensch einen Herzinfarkt hat?

Ein Herzinfarkt kann altersunabhängig auftreten, wobei das Risiko für Menschen ab 50 Jahren steigt. Auch langjährige Raucher und Menschen mit Übergewicht sind öfter betroffen. Einher geht ein Herzinfarkt oft mit einem "Vernichtungsschmerz" in der Brust, wie Frankl erzählt. So berichten Betroffene von einem Druck, der sich so anfühlt, "als ob ein Elefant auf der Brust steht".

Die Schmerzen strahlen außerdem oft aus, in die linke Schulter, den Kiefer, den Bauch oder zwischen die Schulterblätter. Weitere Anzeichen sind Atemnot, Übelkeit und Erbrechen. Die Erfahrung zeigt auch, dass Frauen einen Herzinfarkt und die damit verbundenen Schmerzen oft anders wahrnehmen – eher verschleiert, als Bauchschmerzen oder nur in den Armen. Mitunter fehlt der Brustschmerz gänzlich.

Schon bevor jemand massive Schmerzen spürt, kann es zu leichten Druckgefühlen in der Brust kommen, die in Ruhe wieder verschwinden. "Viele Menschen schieben das von sich weg", so Frankl. Jedoch sollte man einen solchen "Warnschuss" sofort von einem Arzt untersuchen lassen.

Was ist bei einem Herzinfarkt zu tun?

Zunächst sollte man per Notruf 112 den Rettungsdienst alarmieren – und auch nur den. "Viele Helfer rufen zunächst beim Hausarzt oder beim ärztlichen Bereitschaftsdienst an, die sind aber bei einem Herzinfarkt die falschen Ansprechpartner. Es kommt zu zeitlichen Verzögerungen, dabei handelt es sich um eine akut lebensbedrohliche Erkrankung", sagt Frankl. Vor allem auf dem Land erlebe er es oft, dass sich Menschen aus falscher Bescheidenheit nicht trauen, den Rettungsdienst zu alarmieren, oder sogar erst die "Genehmigung" ihres Hausarztes einholen. "Wir arbeiten zu allen Tages- und Nachtzeiten, auch an Feiertagen, das ist unser Job", so Frankl.

Außerdem rät er davon ab, einen Notfallpatienten selbst ins Krankenhaus zu fahren. Der vermeintliche Zeitgewinn wirke sich am Ende eher als große Verzögerung der notwendigen Therapie aus. "Der Rettungsdienst weiß, in welcher Klinik es die richtigen Spezialisten gibt."

Ist der Patient ansprechbar, sollten die Ersthelfer versuchen, ihn zu beruhigen und ihm den Stress zu nehmen. Auch das Öffnen von beengender Kleidung oder eines Fensters helfen. Zudem sollte der ansprechbare Patient weiterhin sitzen. "Das Herz wird dadurch entlastet, da es ja nicht mehr seine volle Leistung abrufen kann", so Frankl.

Ist der Patient nicht mehr ansprechbar und atmet nicht oder nicht normal (er röchelt oder zeigt eine Schnappatmung), ist sofort eine Herz-Druck-Massage einzuleiten, damit das Gehirn weiter mit Sauerstoff versorgt wird. Der richtige Druckpunkt befindet sich in der Mitte einer gedachten Linie zwischen beiden Brustwarzen, dort sollte etwa 100 Mal in der Minute etwa fünf bis sechs Zentimeter tief gedrückt werden. Wichtig bei der Ersten Hilfe ist Teamarbeit: "Sind noch andere Menschen vor Ort, sollte man sich alle zwei Minuten mit dem Drücken abwechseln", rät Frankl. Wer sich die Mund-zu-Mund-Beatmung zutraut, kann auch diese durchführen. "Am wichtigsten ist aber die Herz-Druck-Massage, nur so bleibt das Blut in Bewegung und versorgt das Gehirn mit Sauerstoff."

Wann kommt ein Defibrillator zum Einsatz?

Idealerweise bei jeder Herz-Lungen-Wiederbelebung. Wer weiß, dass es in der Nähe einen Defibrillator gibt, sollte jemanden losschicken, um diesen zu holen. "Ist man bei einem Notfall dagegen als Ersthelfer allein, darf man auf keinen Fall den Patienten aus den Augen lassen und die Herz-Druck-Massage unterbrechen", sagt Frankl.

Jeder Defi sieht je nach Hersteller anders aus, doch das Funktionsprinzip ist stets gleich. Ein großer Knopf ist zum Einschalten da. Danach führt eine Stimme durch den Einsatz, das Gerät spricht mit den Ersthelfern und sagt genau, was zu tun ist. Alternativ zeigen beleuchtete Piktogramme, wie das Gerät funktioniert. Zunächst müssen die Elektroden auf dem nackten Brustkorb angebracht werden. Ein Bild zeigt, an welcher Stelle sie kleben sollen. Um den Patienten von seiner Kleidung zu befreien, gibt es auch eine Schere zum Aufschneiden des Stoffs. Zudem ist ein Einwegrasierer dabei, um starke Brustbehaarung zu entfernen.

Leuchtende Tasten und Sprachanweisungen leiten durch die Defi-Bedienung. © Foto: Benjamin Huck


Wenn die Elektroden kleben, misst das Gerät, ob beim Patienten ein Kammerflimmern vorliegt. Dafür muss die Herz-Druck-Massage kurzzeitig eingestellt werden, was einem das Gerät aber ebenfalls sagt. Diagnostiziert der Computer ein Kammerflimmern, empfiehlt er einen Elektroschock. Dieser wird durch die Ersthelfer per Knopfdruck oder vollautomatisch ausgelöst – ohne dabei den Patienten zu berühren.

Nach dem Elektroschock muss die Herz-Druck-Massage weitergeführt werden. Manche Defibrillatoren, aber auch eine Hilfssoftware der Leitstelle im Rahmen des Notrufs, geben dabei durch einen Piepton den richtigen Takt vor. Erst wenn der Patient deutliche Lebenssignale zeigt wie etwa starkes Husten, oder wieder ansprechbar ist, kann mit der Herz-Druck-Massage vorerst aufgehört werden. "Ansonsten – auch im Zweifel – müssen die Ersthelfer weitermachen, bis der Rettungsdienst die Reanimation übernimmt. Also nicht aufhören, wenn der Krankenwagen vorfährt", so Frankl.

Angst, dass man mit dem Defibrillator Schaden anrichtet, brauchen die Ersthelfer nicht zu haben. "Die Geräte sind für Laien gebaut worden. Ein Elektroschock wird nur im Fall eines Kammerflimmerns abgegeben. Eine versehentliche oder falsche Schockabgabe ist ausgeschlossen", erklärt Frankl. Der größte Fehler sei es, nicht zu helfen.

Was ist sonst noch beim Defibrillator-Einsatz zu beachten?

Nur die wenigsten Geräte lösen selbst einen Notruf aus, wenn sie aus der Halterung entnommen werden. "Das gibt es oft nur an Bahnhöfen oder Flughäfen", berichtet Frankl. An manchen Orten, etwa in der Sparkasse in Langenaltheim, befindet sich neben dem Defi aber ein Notruftelefon. Nach dem Einsatz geht das Gerät an den zuständigen Beauftragten, um die Einsatzbereitschaft wieder herzustellen. Manche Defis haben zudem einen Schalter, um zwischen erwachsenen Patienten und Kindern zu wechseln.

Was ist das tückische am Herz-Kreislauf-Stillstand?

Nur etwa einer von 1000 Patienten, die einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleiden, leben ein Jahr später noch ohne Spätfolgen, erklärt Frankl. "Nur circa die Hälfte aller Herzstillstände wird beobachtet – und wenn, dann fast ausschließlich von Laien. Und von diesen Laien wiederum beginnen dann nur etwa 40 Prozent eine Herz-Lungen-Wiederbelebung." In den skandinavischen Ländern liege diese Quote bei über 70 Prozent, weil dort die Erste Hilfe schon in der Grundschule vermittelt werde.

Pro Minute Untätigkeit verliert der Patient zehn Prozent seiner Überlebenschance. Wird die Reanimation erst durch Rettungsdienst und Notarzt begonnen, die im Schnitt zwischen fünf und zehn Minuten für die Anfahrt brauchen, ist die Prognose eher schlecht. "Es kommt also auf den Ersthelfer an. Prüfen, Rufen, Drücken heißt die Devise".

Der Büttelbronner bietet selbst Erste-Hilfe-Kurse an, vor allem für Betriebe und Vereine. Aus der Erfahrung der geringen Helferquote habe sich auch die Ausbildung geändert: "Früher hat man den Menschen eher gesagt, was man alles falsch manchen kann. Die Kursinhalte waren zu detailliert, zu kompliziert. Heute sagt man ihnen, wie sie retten können."

Man müsse es den Menschen einfach machen und ihnen die Angst nehmen, so Frankl. Eine bei der Herz-Druck-Massage gebrochene Rippe sei für den Patienten im Ernstfall das geringste Problem. "Es ist nicht normal, dass jemand einen Herzstillstand bekommt. Aber es muss normal werden, dass man auf jemandem herumdrückt. Erste Hilfe muss selbstverständlich werden."

Herzinfarkt und plötzlicher Herztod verständlich erklärt

Herzinfarkt: Er gehört zur Gruppe der Herz- und Gefäßerkrankungen. Dabei kommt es zum Verschluss eines Herzkranzgefäßes. Von diesem versorgtes Herzmuskelgewebe wird nicht mehr durchblutet und stirbt ab. Die Pumpleistung sinkt rapide, es kommt zu Herzrhythmusstörungen.

Hochrisikogruppen: Eher ältere Menschen, Raucher, Diabetiker, Menschen mit Bluthochdruck und hohen Cholesterinwerten.

Anzeichen: Luftnot. Brustschmerz oft ausstrahlend in Kiefer, linke Schulter/Arm, Bauch oder den Bereich zwischen den Schulterblättern. Manchmal auch nur Engegefühl oder starkes Brennen in der Herzgegend. Übelkeit und Erbrechen.

Männer und Frauen: Bei Männern sind es eher die "klassischen" Anzeichen, die vielen bekannt sind. Bei Frauen sind die Anzeichen teils verschleiert: eher Engegefühl, starke Schmerzen im Oberbauch oder den Armen, Übelkeit und Erbrechen.

Zahlen: In Deutschland kommt es jährlich zu etwa 280 000 Herzinfarkten. Dabei erleiden circa 100 000 Menschen einen plötzlichen Herztod.

Dieses Symbol kennzeichnet die Standorte von Defibrillatoren. © Foto: Benjamin Huck


Plötzlicher Herztod: Durch die Durchblutungsstörungen wird das Reizbildungs- und Reizleitungssystem des Herzens geschädigt. Es kommt zu starken Unregelmäßigkeiten wie Aussetzern, Stolpern oder Herzrasen. Dabei kann der Herzschlag in ein lebensbedrohliches Kammerflimmern übergehen, bei dem das Herz etwa 200 bis 300 Mal in der Minute schlägt. Es hat dabei aber keinerlei Pumpfunktion mehr und vibriert sozusagen nur noch. Von außen ist dies nicht erkennbar und einem kompletten Herz-Kreislauf-Stillstand gleichzusetzen. Der Patient ist bewusstlos, atmet nicht mehr und ist klinisch tot.

Weitere Informationen zu dem Thema gibt es bei der Deutschen Herzstiftung unter www.herzstiftung.de. Uwe Frankl bietet ebenfalls Erste-Hilfe-Kurse an, mehr dazu unter www.firstgraid.de.

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